Anat ist nicht nur meine Kollegin, sie ist zuerst meine Ehefrau. Ich kenne ihre Gedankenwelt, ihre Sensibilität, ihre Tiefe. Am vergangenen Schabbat schrieb sie über das Pessachmahl und das letzte Abendmahl in Jerusalem so, wie sie den biblischen Zusammenhang versteht. Parallel dazu habe ich entschieden, ein Foto der israelischen Fotografin Angelika Sher zu veröffentlichen: zwölf Soldatinnen, die mit Wassermelonen um einen Tisch sitzen. Ein Bild, das der berühmten Abendmahlsszene von Leonardo Da Vinci nachempfunden ist und somit provoziert. In Anats Meinungsartikel geht es nicht nur um einen Text, sondern um die Frage, wie wir Glauben überhaupt verstehen. Was passiert, wenn biblische Geschichten nicht nur erinnert, sondern in unsere Gegenwart hineingetragen werden? Darf Kunst das Heilige herausfordern, verschieben, neu deuten oder endet hier die Grenze zur Blasphemie? Ich habe mich bewusst entschieden, genau diese Spannung sichtbar zu machen, zwischen Tradition und Gegenwart, zwischen Glaube und Realität, zwischen dem, was war, und dem, was heute ist.
Anat schrieb in ihrer Auslegung, dass seit jener Nacht das Pessachmahl zu einem Ritual der Erinnerung geworden ist. „Doch das Opfer ist nicht nur Ausdruck von Annäherung. Es ist auch eine Brücke. Es schafft Wiederherstellung in Beziehungen, die beschädigt wurden, zwischen Mensch und Gott und zwischen Menschen untereinander. In dieser Welt fand auch das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern statt. Jesus und seine Jünger kamen als Juden nach Jerusalem, um Pessach zu feiern und gemeinsam das Festmahl einzunehmen. Am Pessachtisch, beim Brechen der Matze (Brotbrechen) und im Kelch, verbindet sich die Erinnerung an die äußere Befreiung Israels mit einer neuen, inneren Dimension von Erlösung. Was zunächst als rätselhafte Handlung erschien, wurde für die Jünger im Rückblick zur Deutung ihres Glaubens: Freiheit ist nicht nur ein historisches Ereignis, sondern eine geistliche Wirklichkeit, die sich im Leben des Menschen immer wieder neu entfaltet.“
Zurück zum Foto von Angelika Sher. Ich kenne sie und ich liebe diese Art von Kunst, auch wenn manche Menschen die ihnen ungewohnte Darstellung bzw. die Interpretation einer jüdischen Künstlerin als Blasphemie verurteilen, nur weil ihnen vielleicht die Frauen am Tisch nicht zum Abendmahl passen. Und wisst ihr was, selbst das legendäre „Letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, das vor etwa 530 Jahren im Kloster Santa Maria delle Grazie entstand, wurde nicht im biblischen Sinn veröffentlicht, sondern als Wandgemälde geschaffen. Schon damals galt das Werk als ungewöhnlich, weil Leonardo die Jünger menschlich, emotional und ohne klassische Heiligkeit darstellte. Was heute als ikonisch gilt, war ursprünglich selbst ein Bruch mit Traditionen und wurde von Zeitgenossen durchaus kritisch gesehen.
Shers Fotografie ist weit mehr als eine moderne Anspielung auf das letzte Abendmahl, sie verlagert das Heilige radikal in die Gegenwart Israels. Aus Jüngern werden Soldatinnen, aus einem sakralen Innenraum wird die offene Landschaft Jerusalems, das Heilige Land. Das Heilige wird nicht abgeschafft, es wird in Israels Gegenwart verlagert. Der Tisch mit der blauen Decke, die Israel symbolisiert, steht nicht mehr für eine vergangene Erlösungsgeschichte, sondern für eine lebendige, oft widersprüchliche Realität Israels, Alltag und Ausnahmezustand, Leben und Bedrohung, Nähe und Verteidigung.
Die Wassermelone ist dabei ein zentrales Symbol. Ihre rote Farbe erinnert an Blut, aber nicht nur im christlichen Sinn, sondern auch im existenziellen, israelischen Kontext wie Opfer, Verlust, aber zugleich Leben und Fruchtbarkeit. Es ist kein zufälliges Essen, sondern etwas zutiefst Regionales und genau darin liegt die Spannung. Das Sakrale trifft auf Israels Alltag. Hinzu kommt die Rolle der Frauen. Zwölf Soldatinnen statt zwölf männlicher Jünger, das ist keine bloße Provokation, sondern eine andere Perspektive. Sie stehen für eine Generation, die nicht predigt, sondern dient, nicht symbolisch opfert, sondern real Verantwortung trägt. Das Motiv des Opfers wird in Israels Realität neu vorgestellt. Auch der Verzicht auf Pathos ist entscheidend. Gerade dadurch entsteht Tiefe. Das Bild wirkt fast beiläufig und genau das macht es stark. Es sagt, das Heilige ist nicht verschwunden. Es ist keine Parodie des letzten Abendmahls, sondern seine Fortsetzung in einer Welt, in der Erlösung nicht mehr nur erzählt, sondern täglich verteidigt werden muss.
Gemäß Bibel hat Israel eine besondere Rolle unter den Nationen, etwa als „Licht für die Völker“ (Jesaja). Auch die Erfahrung von Leid, Opfer und Verantwortung wird in der biblischen Geschichte immer wieder als Teil dieser Berufung verstanden. In diesem Sinne sehen Juden oft eine Parallele mit Jesus, ein Volk, das nicht nur für sich lebt, sondern in gewisser Weise eine größere Last trägt. Vor etwa zehn Jahren zeigte eine Ausstellung im Israel-Museum in Jerusalem, wie jüdische und israelische Künstler die Figur Jesu neu interpretiert haben, oft nicht religiös, sondern als kulturelles, historisches oder sogar politisches Symbol. „Seht den Menschen: Jesus in israelischer Kunst“. Wir haben damals die verschiedenen Kunstwerke in einer Serie im Israel-Heute-Magazin vorgestellt.
Darüber hinaus habe ich immer wieder betont, dass israelische und jüdische Künstler sich mehr mit dem Jesus aus dem Neuen Testament befassen, als so genannte christliche Künstler im christlichen Westen. Jesus fasziniert das jüdische Volk, sehr sogar. Und wenn ihr meint, das Juden Jesus vielleicht falsch interpretieren, dann kann man gut und gerne der christlichen Kirchengeschichte dafür die Schuld geben, die das Image des jüdischen Jesus in den letzten zwei Jahrtausenden stark verzerrt haben. Und wenn in der israelischen Kunst ein anderer Jesus zum Ausdruck kommt, anders als Christen sich ihren Jesus vorstellen, schimpft man oft schnell und spricht von Blasphemie. Schlimmer als diese vorgeworfene Blasphemie war die Verfolgung der Juden im Namen Jesus.
Natürlich kann man über Auslegungen von Texten, Kunst und Bildern streiten, und genau das macht ihren Wert aus. Ich liebe Kunst. Vor vielen Jahren habe ich bereits das bekannte Werk von Adi Ness veröffentlicht, seine Interpretation des letzten Abendmahls mit zwölf Soldaten um einen Tisch. Das Original hängt im Israel-Museum, und bei mir zu Hause ein wunderschöner Druck davon.
Mein Vater liebte dieses Bild und jeder, der unser Wohnzimmer betrat, blieb daran hängen. Es löste Gespräche aus, unterschiedliche Deutungen, und am Ende führte der Weg fast immer zurück zu einer Frage: Was bedeutet das letzte Abendmahl heute? Vielleicht liegt genau darin der Punkt. Wer sich in seinem Glauben oder Denken zu sehr einengt, verpasst diese Tiefe. Ich tue das nicht. Und ehrlich gesagt, es ist mir heute egal, wenn sich manche daran stoßen. Es ist ihr gutes Recht, genauso wie es mein Recht ist, anders zu denken und solche Werke zu zeigen. Denn genau diese Kunst bringt mich weiter. Sie zwingt mich, neu zu fragen, neu zu sehen und unseren Glauben, unser Leben und sogar Gott nicht nur in alten Bildern, sondern in unserer heutigen Realität zu verstehen.





Danke Aviel Schn̈eider
das ist eine gute erklärung
für die die meinen sie hätten das Recht andere Ansichten so grausam zu verurteilen.
«Selbst das legendäre „Letzte Abendmahl“ von Leonardo da Vinci, das vor etwa 530 Jahren … entstand, … Schon damals galt das Werk als ungewöhnlich, weil Leonardo die Jünger menschlich, emotional und ohne klassische Heiligkeit darstellte. Was heute als ikonisch gilt, war ursprünglich selbst ein Bruch mit Traditionen und wurde von Zeitgenossen durchaus kritisch gesehen.»
Oder wie es Martin Werlen, ehemaliger Abt des Klosters Einsiedeln, vor ein paar Jahren treffend formuliert hat: «Es ist tragisch, wenn gegen den heutigen Zeitgeist gewettert wird, um am Zeitgeist vergangener Jahrhunderte kleben zu bleiben.»
In diesem Sinne freue ich mich auch weiterhin auf Gedanken und Sichtweisen aus jüdischer Perspektive.
Die Erklärung von Aviel erhellt das jüdische Denken. Diese Klarstellung ist wichtig für uns, die wir aus einer anderen Sichtweise kommen.
Trotzdem möchte ich unser Verständnis beibehalten. Das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern geht für gläubige Christen nahtlos über in die Feier des Herrenmahls oder Brotbrechen, nicht in den säkularen Alltag,
Hanna Fritz