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Gedanken zum Schabbat

Wer verstehen möchte, worum es in einem Buch geht, muss sorgfältig das Ende untersuchen.

Wochenlesung –  וַיְחִי – Wa´Jechi – Er lebte ; 1.Mose 47,28 – 50,26 ; 1.Könige 2,1 – 12

Das erste Buch Mose Bereschit endet mit drei bedeutungsvollen Bildern in der letzten Wochenlesung „Er lebte“. Und was steht im Mittelpunkt, wenn nicht die Familie? Der Kern in der Anfangsgeschichte des Volkes Israel.

 

Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.  


 

Im ersten Bild segnet Jakob seine Enkel Ephraim und Manasse. Bis heute ist es üblich, dass Eltern ihre Kinder am Schabbatabend mit den Worten segnen: „Gott mache dich wie Ephraim und Manasse“. Es gibt auch eine gute Antwort auf die Frage, warum gerade dieser Segen gewählt wurde. Weil die anderen familiären Segen in der Bibel Segen von Vätern an ihre Söhne sind. Und zwischen Vätern und ihren Söhnen kann es Spannungen geben. Jakobs Segen für Ephraim und Manasse ist das einzige Beispiel für einen Großvater, der seine Enkel segnet. Zwischen Großvätern und Enkeln gibt es keine Spannungen, nur reine Liebe.

Im zweiten Bild segnet Jakob seine zwölf Söhne. Hier ist die Spannung spürbar. Seinen Segen für seine drei ältesten Söhne, Ruben, Simeon und Levi, erscheinen eher wie Flüche. Und doch segnete er alle zwölf zusammen, im selben Raum und zur selben Zeit. Bisher haben wir so etwas nicht gesehen. Die Bibel dokumentiert keinen Segen von Abraham an Isaak oder Ismael. Isaak segnet Jakob und Esau getrennt. Allein Jakobs Fähigkeit, alle seine Söhne zu versammeln, ist beispiellos und wichtig. In der nächsten Parascha, im ersten Kapitel in 2.Mose, werden die Kinder Israels zum ersten Mal als Volk beschrieben. Um als Volk zusammenleben zu können, müssen sie zuerst fähig sein, als Familie zusammenzuleben.

Im dritten Bild bitten die Brüder nach Jakobs Tod Josef um Vergebung und er vergibt ihnen. Er hatte dies bereits zuvor getan. Aber es scheint, als ob sie befürchteten, er warte nur darauf, dass ihr Vater stirbt, wie es einmal bei Esau der Fall war. Es scheint, dass es damals üblich war, dass Söhne innerhalb der Familie nicht rächen, solange der Vater noch lebt.

Josef geht direkt auf diese Angst seiner Brüder ein und beruhigt sie. „Ihr gedachtet zwar Böses wider mich, aber Gott gedachte es gut zu machen, dass er täte, wie es jetzt am Tage ist, um viel Volk am Leben zu erhalten“, sagte ihnen Josef. Das Wort Gottes sendet uns hier eine unerwartete Botschaft: Die Familie geht vor! Vor Land, Nation, Politik, Wirtschaft, Machtstreben und Reichtum.

Von außen betrachtet, ist die beeindruckende Geschichte hier Josefs Aufstieg zur Machtspitze in Ägypten. Die Ägypter trauerten um den Tod seines Vaters Jakob und begleiteten die Familie auf ihrer Beerdigungsreise, so sehr, dass die Kanaaniter von der prachtvollen Prozession begeistert waren. „Als aber die Bewohner des Landes, die Kanaaniter, die Trauer bei der Tenne Atad sahen, sprachen sie: ´Die Ägypter halten da eine große Klage!` Daher wurde der Ort, welcher jenseits des Jordan liegt, der Ägypter Klage genannt“.

Aber das ist nur die äußere Schicht. Wenn wir die Seite umdrehen und das zweite Buch Mose beginnen, Exodus, entdecken wir, dass die Stellung der Kinder Israels in Ägypten sehr prekär war und all die Macht, die Josef in Pharaos Hände konzentrierte, sich nun gegen sie gewendet hatte. Das erste Buch Mose ist kein Buch über Macht und Herrschaft. Es ist ein Buch über Familien. Denn das Zusammenleben beginnt in der Familie. Die Bibel sagt nicht, dass das Gründen und Erhalten einer Familie einfach ist. Väter und Mütter, insbesondere Sarah, Rebekka und Rachel, kennen den Schmerz der Unfruchtbarkeit. Sie wissen, was es bedeutet, auf das Öffnen eines Hoffnungsfensters zu warten, und dann wieder darauf zu warten.

Bruderfeindschaft ist auch ein immer wiederkehrendes Thema im Wort Gottes. Der Dichter der Psalmen erzählt uns: „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beisammen wohnen!“ (133, 1). Er hätte hinzufügen können – „und wie selten“. Schon in der Morgendämmerung der Menschheitsgeschichte tötet Kain Abel.

Die Spannungen zwischen Sarah und Hagar führen zur Vertreibung Hagars und Ismaels sowie zur Trennung Ismaels von seinem Vater Isaak. Es gibt Rivalitäten zwischen Jakob und Esau und zwischen Josef und seinen Brüdern. In beiden Fällen kommen die Dinge fast zu einem Mord. Trotzdem mindert dies nicht die Bedeutung der Familie. Im Gegenteil, die Familie ist das Hauptinstrument für Segen. Kinder werden als zentraler Bestandteil des göttlichen Segens dargestellt, genau wie das Land. Die Heilige Schrift sagt uns offen, dass die Familie eine wahre Herausforderung ist. Die Beziehungen zwischen Ehepartnern und zwischen Eltern und Kindern sind nur in seltenen Fällen wunderbar. Aber wir müssen daran arbeiten, sie zu verbessern. Das gehört zum Leben.

Es gibt keine Garantie, dass wir erfolgreich sein werden. Selbst die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob waren zeitweise nicht unbedingt erfolgreich. Dennoch ist die Familie die menschlichste Institution, die wir haben. Keine heiligen Familien, sondern ganz normale menschliche Familien. Die Familie ist der Ort, an dem Liebe neues Leben hervorbringt. Diese Tatsache allein lehrt uns, dass die Familie die geistlichste aller Institute ist. In der Familie erhalten wir auch unsere wichtigste und langanhaltendste moralische Erziehung.

Das erste Buch Mose, Bereschit (wörtlich: Anfang) ist also kein Loblied einer Familie. Es ist ein ehrlicher, offener und detaillierter Bericht über den Umgang mit einigen der weniger angenehmen Dingen, die in Familien passieren, auch in den besten Familien. Diese drei Bilder am Ende des Buches sind drei wichtige Schlussfolgerungen aus dieser Auseinandersetzung. Erstens: Großeltern sind Teil der Familie und ihr Segen für die Enkel ist wichtig. Zweitens: Jakob zeigt, dass ein Vater alle seine Kinder segnen kann, auch wenn seine Beziehungen zu einigen von ihnen beschädigt sind. Drittens: Josef zeigt, dass ein Bruder seinen Brüdern vergeben kann, auch wenn sie ihm sehr wehgetan haben.

Aber – die Familie ist das Nest, in dem wir lernen, mit dem Leben umzugehen, und wir können darauf nicht verzichten, auch wenn es dort schwierig und nicht immer angenehm ist. Diejenigen, die vor der Familie fliehen, fliehen wie vor der Welt ohne familiäre Liebe, familiäre Erziehung und familiäre Herausforderungen. Der Mensch ist nicht bereit für die Prüfungen, Urteile und Forderungen der äußeren Welt. Und zu unserer Überraschung ist das das Thema in Bereschit. Nicht die Schöpfung der Welt, der nur ein Kapitel gewidmet ist, sondern die Bewältigung familiärer Konflikte.

Erst als Abrahams Nachkommen starke Familien gründen konnten, konnte die Familie von Bereschit zum zweiten Buch Mose, Exodus, übergehen und endlich eine Nation werden.

 

Schabbat Schalom!

 

Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :

  •  Jerusalem – Beginn 16:14, Ausgang 17:32
  •  Tel Aviv – Beginn 16:35, Ausgang 17:34
  •  Haifa – Beginn 16:22, Ausgang 17:31
  •  Beersheva – Beginn 16:36, Ausgang 17:35
  •  Eilat – Beginn 16:29, Ausgang 17:39

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Patrick Callahan

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