Wochenlesung – עֵקֶב – Ekew – Sobald ; 5. Mose 7,12 – 11,25 ; Jesaja 49,14 – 51,3
Manchmal liegt die wahre Kraft des Glaubens nicht im Donnern vom Sinai, nicht in den großen Offenbarungen, sondern im Staub unter unseren Füßen – in den unscheinbaren Schritten, die niemand bemerkt, und in den stillen Entscheidungen, die keine Schlagzeilen machen. Die Parascha Ekew öffnet uns genau dafür die Augen: wie es weitergeht, wenn die Begeisterung längst verblasst ist – für den Glauben, der nicht in ekstatischen Höhen, sondern im rauen Alltag standhält.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Die Parascha Ekew lädt uns ein, gerade im Alltag tief in den Glauben einzutauchen – Gott nicht nur in den Höhen zu begegnen, sondern auch in den kleinen Details, in Übergängen, im Innehalten, in den Lücken zwischen Verheißung und Erfüllung. „Und es wird geschehen, Ekew (sobald) ihr hört…“. Was steckt hinter dem Wort „Ekew“? Warum steht hier nicht einfach: „Wenn ihr hört“? Ekew tischme’un (עֵ֣קֶב תִּשְׁמְע֗וּן) deutet auf einen Glaubensschritt in einer unvollkommenen Realität hin. „Ekew“ ist der niedrigste Punkt des Körpers und bedeutet die Ferse. Das Wort symbolisiert etwas, das nachgezogen wird, das hinterherkommt, das unten ist.
Es ist nicht der große Ruf vom Sinai, nicht die Begeisterung von „Na’ase we-nischma – wir wollen tun und hören“. Es ist der Glaube, der im Staub weitergeht. Die Entscheidung, auch dann weiterzugehen, wenn es schwerfällt. Ekew tischme’un lehrt uns, das Göttliche in den unscheinbaren Momenten zu suchen – vielleicht, wenn ich auf den momentanen „Recht haben“-Triumph verzichte, um den häuslichen Frieden zu wahren. Oder wenn ich meine Zunge zügle und ein verletzendes Wort zurückhalte, selbst wenn ich allen Grund hätte, es auszusprechen. Genau das ist mir eben mit meiner Schwester gelungen, die mich sonst zuverlässig auf die Palme bringt – diesmal habe ich es mit Mühe geschafft, gar nicht zu antworten.
Es kann auch bedeuten, Gutes zu tun, ohne zu wissen, ob oder wann wir die Früchte sehen werden – ein Glaube, der nicht von Hochgefühlen lebt, sondern von der täglichen Entscheidung, integer, verbindlich und treu zu handeln. Manchmal fühlt sich das mühsam und ermüdend an, staubig wie eine Ferse, die den Boden berührt und Staub aufwirbelt. Die Wochenlesung spricht vom Übergang aus der Wüste ins Land Israel, von einem Ort, an dem alles vom Himmel fiel, zu einem Land, in dem man den Boden bebauen, pflügen und um jeden Tropfen kämpfen muss.
Die Bibel verschweigt das nicht – im Gegenteil: Gottes Wort lädt uns in diese Realität ein und prüft dort, wie der Glaube aussieht, wenn das Leben weniger magisch ist. Wie spiegelt er sich wider, wenn wir arbeiten und mit den Herausforderungen des Lebenskreises ringen? In einer Zeit, in der wir schnelle Ergebnisse erwarten, Bedeutung im „Klick“ suchen und sofortige Bestätigung wollen, steht Ekew tischme’un fast im Widerspruch zum Lebensrhythmus von heute. Es ruft zur Treue ohne Beweise. Und so stellt sich die Frage: Wie halten wir am Glauben fest, wenn das Ziel fern ist und Fortschritte ausbleiben? Wie bleiben wir moralisch auf Kurs, wenn wir Unrecht empfinden? Wie glauben wir an Einheit, wenn die Stimmen so tief gespalten sind?
Ekew tischme’un – „Sobald ihr hört“ – sagt: Beginnt von unten. Mit einem einzigen Schritt. Mit dem nächsten kleinen, richtigen Tun. Nicht mit der großen Vision, sondern mit der Ferse, die den Boden berührt. Ekew tischme’un ist nicht nur der Beginn einer Verheißung, sondern ein Lebensweg. Wartet nicht auf große Inspiration, um das Gute zu wählen. Der wahre Glaube zeigt sich gerade in den unscheinbaren Momenten – in Zeiten des Fragens, wenn wir weitergehen, ohne das Ende zu sehen. Wer so auf den Glauben blickt, kann vielleicht neu die wahre Größe und Bedeutung des Lebens im Land Israel erkennen: ein Leben im Glauben inmitten einer komplexen und herausfordernden Realität.
Ein Leben, in dem man nicht immer die Wunder sofort erkennt. Doch wer die Schritte und den Weg aufmerksam betrachtet, wird ein weites Bild sehen: von offenen Wundern neben einem Leben voller großer Herausforderungen.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:42, Ausgang 20:02
- Tel Aviv – Beginn 19:05, Ausgang 20:04
- Haifa – Beginn 18:55, Ausgang 20:04
- Beersheva – Beginn 19:04, Ausgang 20:02
- Eilat – Beginn 18:50, Ausgang 19:57




