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Gedanken zum Schabbat

Was lernen wir aus dem Unglück in der Familie von Aaron, als seine zwei Söhne Nadav und Avihu vom Feuer Gottes verzehrt wurden?

Aaron

Wochenlesung –  שְׁמִינִי– Schemini – Am achten Tag ; 3.Mose 9,1 -11,47 ; 2.Samuel 6,1 – 7 + 17

 

Warum schweigt Aaron und warum redet Mose? Mose und Aaron verkörpern zwei Seiten des Menschseins. Welche sind es und was sagt das über das Volk Israel? Darüber geht es in unserer Wochenlesung…

 

Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.   


 

Ein großer Tag steht bevor. Der Mischkan, das erste Haus der Gottesverehrung, war vollendet – die Stiftshütte bzw. das Stiftszelt. Alle Vorbereitungen waren getroffen. Mose hatte es sieben Tage lang eingeweiht, und nun war der achte Tag gekommen – Rosch Chodesch Nissan. Die Priester, allen voran Aaron, waren bereit, ihren Dienst zu beginnen. Doch dann geschah die Katastrophe. Nadav und Avihu, zwei Söhne Aarons, brachten ein „fremdes Feuer dar, das ihnen nicht befohlen worden war“. „Da ging Feuer von dem HERRN aus und verzehrte sie, und sie starben vor dem HERRN“.

In den folgenden Versen lesen wir zwei Gespräche zwischen Mose und Aaron. Das erste – direkt nach dem Unglück: „Da sprach Mose zu Aaron: Das hat der HERR gemeint, als er sprach: Ich will geheiligt werden durch die, welche zu mir nahen, und geehrt werden vor allem Volk! Und Aaron schwieg still“. Mose redet und Aaron schweigt. Dies, obwohl Aaron der offizielle Sprecher seines Bruders war. Nachdem dieses einseitige Gespräch beendet ist, befiehlt Mose, die Leichname zu entfernen. Danach instruiert er Aaron und dessen übrige Söhne über die Trauervorschriften. Und als er überprüfen will, ob die Opfer des Tages ordnungsgemäß dargebracht wurden, stellt er fest: Der Sündenbock wurde verbrannt – statt wie geboten gegessen.

Mose suchte sorgfältig nach dem Bock des Sündopfers – und siehe, er war verbrannt worden. Da wurde er zornig auf Elasar und Itamar, die übrig gebliebenen Söhne Aarons, und sprach: „Warum habt ihr das Sündopfer nicht gegessen an heiliger Stätte? Denn es ist hochheilig, und er hat es euch gegeben, dass ihr die Missetat der Gemeinde traget, um für sie Sühne zu erwirken vor dem HERRN! Siehe, sein Blut ist nicht in das Innere des Heiligtums hineingekommen; ihr hättet ihn im Heiligtum essen sollen, wie ich geboten habe.“ Da sprach Aaron zu Mose: „Siehe, heute haben sie ihr Sündopfer vor dem HERRN geopfert, und es ist mir solches widerfahren; sollte ich heute vom Sündopfer essen? Wäre es auch wohl getan in den Augen des HERRN? Als Mose solches hörte, war es wohlgefällig in seinen Augen“.

Diese beiden Gespräche öffnen ein weites Fenster für tiefere Einsichten. Im ersten Gespräch sorgt sich Mose um Aaron, versucht seinen Bruder zu trösten, der gerade zwei Söhne verloren hat. Er sagt: „Ich will geheiligt werden durch die, welche zu mir nahen“, das heißt durch die, die mir nahe stehen, wird meine Heiligkeit offenbar. Würde Mose seine Worte in unserer Sprache wiedergeben, könnte er etwa so gesprochen haben: „Mein Bruder, gib jetzt nicht auf. Wir sind gemeinsam einen weiten Weg gegangen. Wir haben Höhen erklommen und ich weiß, dein Herz ist gebrochen – meines auch. Wir beide dachten doch, dass das Leid hinter uns liegt, dass wir nach all dem, was wir in Ägypten, am Schilfmeer, im Kampf mit Amalek und beim goldenen Kalb durchgestanden haben, nun endlich zur Ruhe kommen. Und dann geschieht diese furchtbare Tragödie. Aaron, gib nicht auf. Verliere nicht deinen Glauben. Deine Söhne starben nicht, weil sie böse waren – sondern weil sie heilig waren. Sie haben zwar einen Fehler gemacht, aber ihre Absicht war rein. Sie wollten einfach zu viel.“

Doch trotz dieser tröstenden Worte schwieg Aaron. In seinem ungeheuren Schmerz fand er keine Worte. Im zweiten Gespräch geht es Mose um etwas anderes – um das Volk. Der Bock des Sündopfers sollte ja für dessen Verfehlungen sühnen. Wieder, wenn wir den biblischen Text mit unserer Sprache ausschmücken, hätte Mose sagen können: „Mein Bruder, ich weiß, du stehst unter schwerem Schock. Aber du bist nicht nur ein privater Mensch. Du bist der Hohepriester Israels. Das Volk braucht dich, dass du deine Pflichten erfüllst – egal, wie du dich fühlst.“ Doch diesmal antwortet Aaron. In heutigen Worten vielleicht so: „Heute ist mir das Schrecklichste widerfahren. Meine Söhne, die vor Gott geopfert haben, sind tot. Hätte es Gott wirklich gefallen, wenn ich heute – in meinem Zustand – das Opfer gegessen hätte?“

Was genau Aaron meinte, können wir nur ahnen. Vielleicht: „Ich weiß, dass ein Hohepriester sich nicht wie ein gewöhnlicher Mensch verhalten darf, wenn er trauert. Und ich akzeptiere das. Aber hätte ich heute, am Tag der Einweihung der Stiftshütte, so getan, als sei nichts geschehen, als wären meine Söhne nicht gestorben – hätte ich dann nicht wie ein gefühlloser Mensch gewirkt? Hätte das Volk nicht geglaubt, dass Gottesdienst nur durch Aufgabe von Menschlichkeit möglich ist?“

Und diesmal ist es Mose, der schweigt. Aaron hatte recht und Mose wusste es. In diesem Dialog zwischen den Brüdern zeigt sich großer Mut – auf beiden Seiten. Aarons Mut, seiner Trauer Raum zu geben. Und Moses Mut, trotz allem weiterzumachen. Diese emotionale Doppelheit prägt das jüdische Volk bis heute. Ein Volk, das unendlich viel gelitten hat – und dennoch nicht seine Menschlichkeit verlor. Wie Aaron hat es seinen Schmerz nicht betäubt, nicht verdrängt – sondern ihn durchlebt. Und wie Mose hat es nicht den Glauben verloren.

Doch auch wie Aaron hat es diesen Glauben nie benutzt, um seine Gefühle oder seine Menschlichkeit zu betäuben. Trotz aller Erklärungen bleibt der Schmerz furchtbar – denn wären wir sonst noch Menschen? Und dennoch hat das jüdische Volk wie Mose die Kraft gefunden, aufzustehen, Hoffnung gegen die Verzweiflung zu setzen, das Leben dem Tod entgegenzuhalten. Mose und Aaron verkörpern zwei Seiten des Menschsein. Die menschliche Emotion einerseits und den Glauben an Gott, an den Bund und an die Zukunft andererseits. Ohne den Glauben verlieren wir die Hoffnung. Ohne das Gefühl verlieren wir unsere Menschlichkeit. Es ist nicht leicht, dieses Gleichgewicht zu halten – aber es ist lebenswichtig.

Der Glaube bewahrt uns nicht vor Unglück, aber er gibt uns die Kraft zu trauern, und dann, trotz allem, weiterzugehen.

 

Schabbat Schalom!

 

Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :

  •  Jerusalem – Beginn 18:35, Ausgang 19:53
  •  Tel Aviv – Beginn 18:57, Ausgang 19:55
  •  Haifa – Beginn 18:47, Ausgang 19:56
  •  Beersheva – Beginn 18:56, Ausgang 19:53
  •  Eilat – Beginn 18:43, Ausgang 19:52

 

 

Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.  

About the author

Patrick Callahan

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