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Gedanken zum Schabbat

Schönheit hat Macht, aber im Volk Israel dient Schönheit stets einer geistlichen Funktion Gottes.

Wochenlesung –  תְּצַוֶּה – Te´Zawe – Du sollst befehlen ; 2.Mose 27,20 – 30,10 ; Hesekiel 43,10 – 27

Die detaillierte Beschreibung der heiligen Gewänder, die die Priester und der Hohepriester zur Ehre und zur Pracht trugen, scheint auf den ersten Blick nicht mit dem Geist des Volkes Israel übereinzustimmen. Diese Kleidung war darauf ausgelegt, gesehen zu werden und einen optischen Eindruck zu hinterlassen. Doch das Judentum ist ein Glaube des Gehörs, weit mehr als eine Religion des Sehens. Es bevorzugt das Hören über das Sehen.

Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.   


 

Das Verb Schama (שָׁמַע) bedeutet sowohl zuhören als auch gehorchen und verstehen. Es dominiert im Wort Gottes, insbesondere in 5.Mose, wo es 92-mal erscheint. Der jüdische Glaube und die jüdische Denkweise dreht sich um das Zuhören, weit mehr als um das Betrachten. Deshalb bedecken wir unsere Augen, wenn wir das Schma Jisrael (Höre Israel) rezitieren – wir schalten die Welt der Bilder aus und konzentrieren uns auf die Welt der Klänge, der Worte, der Kommunikation mit Gott.

Der Grund dafür liegt im Kampf der Bibel gegen den Götzendienst. Die Völker des Altertums fanden ihre Gottheiten in Sonne, Sternen, Flüssen, Meeren, Stürmen, Tieren und der Erde. Sie erschufen sichtbare Darstellungen davon – Statuen und Götzenbilder. Doch die Kinder Israels weisen diese gesamte Denkweise zurück. Gott ist nicht die Natur, sondern jenseits davon. Er hat die Natur erschaffen und steht über ihr.

Nun zu dem scheinbaren Widerspruch. Das Heiligtum – erst das Stiftszelt, später der Tempel – wich offen von diesem Grundsatz ab. Dort lag der Fokus auf dem Visuellen. Ein herausragendes Beispiel sind die Gewänder des Hohepriesters – ein überraschendes Phänomen.

Das hebräische Wort für Kleidung, Beged (בגד), hat denselben Wortstamm wie Betrug (בגידה). Im 1. Buch Mose taucht Kleidung oft in Geschichten von Täuschung und Verrat auf, wie bei Adam und Eva, beide bedeckten sich nach dem Sündenfall mit Feigenblättern. Jakob zog die Kleider Esaus an, um den Segen zu erschleichen. Tamar verhüllte sich, um Juda zu täuschen. Josefs Brüder tränkten sein Gewand in Blut, um ihrem Vater vorzutäuschen, er sei tot. Potiphars Frau nutzte Josefs zurückgelassenes Gewand, um ihn fälschlich eines Verbrechens zu bezichtigen. Josef selbst trug als ägyptischer Herrscher Prunkgewänder, um seine Identität vor seinen Brüdern zu verbergen.

Warum also plötzlich dieses große Interesse an Kleidung, Uniformen und Amtsgewändern? Kleidung betrifft das Äußere, nicht das Innere, den Schein, nicht die Realität. Doch genau in Bezug auf die Priesterschaft wird ihr solch große Bedeutung beigemessen. Und doch heißt es in der Tora: „Der Mensch sieht auf das Äußere, aber der Ewige sieht ins Herz.“ (1. Samuel 16,7).

Die Einführung der Amtskleidung: Hier begegnet uns erstmals das Konzept von Uniformen, Kleidung, die nicht die Person selbst, sondern ihre Funktion kennzeichnet. Dies scheint der Bibel zu widersprechen, die sich auf den Menschen konzentriert, nicht auf sein Amt. Propheten beispielsweise tragen keine Amtskleidung. Ebenfalls zum ersten Mal erscheint in der Tora der Ausdruck „zur Ehre und zur Pracht“ (Le´kawod u-le´tif´eret – לְכָבוֹד וּלְתִפְאָרֶת), der die Wirkung der priesterlichen Gewänder beschreibt. Bis dahin wurde Ehre (כָּבוֹד) ausschließlich mit Gott in Verbindung gebracht, kein Mensch teilte dieses Attribut mit Ihm. Das Wort Pracht (תִּפְאֶרֶת) taucht hier zum ersten Mal auf – es bedeutet Schönheit und Erhabenheit.

Hier betritt die Ästhetik in einer neuen Form die Bühne. Zuvor begegneten wir moralischer Schönheit, wie in der Güte von Rebekka gegenüber Abrahams Diener. Auch physische Schönheit wurde erwähnt – etwa bei Sara, Rebekka und Rachel. Doch nun geht es um dekorative Schönheit – das bewusste Schaffen von optisch ansprechenden Dingen. Dieser Aspekt durchzieht die gesamte Thematik von Heiligtum und Tempel. Schon bei der Bindung Isaaks am Berg Moria – dem späteren Standort des Tempels – heißt es: „Und Abraham gab diesem Ort den Namen: Gott wird ersehen (יִרְאֶה), daher heutigen Tages gesagt wird: Auf dem Berge Gottes wird ersehen (יִרְאֶה) werden.“ (1.Mose 22,14). Hier wird das Sehen zum zentralen Element. Der Tempel ist ein Ort, an dem man sieht und gesehen wird.

Die Lehre aus dem Goldenen Kalb: Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Episode des Goldenen Kalbs. Dies zeigt, dass das Volk Schwierigkeiten hatte, sich einem unsichtbaren Gott zu widmen, der keine feste physische Präsenz hatte. Die Bibel wurde für gewöhnliche Menschen gegeben, nicht für Engel oder außergewöhnliche Einzelpersonen wie Mose. Für normale Menschen ist es schwer, an einen Gott zu glauben, der überall ist, aber an keinem bestimmten Ort. Es fällt schwer, eine Beziehung zu einem Gott zu pflegen, der nur durch Wunder oder außergewöhnliche Ereignisse erfahrbar ist, aber nicht im Alltag – und nicht physisch zu sehen ist. Das Heiligtum war die Antwort darauf – ein sichtbares Zeichen für Gottes ständige Gegenwart. Die Priester dienten nicht aufgrund ihrer persönlichen Größe wie Mose, sondern durch ihre Rolle. Ihre Amtsgewänder machten dies deutlich.

Ästhetik als geistliches Mittel: Das Heiligtum verdeutlicht, dass menschliche Spiritualität nicht nur durch den Intellekt, sondern auch durch Gefühle gelebt wird. Nicht nur der Verstand, sondern auch das Herz ist entscheidend. Ästhetik und visuelle Eindrücke können Ehrfurcht und Erhabenheit wecken. Die prachtvollen Gewänder der Priester sowie die Gestaltung von Heiligtum und Tempel riefen Ehrfurcht hervor. Deshalb haben Schönheit und visuelle Elemente auch in unserer heutigen geistlichen Welt ihren Platz.

Zum Beispiel, Rabbi Kook war ein Visionär der Wiederbelebung jüdischer Kunst im erneuerten Land Israel. Er bewunderte die Gemälde Rembrandts und sagte, sie fingen das ursprüngliche Licht des ersten Schöpfungstags ein. Er unterstützte – wenn auch vorsichtig – die Gründung der Bezalel-Kunstschule als Zeichen dieser Erneuerung. Doch wir dürfen uns nicht täuschen. Dies ist kein Ästhetik Kult wie im antiken Griechenland. In der jüdischen Tradition glaubte man an Heiligkeit durch Erhabenheit, während die Griechen an die Heiligkeit der Erhabenheit glaubten – und das ist ein entscheidender Unterschied.

Schönheit hat Macht, aber im Volk Israel dient Schönheit stets einer geistlichen Funktion Gottes. Sie öffnet unser Bewusstsein für die Erkenntnis, dass die Welt ein Kunstwerk Gottes ist – ein Zeugnis für ihren höchsten Schöpfer, den Einen und Einzigen Gott.

 

 

Schabbat Schalom!

 

Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :

  •  Jerusalem – Beginn 17:02, Ausgang 18:17
  •  Tel Aviv – Beginn 17:23, Ausgang 18:19
  •  Haifa – Beginn 17:12, Ausgang 18:18
  •  Beersheva – Beginn 17:23, Ausgang 18:19
  •  Eilat – Beginn 17:13, Ausgang 18:20

 

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Patrick Callahan

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