Wochenlesung – במִּשְׁפָּטִ֔ים– Mischpatim – Rechte ; 2.Mose 21,1 – 24,18 ; Jeremia 34,8 – 22
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Die Wortverbindung „Na’asseh We´Nischma“ (נַעֲשֶׂה וְנִשְׁמָע) bedeutet „Wir werden tun und wir werden hören“. Sie taucht gegen Ende unserer Wochenlesung auf und gehört zu den bekanntesten in der jüdischen Tradition. Unsere Vorfahren sprachen sie, als sie den Bund am Sinai annahmen. Sie befanden sich damals in einem Zustand höchster geistlicher Erhebung – im Gegensatz zu den Erfahrungen von Klagen, Sünden, Widersetzlichkeit und Halsstarrigkeit, die ihre Wanderung in der Wüste prägten. Doch was genau bedeuten diese Worte?
„Na’asseh“ (נַעֲשֶׂה) ist eindeutig – es geht zuerst um eine Handlung und das Tun. Aber das biblische Hebräisch verleiht „Nischma“ (נִשְׁמָע) mehrere Bedeutungen. Es kann einfach „hören“ bedeuten, aber es kann auch als „gehorchen“ oder „verstehen“ ausgelegt werden.
Ein genaues Studium der Texte zeigt, dass das Volk Israel den Bund drei Mal annahm, doch die jeweiligen Verse unterscheiden sich deutlich voneinander:
„Da antwortete das ganze Volk miteinander und sprach: Alles, was der HERR gesagt hat, das wollen wir tun (נַעֲשֶׂה)! Und Mose überbrachte dem HERRN die Antwort des Volkes“. (2.Mose 19,8)
„Mose kam und erzählte dem Volk alle Worte des HERRN und alle die Verordnungen. Da antwortete das Volk einstimmig und sprach: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun (נַעֲשֶׂה)!“ (2.Mose 24,3)
„Darauf nahm er das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volkes. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, das wollen wir tun (נַעֲשֶׂה) und hören (נִשְׁמָע)!“ (2.Mose 24,7) Der dritte Vers unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten. Nur hier erscheint der Ausdruck „Na’asseh We´Nischma“.
Hier fehlt die Betonung darauf, dass das Volk mit „einer Stimme“ oder „gemeinsam“ sprach. In Sachen „Na’asseh“ – der praktischen Ausführung der Gebote – sind wir eine Einheit. Dies ist das, was das jüdische Volk über Generationen hinweg verbunden hat. Das Judentum ist ein System von Gesetzen, ein Verhaltenskodex. Um als Volk zu bestehen, bedarf es eines Konsenses. Daher sprechen die Israeliten in den ersten beiden Versen „gemeinsam“, mit „einer Stimme“. In Sache „Nischma“ – des Verstehens – müssen wir jedoch nicht einheitlich sein. Im Judentum gibt es viele Menschen mit unterschiedlichen Gedanken und Ansätzen, wie Rationalisten und Weise, Philosophen und Dichter, Gelehrte mit bodenständiger Logik und Gerechte, die sich zu den Höhen der Spiritualität erheben.
Die Weisen sagten, dass am Sinai jeder die göttliche Offenbarung auf seine eigene Weise empfing. Das, was das Volk vereint – oder zumindest einen sollte –, ist das Handeln, nicht das Denken. Wir führen dieselben Taten aus, aber wir verstehen sie unterschiedlich. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im Judentum keine verbindlichen Glaubensgrundsätze gibt.
Es gibt sie:
- Schöpfung – Der Glaube, dass die Welt von Gott erschaffen wurde.
- Offenbarung – Die Bibel als göttliches Wort.
- Erlösung – Die Geschichte als Ausdruck göttlichen Willens.
Doch innerhalb dieser weit gefassten Parameter muss jeder seinen eigenen Zugang zur göttlichen Gegenwart, zur Liebe Gottes und das Verständnis zum Glauben an Ihn finden. Das Judentum umfasst sowohl Glauben als auch Praxis. Aber es gewährt jedem großen Spielraum, den Glauben seiner Vorfahren auf seine Weise zu verstehen.
„Na’asseh We´Nischma“ – Wir tun und wir hören“ bedeutet also nicht nur volles Vertrauen in Gott, indem wir tun, was Er von uns verlangt und dann Ihm zuhören, um zu verstehen, weshalb und was wir tun. Es bedeutet auch „Wir tun und verstehen“, also wir alle handeln auf dieselbe Weise, doch jeder von uns versteht es auf seine Weise. Die Taten vereinen uns – und gleichzeitig bleibt Raum für den persönlichen Weg zur eigenen Glaubensüberzeugung.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 16:51, Ausgang 18:07
- Tel Aviv – Beginn 17:12, Ausgang 18:08
- Haifa – Beginn 17:01, Ausgang 18:07
- Beersheva – Beginn 17:13, Ausgang 18:09
- Eilat – Beginn 17:04, Ausgang 18:11




