Während Juden weltweit das Pessachfest begehen und an den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnern, lenkt ein neuer Bericht der Organisation Justice for Jews from Arab Countries (JJAC) die Aufmerksamkeit auf einen zweiten, weitgehend verschwiegenen Exodus: die Vertreibung der ägyptischen Juden im 20. Jahrhundert.
Im Gegensatz zur biblischen Befreiungsgeschichte ist diese moderne Vertreibung ein Kapitel der Entrechtung, Enteignung und letztlich der Auslöschung einer florierenden jüdischen Gemeinschaft. Zwischen 1948 und 1967 wurden über 63.000 Juden aus Ägypten vertrieben. Heute leben nur noch zwei Juden im Land am Nil.
„Ägypten spielte eine einzigartige Rolle in der Geschichte des jüdischen Volkes“, erklärt Sylvain Abitbol, Co-Präsident von JJAC. Der neue Bericht dokumentiert in erschütternder Klarheit die historische Entwicklung, die systematische Verfolgung und die Verluste der jüdischen Gemeinschaft – insgesamt über 59 Milliarden US-Dollar an Eigentum und Vermögenswerten (heutiger Wert, Stand 2024).

Aufstieg, Verfolgung und Auslöschung
Die jüdische Präsenz in Ägypten reicht bis in biblische Zeiten zurück. Unter hellenistischer, römischer, osmanischer und britischer Herrschaft entwickelte sich das jüdische Leben, besonders im 19. und 20. Jahrhundert, zu einem bedeutenden kulturellen und wirtschaftlichen Faktor. Die Familie Mosseri gründete Banken, Joseph Smouha plante Stadtviertel wie Smouha City in Alexandria, Moreno Cicurel errichtete ein Warenhaus-Imperium. In der Musik und im Theater prägten Persönlichkeiten wie Dawood Hosni und Yaqub Sanu das kulturelle Leben Ägyptens.
Doch mit dem Erstarken nationalistischer und islamistischer Strömungen kippte das Klima. Die Gründung des Staates Israel 1948, die Suez-Krise 1956 und der Sechstagekrieg 1967 lieferten Vorwände für systematische Repressionen. Juden wurden als Zionisten gebrandmarkt, inhaftiert, entrechtet und zur Ausreise gezwungen – oft unter Zurücklassung ihres gesamten Besitzes.
„Die Ägypter sagten uns: Ihr seid Zionisten, ihr seid unsere Feinde. Deshalb nehmen wir euch alles weg. Und sie haben es getan“, berichtet Levana Zamir, Präsidentin der World Organization of Jews from Egypt und Vizepräsidentin von JJAC.

Ein ökonomischer und moralischer Schaden
Der Bericht quantifiziert die Verluste jüdischer Eigentümer in Ägypten detailliert: Grundstücke, Unternehmen, Bankguthaben, persönliche Gegenstände, Gemeinschaftseinrichtungen wie Synagogen, Schulen und Friedhöfe. Der heutige Gesamtwert der enteigneten Vermögenswerte beläuft sich auf 59,8 Milliarden US-Dollar. Allein an beweglichem Eigentum werden mehr als 366 Millionen Dollar geschätzt. „Die Beiträge der Juden zur ägyptischen Wirtschaft waren immens“, betont Dr. Stanley Urman, Exekutivdirektor von JJAC. „Sie waren in allen Sektoren aktiv – von der Landwirtschaft bis zur Finanzwelt.“
Präsident Abdel Fattah al-Sisi erklärte 2023 gegenüber US-Außenminister Antony Blinken, Juden seien „niemals verfolgt“ worden. Diese Behauptung steht im krassen Widerspruch zu Berichten von Zeitzeugen, historischen Dokumenten und den Erkenntnissen des JJAC-Berichts.
Rabbiner Dr. Elie Abadie, Co-Präsident von JJAC, unterstreicht: „Juden lebten mehr als 1.500 Jahre vor dem Islam im Nahen Osten. Die Wahrheit über ihre Vertreibung aus den arabischen Staaten wurde 75 Jahre lang verdrängt.“

Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR erkannte bereits 1957 und erneut 1967 an, dass Juden, die aus arabischen Ländern flohen, den Status von Flüchtlingen nach internationalem Recht haben. Dennoch gibt es bis heute keine einzige UN-Resolution, die sich explizit mit ihrem Schicksal befasst – im Gegensatz zu über 200 Resolutionen zugunsten palästinensischer Flüchtlinge.
Erinnerung und Anerkennung
Während Israel die Mehrheit der jüdischen Flüchtlinge aus arabischen Ländern aufnahm und ihnen Staatsbürgerschaft gewährte, verweigerten die meisten arabischen Staaten ihren eigenen Flüchtlingen Integration und Perspektive. Die Geschichte dieser beiden Flüchtlingsgruppen verlief grundverschieden – doch das moralische Prinzip bleibt dasselbe: Wer verfolgt und enteignet wurde, hat ein Recht auf Anerkennung und Gerechtigkeit.
JJAC betont, dass der Einsatz für die Rechte jüdischer Flüchtlinge nicht gegen palästinensische Ansprüche ausgespielt werden soll. Es gehe darum, ein überfälliges Kapitel historischer Wahrheit zu ergänzen – auch im Geiste der Abraham-Abkommen und einer möglichen künftigen Versöhnung in der Region.

Über JJAC
Justice for Jews from Arab Countries (JJAC) ist eine internationale Organisation mit Sitz in New York, die sich für die historische Aufarbeitung und rechtliche Anerkennung der Enteignung und Vertreibung von fast 1.000.000 Juden aus zehn arabischen Ländern und dem Iran einsetzt. Ziel ist es, das kollektive Gedächtnis zu bewahren, Ansprüche zu dokumentieren und langfristig Gerechtigkeit für eine weitgehend vergessene Flüchtlingsgruppe zu erreichen.




