Wochenlesung – בְּהַר– Behar – Auf dem Berge ; 3.Mose 25,1 – 26,2 ; Jeremia 32,6 – 27
Der Text analysiert, wie die Bibel auf verschiedenen Ebenen, politisch, psychologisch und theologisch auf die Frage von Gerechtigkeit, Eigentum und sozialem Ausgleich antwortet. Dabei zeigt sich eine klare Vision: Die Freiheit des Einzelnen und die Verantwortung für das Gemeinwohl sollen nicht im Widerspruch stehen, sondern in einer von Gott gestifteten Ordnung miteinander versöhnt werden.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
In unserer Wochenlesung in 3.Mose befasst sich Kapitel 25 mit einem Problem, mit dem wir auch 3300 Jahre, nachdem es erstmals thematisiert wurde, immer noch zu kämpfen haben – dem unausweichlichen Ungleichgewicht, das in jeder freien Wirtschaft besteht. Die Marktwirtschaft versteht es, Wohlstand zu schaffen, doch in der Verteilung dieses Wohlstands ist sie deutlich weniger erfolgreich. Es entstehen immer Unterschiede zwischen denen, die erfolgreicher sind und denen, die es weniger sind, und diese Unterschiede wachsen mit der Zeit. Wirtschaftliche Ungleichheit führt zu einem Machtungleichgewicht, das in vielen Fällen dazu führt, dass die Stärkeren die Schwächeren ausnutzen.
Die Propheten Israels sprachen diese Problematik immer wieder an. Amos zählt die Vergehen Israels auf: „Weil sie den Gerechten für Geld verkaufen und den Bedürftigen für ein Paar Sandalen, die den Staub der Erde auf dem Haupt der Armen zertreten und das Recht der Sanftmütigen beugen.“ (Amos 2, 6–7) Jesaja ruft aus: „Wehe denen, die Unrecht beschließen und die Gesetze des Elends niederschreiben, um das Recht der Armen zu beugen und das Urteil der Bedürftigen meines Volkes zu rauben, um Witwen zu ihrem Raub zu machen und Waisen auszubeuten.“ (Jesaja 10, 1–2) Micha klagt an: „Wehe denen, die Unrecht planen und Böses tun auf ihren Lagern – beim Morgenlicht führen sie es aus, denn es steht in ihrer Macht. Sie begehren Felder und rauben sie, Häuser und nehmen sie; sie unterdrücken den Mann und sein Haus, den Menschen und sein Erbe.“ (Micha 2, 1–2)
Dieses Problem ist in nahezu jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit existent. Die Bibel nähert sich dieser komplexen Thematik nicht mit eindimensionalen Antworten. Auf der einen Seite ist Gleichheit ein Wert, doch auch die Freiheit ist wichtig. Kommunismus und Sozialismus versuchten, Gleichheit auf Kosten der Freiheit durchzusetzen und scheiterten. Aber auch die freie Marktwirtschaft hat ihre eigenen Probleme. Gottes Wort lehrt uns, der Markt soll dem Menschen dienen, nicht der Mensch dem Markt.
Ein Blick in die Parascha zeigt, dass sich die Bibel dieser Frage auf mehreren Ebenen nähert. Die politische Ebene: Zwei Zyklen werden vorgeschlagen, in denen das Vermögen neu verteilt wird, der siebenjährige Schmitta-Zyklus (Sabbatjahr) und der fünfzigjährige Jowel-Zyklus (Jubeljahr). Ziel ist ein periodischer wirtschaftlicher Ausgleich, der durch Schuldenverzicht, Freilassung von Sklaven und Rückgabe von Familienerbe an die ursprünglichen Eigentümer erfolgt – ohne den Markt kontinuierlich zu stören.
Die psychologische Ebene: Hier geht es um Geschwisterlichkeit – das Wort Ach (Bruder) taucht mehrfach in unserer Parascha auf: „Ihr sollt einander nicht bedrücken, jeder seinen Bruder.“ (25,14) Oder „Wenn dein Bruder neben dir verarmt …“ (25,35; 25,39) Auch „Ein Erlöser soll ihm zur Verfügung stehen – einer seiner Brüder soll ihn erlösen.“ (25,48)
Unsere Bereitschaft zur Solidarität hängt oft mit dem Maß unserer familiären Nähe zusammen. Genau deshalb haben sich Juden seit jeher als eine große Familie verstanden – Nachkommen von drei Erzvätern und vier Erzmüttern. Ethnische Verbundenheit dient hier einem ethischen Zweck: der Einhaltung der Gebote von Schmitta und Jowel.
Die theologische Ebene: Der tiefste Aspekt der Parascha liegt in ihrer theologischen Grundlage. Über das Land und die hebräischen Knechte heißt es: „Das Land darf nicht endgültig verkauft werden, denn mir gehört das Land, denn ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir.“ (25,23) „Wenn dein Bruder neben dir verarmt und sich dir verkauft, sollst du ihn nicht wie einen Knecht arbeiten lassen … Denn meine Knechte sind sie, die ich aus dem Land Ägypten herausgeführt habe. Sie sollen nicht wie Sklaven verkauft werden. Du sollst nicht mit Härte über ihn herrschen, sondern du sollst dich vor deinem Gott fürchten.“ (25,39–43)
Die Bibel stellt hier einen radikalen Grundsatz auf. Niemand hat vollständiges Eigentum an Eretz Israel. Kein Mensch kann dauerhaft Land besitzen, denn letztlich gehört das Land Gott. Ebenso kann niemand einen Mitmenschen besitzen, denn wir alle gehören Gott – seitdem er unsere Vorfahren aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Dieser Grundsatz liefert auch die Erklärung für die Schöpfungsgeschichte.
Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Buch, sondern ein Gesetzesbuch, daher der Name „Tora“ (Weisung). Das erste Kapitel beantwortet daher nicht die Frage „Wie wurde die Welt erschaffen?“, sondern: „Welches Recht hat Gott, den Menschen Gebote zu geben?“ Die Antwort: Weil Gott die Welt erschaffen hat, ist er ihr Eigentümer – und deshalb darf er die Bedingungen festlegen, unter denen wir in dieser Welt leben dürfen.
Das ist die Grundlage aller Gebote. Gott herrscht nicht durch Macht, sondern durch sein moralisches Recht – das Recht des Schöpfers über seine Schöpfung. Das zeigt sich besonders deutlich in der Wochenlesung, in den Geboten über Eigentum an Land und an Mitmenschen. Wir sind keine Eigentümer unseres Besitzes, wir verwalten ihn als Treuhänder.
Der Text lehrt uns einen zentralen Grundsatz. Alles, was wir im Leben haben, unser Besitz, unsere Kinder, unser Land, unser Leben selbst, ist ein Treuhandgut. Alles gehört dem Schöpfer der Welt, Gott, denn er ist der Schöpfer und Erhalter allen Seins.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:54, Ausgang 20:15
- Tel Aviv – Beginn 19:17, Ausgang 20:17
- Haifa – Beginn 19:08, Ausgang 20:19
- Beersheva – Beginn 19:15, Ausgang 20:15
- Eilat – Beginn 19:00, Ausgang 20:12
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




