ANALYSE: Warum der türkische Machthaber Erdogan sich Israel annähert

Israel zögert jedoch, die diplomatischen Beziehungen zur Türkei zu erneuern, solange Erdogan der Staatschef ist

von Yochanan Visser | | Themen: Türkei, Erdogan
Foto: Wisam Hashlamoun/Flash90

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unternimmt erneut Annäherungsversuche an Israel und hat Berichten zufolge den israelischen Staatspräsidenten Isaac Herzog zu einem offiziellen Besuch nach Ankara eingeladen, wie seine eigenen Sprecher und ausländische Medien berichten.

Die Berichte über Erdogans Einladung konnten jedoch nicht verifiziert werden und dasselbe gilt für den Bericht von Erdogans Büro über die Ausweisung von Hamas-Führern aus der Türkei.

Die Ausweisung der Hamas-Führer aus der Türkei war eine wichtige Vorbedingung der israelischen Regierung für die Wiederherstellung der Beziehungen zu dem autokratischen Regime in Ankara.

Der israelische Nachrichtensender Channel 12 News berichtete letzte Woche, die Türkei sei bereit, die Präsenz von Hamas-Führern und -Mitgliedern im Land zu verringern, konnte aber keinen israelischen Beamten finden, der diesen Bericht bestätigen wollte.

Es gibt in der Tat nicht den geringsten Beweis dafür, dass Erdogan plötzlich bereit ist, die Präsenz der Hamas in der Türkei zu beenden.

Da die Türkei seit dem verpfuschten Putschversuch im Sommer 2016 ihrer unabhängigen Presse beraubt wurde, scheint es, dass Erdogan versucht, sein Narrativ über die Verbesserung der Beziehungen zu Israel über sein eigenes Büro und ausländische Medien zu verbreiten.

Die staatlich kontrollierten türkischen Medien schweigen derweil über die Verbesserung der Beziehungen zu Israel und das Ende der Präsenz der Hamas im Land.

 

Anti-Israel-Gehirnwäsche-Kampagne

Die obigen Ausführungen lassen sich durch einen Blick auf die Hetzkampagne gegen den jüdischen Staat erklären, mit der die Massen in der Türkei einer Gehirnwäsche unterzogen wurden.

Erdogan hat die Massen in der Türkei seit dem ersten Gaza-Krieg Ende 2008 ständig gegen Israel aufgehetzt und Israel wegen seines Vorgehens gegen die palästinensischen Terrorbewegungen wiederholt mit Nazi-Deutschland verglichen.

Die Hetze nahm nach dem Zwischenfall mit dem türkischen Schiff Mavi Marmara zu, dem am 31. Mai 2010 die Einfahrt in israelische Hoheitsgewässer untersagt wurde.

Bei der Gewalt auf dem Schiff wurden neun Türken getötet und zehn israelische Marinekommandos der Spezialeinheit Sayeret 13 verwundet, einer davon schwer. Die Gewalt begann, als Aktivisten der islamistischen türkischen Organisation IHH mit Eisenstangen und Messern versuchten, die israelischen Soldaten daran zu hindern, das Schiff zu betreten.

Der ehemalige israelische Premierminister Benjamin Netanjahu wurde später vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama gezwungen, sich bei Erdogan zu entschuldigen und den Familien der türkischen IHH-Terroristen eine Entschädigung zu zahlen.

Daraufhin erneuerten die Türkei und Israel ihre diplomatischen Beziehungen und tauschten 2016 ihre Botschafter aus.

Im Jahr 2018 brach die Türkei jedoch erneut die Beziehungen zu Israel ab und rief ihren Botschafter aus Tel Aviv zurück.

Dies geschah, nachdem die USA eine Botschaft in Jerusalem eröffnet hatten und Israel eine Reihe palästinensischer Araber während des wöchentlichen „Großen Marsches der Rückkehr“ entlang der Grenze zum Gazastreifen getötet hatte.

Zur gleichen Zeit wurde der israelische Botschafter Eitan Na’eh aus der Türkei ausgewiesen und musste sich am Istanbuler Flughafen einer peinlichen Sicherheitskontrolle vor laufender Kamera unterziehen, bevor er an Bord eines Flugzeugs gehen konnte.

Kamerateams der türkischen Medien wurden von Erdogan eingeladen, Na’eh bei seiner Abreise aus der Türkei zu begleiten und filmten ihn, während er seine Schuhe und seine Jacke ausziehen musste.

Dies geschah eindeutig, um Israel zu demütigen und zu zeigen, dass die Türkei sich dem jüdischen Staat überlegen fühlt.

Israel lud daraufhin den türkischen Diplomaten Nr. 2 in Israel vor und forderte ihn auf, sich beim Betreten des Außenministeriums in Jerusalem auszuweisen.

Erdogan reagierte mit der Ausweisung von Yosef Levi Sfari, dem israelischen Konsul in Istanbul, woraufhin Israel dasselbe mit Hüsnü Gürcab Türkoĝlu, dem türkischen Konsul in Jerusalem, tat.

 

Kampf um Jerusalem

Dies war der Beginn einer Periode, in der Erdogan seine Rhetorik gegen Israel verschärfte und begann, das Engagement der Türkei im arabischen Jerusalem und auf dem Tempelberg, wo sich heute die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom befinden, zu verstäirken.

Später, im Herbst 2019, wetterte Erdogan in einer Rede bei der Eröffnungssitzung des türkischen Parlaments erneut gegen Israel.

Er verbrachte einen Großteil seiner Rede damit, Israel zu beschimpfen und nannte Jerusalem „unsere Stadt“. Er behauptete auch, die palästinensischen Araber lebten seit „Tausenden von Jahren“ in „Palästina“ und nannte sie „ein unterdrücktes Volk“.

Mit der Behauptung, Jerusalem sei eigentlich eine türkische Stadt, meinte Erdogan, dass die Türken, die das heutige Israel während der 400 Jahre, in denen das Osmanische Reich bestand, besetzt hielten, immer noch Anspruch auf die Hauptstadt Israels haben.

 

Die Türkei im freien Fall

Der türkische Staatschef und Netanjahu lieferten sich wiederholt heftige Wortgefechte und die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei erreichten einen historischen Tiefpunkt.

Die einzigen Beziehungen, die nicht auf der Kippe standen, waren die wirtschaftlichen: Der Handel zwischen den beiden Ländern nahm weiter zu und die Türkei nutzt den Hafen von Haifa als Transitpunkt für die Lieferung von Waren in den Irak und nach Jordanien, nachdem 2016 ein Abkommen mit Israel geschlossen wurde.

Wirtschaftliche Erwägungen sowie die zunehmende Isolation der Türkei in der Region sind höchstwahrscheinlich der Grund für Erdogans überraschendes Entgegenkommen gegenüber Israel.

Die türkische Wirtschaft befindet sich im freien Fall: Die Verbraucherpreise stiegen im Dezember um schwindelerregende 36 Prozent, gegenüber 21,3 Prozent im November 2021.

Gleichzeitig sind die Strompreise in die Höhe geschnellt, so dass die Haushalte seit Anfang 2022 nun 50 Prozent mehr pro Kilowattstunde zahlen müssen.

Auch die Preise für Erdgas sind seit Anfang Januar explodiert. Die Verbraucher sahen sich plötzlich mit einer 25-prozentigen Preiserhöhung für Erdgas konfrontiert, die Industrie mit einem Anstieg von bis zu 50 Prozent.

Infolgedessen sagen nur noch 4 Prozent der Türken, dass sie über die Runden kommen können.

Bei den Anhängern von Erdogans AKP-Partei sieht es etwas besser aus, aber nur 6,3 Prozent der Anhänger des Diktators geben an, für alle ihre Grundbedürfnisse aufkommen zu können.

 

Strategische Beweggründe

Nachdem die USA ihre Unterstützung für ein gemeinsames Projekt Israels, Griechenlands und Zyperns zum Bau einer Gaspipeline nach Europa zurückgezogen hatten, sah Erdogan offenbar eine Gelegenheit, mit Israel ein Abkommen über die Lieferung von Gas aus den israelischen Gasfeldern in die Türkei zu schließen.

Die Zusammenarbeit zwischen Israel, Zypern und dem türkischen Erzfeind Griechenland ist für den türkischen Staatschef unverdaulich, und dies könnte erklären, warum er versucht, einen Keil in dieses neu gefundene Bündnis zu treiben, indem er Israel hofiert.

Hinzu kommt die Isolation der Türkei im Nahen Osten, die zu einem großen Problem für Erdogan geworden ist, der sich auch mit der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten im Streit befindet.

Der türkische Diktator sieht, dass die arabischen Länder beschlossen haben, mit Israel Frieden zu schließen und nun von Israels hochmoderner Hightech-Industrie und anderen fortschrittlichen israelischen Technologien, einschließlich hochentwickelter Waffen, profitieren.

 

Israelisches Zögern

Die Bennett-Lapid-Regierung zögert jedoch, die diplomatischen Beziehungen zur Türkei zu erneuern, solange Erdogan an der Spitze des Landes steht.

Dies erklärt auch, warum es keine formelle israelische Antwort auf Erdogans Einladung an Präsident Herzog gegeben hat.

Die israelische Regierung wartet offenbar auf Erdogans Handlungen gegenüber dem jüdischen Staat und ist seinen versöhnlichen Äußerungen gegenüber misstrauisch. Sie erweckt denn Eindruck, zuerst sehen zu wollen, ob der türkische Machthaber tatsächlich Hamas-Mitglieder aus der Türkei ausweisen wird, darunter den Erzterroristen Saleh al-Arouri.

Arouri gründete Izz-a-Din al-Qassam, den militärischen Flügel der islamistischen Terrorbewegung, und war später an der Aussöhnung der Hamas mit dem Iran beteiligt, die zur Eröffnung einer neuen Front mit Israel im Südlibanon führte.

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