Wochenlesung – וַיִּגַּשׁ– Wa`Jigasch – Er trat heran ; 1.Mose 44,18 – 47,27 ; Hesekiel 37,15 – 28
Josef liebte seine Brüder, obwohl sie ihn töten wollten und ihn letztendlich an die Ismaeliten verkauften, die ihn nach Ägypten mitnahmen. Als er seinen Brüdern nach vielen Jahren wieder begegnete, musste Josef sich ihnen offenbaren, denn sie hatten ihn als rechte Hand des Pharaos nicht wiedererkannt. Er tat dies mit Liebe und stellte ihnen eine andere Geschichte der Vergangenheit vor.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
In der Wochenlesung „Er trat heran“ unternimmt Josef eine ungewöhnliche Handlung. Als er sich seinen Brüdern offenbart, erkennt er, dass dies sie erschüttert und Schuldgefühle über die Umstände seines Abstiegs nach Ägypten wecken wird. Daher bietet er eine neue Auslegung der Vergangenheit und der Familiengeschichte an. „Da sprach Joseph zu seinen Brüdern, tretet doch her zu mir! Als sie nun näher kamen, sprach er zu ihnen: Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt! Und nun bekümmert euch nicht und ärgert euch nicht darüber, dass ihr mich hierher verkauft habt, denn zur Lebensrettung hat mich Gott vor euch her gesandt! Denn dies ist das zweite Jahr, dass die Hungersnot im Lande herrscht, und es werden noch fünf Jahre ohne Pflügen und Ernten sein. Aber Gott hat mich vor euch hierher gesandt, damit ihr auf Erden überbleibt, und um euch am Leben zu erhalten zu einer großen Errettung. Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott, Er hat mich dem Pharao zum Vater gesetzt und zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrscher über ganz Ägyptenland“. Übrigens, dies ist eine wunderschöne Parallele zwischen Josef und dem Messias, demnach sich Jesus eines Tages dem Volk Israel zu erkennen geben wird.
Diese Darstellung der Ereignisse unterscheidet sich grundlegend von der, die Josef dem Schenkwärter im Gefängnis erzählte: „denn ich bin aus dem Lande der Hebräer gestohlen worden und habe auch hier gar nichts getan, wofür man mich einzusperren brauchte“. Damals war es eine Geschichte von Entführung und Unrecht. Und jetzt erzählt Josef eine Geschichte göttlicher Vorsehung und Erlösung. „Es war nicht ihr,“ sagt er zu seinen Brüdern, „es war Gott.“ Wir sind alle Teil eines großen Plans. Und obwohl die Dinge schlecht begonnen haben, endeten sie gut. Also beschuldigt euch nicht selbst. Und fürchtet euch nicht vor meinem Verlangen nach Rache. Ich habe kein solches Verlangen, denn ich verstehe, dass wir alle in die Hände einer Macht gelegt wurden, die größer ist als wir und unsere Fähigkeit zu verstehen. So beruhigt Josef seine Brüder.
Jahre später, nach Jakobs Tod, fürchten die Brüder, dass Josef diesen Moment abgewartet hat, um sich zu rächen und bieten sich ihm als Sklaven an. Auch dann beruhigt Josef sie wieder: „Aber Joseph sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Bin ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet zwar Böses wider mich; aber Gott gedachte es gut zu machen, dass er täte, wie es jetzt am Tage ist, um viel Volk am Leben zu erhalten. Josef hilft seinen Brüdern, ihre Erinnerung an die Vergangenheit zu korrigieren“.
Indem er dies tut, widerspricht er einer der grundlegenden Annahmen über die Zeit, dass sie asymmetrisch ist. Dass nur die Zukunft geändert werden kann, aber die Vergangenheit nicht. Ist diese Annahme wirklich vollständig richtig? Josef verwendet hier, für seine Brüder, ein Prinzip, das er zuvor für sich selbst verwendet hat, die Ereignisse haben seine Auffassung der vorherigen Ereignisse geändert. Nach diesem Prinzip können wir das, was uns jetzt widerfährt, nur in der Zukunft vollständig verstehen, wenn wir zurückblicken und die Rolle der aktuellen Zeit in der vollständigen Ereigniskette verstehen.
So sind wir nicht Gefangene der Vergangenheit. Es können uns Dinge passieren, vielleicht nicht so dramatisch wie die, die Josef passiert sind und doch gute Dinge, die die Art und Weise, wie wir unsere Vergangenheit sehen und erinnern, von Grund auf ändern können. Durch Handeln in der Zukunft können wir uns von den Leiden der Vergangenheit befreien. In der Therapiewelt kann ich Ihnen sagen, dass diese Methode verwendet wird, um Menschen zu rehabilitieren, die unter ihrer Vergangenheit leiden. Es ändert nicht die Vergangenheit, sondern die Interpretation, die wir für diese Ereignisse haben, während sie in unser jetziges Leben integriert werden.
Das tat Josef aus Liebe zu seinen Brüdern, aus Lieben zu seinem Volk Israel. Diese Technik half ihm, in einem Leben extremer Höhen und Tiefen standhaft zu bleiben, und jetzt verwendet er sie, um seinen Brüdern zu helfen, ohne unter der Last der Schuld zusammenzubrechen.
Das Volk Israel hat diese Idee im Laufe der Zeit angenommen und sich über die Generationen daran festgehalten. In fast jeder Generation in der Geschichte Israels wurden die Schriften im Lichte der gegenwärtigen Erfahrungen neu interpretiert. Wir sind ein Volk, das Geschichten erzählt und dann erzählen wir sie immer wieder, jedes Mal mit einem leicht anderen Schwerpunkt, und so etablieren wir die Verbindung zwischen damals und jetzt, indem wir die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart neu lesen.
Indem wir der Gegenwart erlauben, die Art und Weise zu ändern, wie wir die Vergangenheit verstehen, erlösen wir unsere Geschichte und ermöglichen ihr, als wohltuende Kraft in unserem Leben zu wirken. Indem wir das nächste Kapitel in unserem Leben schreiben, beeinflussen wir die vorherigen Kapitel, die bereits in unserem Leben passiert sind. Das heißt, durch Handeln in der Zukunft können wir einen erheblichen Teil der Schmerzen der Vergangenheit heilen.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 16:08, Ausgang 17:27
- Tel Aviv – Beginn 16:29, Ausgang 17:28
- Haifa – Beginn 16:16, Ausgang 17:26
- Beersheva – Beginn 16:31, Ausgang 17:30
- Eilat – Beginn 16:24, Ausgang 17:34





Amen! Was für wertvolle Gedanken.