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Tacheles mit Aviel – Israel macht zu wenig Druck auf Hamas

Tacheles, offen und unverblümt sage ich meine Meinung. Israel hat stets betont, dass es keinen Waffenstillstand ohne Gegenleistung geben werde. Dennoch profitieren die Hamas und die Palästinenser derzeit von einer Art Feuerpause im Gazastreifen – und das, obwohl in den vergangenen zehn Tagen keine einzige israelische Geisel freigelassen wurde.

Die Trümmer der während des Krieges zwischen Israel und der Hamas zerstörten Häuser in der Stadt Khan Yunis im südlichen Gazastreifen am 5. März 2025. Foto: Abed Rahim Khatib/Flash90

Es stimmt, Israel hat ab sofort die Stromversorgung für den Gazastreifen eingestellt. Mit anderen Worten, der Stromschalter wurde heruntergezogen. „Es gibt keine Feuerpausen gratis, solange israelische Geiseln weiterhin in den Tunneln hocken“, betonte die Regierung. Aber ist dies wirklich genug? In Europa kann man es nennen wie man es will „kollektive Strafe“ oder „unmenschlich“ – Hamas und die Palästinenser sollen glücklich sein, dass Israel nicht so grausam wie die sunnitischen Dschihadisten in Syrien ist. Wie sagt man doch, man soll das „halb volle Glas sehen und nicht das halb leere Glas“.  Israels Stromabschaltung hört sich zwar schlimm an, ist aber Tacheles weniger schrecklich als es sich anhört.   

So oder so, aus meiner Sicht übt Israel derzeit nicht genügend Druck auf Hamas aus. Israel hat das Prinzip „Jede Verhandlung findet nur unter Beschuss statt“ aufgegeben und das müssen wir zugeben. Warum? Wahrscheinlich hauptsächlich wegen des amerikanischen Drucks, immer wieder „noch eine Chance zu geben“. Die US-Regierung glaubt wirklich, dass die Hamas sich ergeben und entwaffnen wird, bevor der Gazastreifen dem Erdboden platt gemacht wird, unterstützt aber weiterhin eine Zerstörung des Streifens, falls die Hamas nicht kapituliert. So oder so muss sich die aktuelle Situation, eine Waffenruhe ohne Freilassung der Geiseln – schnell ändern. Israel befindet sich in einer Art politischen „Twilight Zone“, die mysteriös, unerklärlich oder surreal ist. Unsere Realität wird von ausländischen Kräften verzerrt und erscheint unsicher. „Das Jahr 2025 ist ein Jahr des Krieges“, kündigte gestern der neue Generalstabschef Eyal Zamir vor seinem Militärstab an. Aber sowie es aussieht, übt Washington harten Druck auf Israel aus, unter anderem weil US-Präsident während seines Besuches in Riad im nächsten Monat keinen Krieg hinter seinem Rücken im Gazastreifen haben will.

Palästinensische Lastwagen parken in der Nähe des Kerem-Shalom-Übergangs östlich der Stadt Rafah im südlichen Gazastreifen, nachdem Israel die Einfuhr aller humanitären Hilfsgüter nach Gaza gestoppt hat, 2. März 2025. Foto von Abed Rahim Khatib/Flash90.

Die Einstellung der humanitären Hilfe ist ein bedeutendes zivilgesellschaftliches Druckmittel, das Israel seit über einer Woche einsetzt. Die Lebensmittelvorräte der Hamas schwinden schnell, die Preise im Gazastreifen steigen bereits, und eine schwere Nahrungsmittelkrise wird früher eintreten als von einigen Medien prognostiziert. Die Stromabschaltung ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber weniger dramatisch, als es klingt. Im Gazastreifen gibt es noch genug Diesel, um die Generatoren etwa ein bis zwei Monate zu betreiben. Danach, Dunkelheit oder fast völlige Dunkelheit.

Tatsächlich ist die Beeinträchtigung der Wasserversorgung im Gazastreifen relativ gering. Warum? Fast der gesamte Strom im Gazastreifen wird durch lokale Dieselgeneratoren erzeugt. Die einzige Stromleitung aus Israel versorgt die Entsalzungsanlagen im Gazastreifen, die weniger als 20 Prozent des Wassers liefern. Der Rest kommt aus drei Wasserleitungen aus Israel. Ja, richtig gelesen, Israel versorgt seine Feinde während des gesamten Krieges weiterhin mit Trinkwasser. Israel erwägt nun, diese Wasserleitungen abzudrehen, wobei die erste vermutlich die Nordregion betreffen wird, was eine erneute Massenflucht auslösen könnte. Die Wasserabschaltung wäre ein bedeutendes Druckmittel, ist aber derzeit noch begrenzt. Einerseits steht die amerikanische Regierung hinter Israels strikten Maßnahmen im Gazastreifen, um die Hamas zum zweiten Geiseldeal zu bewegen, andererseits meckern die europäischen Regierungen dagegen und verurteilen dies als „unmenschlich“.

Verteilung von Trinkwasser in Khan Yunis am 4. März 2025. Foto: Abed Rahim Khatib/Flash90.

Mit der Zeit wird der Druck auf die Hamas immer größer, aber derzeit agiert Israel noch immer im zweiten Gang. Der Hamas beklagt die Auswirkungen der Schließung der Grenzübergänge im Gazastreifen. Auch den Wassermangel in den Haushalten aufgrund der Unfähigkeit, Brunnen und Entsalzungsanlagen wegen Treibstoffmangels zu betreiben. Hamas beklagt Warenknappheit auf den Märkten. Die meisten Essensausgabestellen für Bedürftige haben den Betrieb eingestellt, da es an Versorgungsgütern fehlt. Tausende Familien sind gezwungen, zum Kochen wieder auf Brennholz zurückzugreifen, da kein Kochgas mehr verfügbar ist. Hamas beklagt, dass sich überall Müll ansammelt, da die Stadtverwaltungen ihn wegen fehlendem Diesel für die Müllfahrzeuge nicht entsorgen können. Darüber beklagt sich Hamas? Der gesamte Gazastreifen sieht wie ein Müllhaufen aus! Dies und vieles mehr wird von der Hamas öffentlich beklagt. Hamas ist in der Lage alles zu ändern, aber Hamas will nicht. Hamas spielt auf das Leid der palästinensischen Bevölkerung. Die Hamas hat von Anfang an intensiv an der Vermarktung der Krise gearbeitet, obwohl sie über große Reserven an Diesel, Treibstoff und haltbaren Lebensmitteln verfügt.

Eine Wasserabschaltung und eine aggressive Wiederaufnahme der einer massiven Bodenoffensive würden den Druck auf Hamas und die palästinensische Bevölkerung erheblich verstärken. Wenn das nicht zur Freilassung der Geiseln führt, bleibt nur die Eroberung des Gazastreifens, seine vollständige Zerstörung und die Vernichtung der Hamas. Theoretisch wird das wahrscheinlich passieren, weil die Hamas sich vermutlich nicht ergeben wird. Die Frage ist nur, in welchem Zeitrahmen und bekommen wir dafür das grüne Licht von Trump und Washington. Und wird es uns vorher gelingen weitere Geiseln zu befreien oder nicht – 59 an der Zahl, wovon um 21 noch leben. Israel muss entscheiden, wie es eingreift.

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Patrick Callahan

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