Wochenlesung – כִּ֣י תִשָּׂ֞א– Ki Tissa – Wenn du erzählst ; 2.Mose 30,11 – 34,35 ; 1.Könige 18,1 – 39
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
In dieser Parascha möchte ich einen Vergleich zwischen zwei sehr bekannten Ereignissen in der Bibel ziehen. Das erste ist das Zerbrechen der Gesetzestafeln, das in unserer Wochenlesung zur Sprache kommt. Gott sagte zu Mose auf dem Berg, dass er hinabsteigen solle, weil das Volk sich ein Goldenes Kalb gemacht habe. Mose stieg hinab und trug dabei das heiligste Objekt aller Zeiten – die beiden Gesetzestafeln, die von Gott selbst graviert wurden. Als er jedoch am Fuße des Berges ankam, sah er, wie das Volk um das Kalb tanzte. In seinem Zorn warf er die Tafeln zu Boden und zerschmetterte sie in Stücke. Dies war eine öffentliche Demonstration seines Zorns, eine Handlung, die allein auf Moses eigene Initiative zurückging. Doch Gott kritisierte ihn dafür nicht.
Viele Jahre nach der Sünde des Goldenen Kalbs sah sich Mose mit einer weiteren Krise konfrontiert, in der Episode von „Mei Meriva“, übersetzt das „Wasser des Streits“. Die Israeliten hatten Kadesch erreicht und fanden dort kein Wasser. Das Volk beklagte sich. Wieder zeigte Mose seinen Zorn, Gott hatte ihm aufgetragen, zum Felsen zu sprechen, doch Mose schlug ihn stattdessen zweimal, woraufhin Wasser ausströmte. Doch diesmal lobte Gott Mose nicht für sein Handeln, sondern sagte zu ihm und Aaron: „Weil ihr mir nicht geglaubt habt, mich vor den Augen der Kinder Israel zu heiligen, deswegen sollt ihr diese Versammlung nicht in das Land bringen, das ich ihnen gegeben habe“. (4.Mose 20,12)
Über die Härte dieser Strafe wurde viel diskutiert. Doch ich möchte mich diesmal auf die Schwierigkeit konzentrieren, die sich aus dem Vergleich dieser beiden Ereignisse ergibt. In beiden Fällen geriet das Volk außer Kontrolle. In beiden Fällen führte Mose eine öffentliche Geste des Zorns aus. Warum wurde die eine mit Verständnis, ja sogar mit Zustimmung aufgenommen, während die andere mit einer Rüge und einer Strafe beglichen wurde? Warum war der Ausdruck von Zorn in einem Fall angemessen, im anderen jedoch nicht? Ist der offene Zorn eines Anführers immer verwerflich, oder ist er manchmal notwendig?
Der Umgang mit Zorn – Ein schmaler Grat. Jüdische Bibellehrer wie Rabbi Maimonides lehren, dass wir unser Leben im Gleichgewicht führen sollten – einen Mittelweg zwischen extremen Emotionen. Doch es gibt zwei Emotionen, die von diesem Prinzip ausgenommen sind, die wir vermeiden und aus unserem Leben verbannen sollten: Hochmut und Zorn. Zorn ist grundsätzlich eine falsche Reaktion. Doch manchmal überkommt er uns und wir können ihm nicht widerstehen. Wichtig ist, dass wir uns bewusst machen, dass wir in Momenten des Zorns die Kontrolle verlieren – genau deshalb ist er so gefährlich. Zorn ist eine schnelle und instinktive Reaktion, genau dann, wenn eigentlich langsames und bedachtes Handeln erforderlich wäre.
Was tun, um den Zorn zu kontrollieren? Wir lernen, dass durch langfristiges Training neue Verhaltensmuster entwickelt werden können. Doch zunächst erfordert dies große Selbstdisziplin – mit der Zeit kann es zur Gewohnheit werden. Besonders schwierig ist es, sich das Überwinden von Zorn anzugewöhnen. Es braucht viel Arbeit, um ihn aus dem emotionalen Repertoire zu entfernen. Aber es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Empfinden von Zorn und dessen Demonstration. Manchmal müssen Eltern, Lehrer oder Anführer nach außen hin Zorn zeigen, auch wenn sie ihn nicht wirklich empfinden. Diese Strategie kann schockierend wirken, denn wenn eine Autoritätsperson Zorn äußert, fühlen sich die Betroffenen bedroht – das kann sie zur Umkehr bewegen.
Zorn kann fast wie ein elektrischer Schock wirken und in manchen Fällen ein wirksames Mittel sein, um Ordnung wiederherzustellen. Doch es ist eine gefährliche Strategie – Zorn kann Gegenzorn auslösen und die Situation verschärfen. Deshalb sollte er nur in seltenen Fällen eingesetzt werden – doch manchmal ist es der einzige Weg. Die entscheidende Frage ist also, wann kann der Ausdruck von Zorn tatsächlich nützlich sein? Um diese Frage zu beantworten, braucht es sorgfältige Überlegung.
Als das Volk um das Goldene Kalb tanzte, war Zorn die richtige Reaktion. Aber als das Volk in der Wüste verzweifelt nach Wasser schrie, war Zorn die falsche Reaktion – denn Durst ist ein echtes, existenzielles Bedürfnis, auch wenn er in unangebrachter Weise geäußert wird. Es ist niemals gut, Zorn zu empfinden. Doch manchmal muss man nach außen hin zornig erscheinen – denn wenn wir verstehen, dass jemand aus Fürsorge über uns zornig ist, mag das zwar schockierend sein, doch dieser Zorn kann auch heilend wirken.
So war es beim Goldenen Kalb. Das Volk brauchte einen echten Schock – und nur der Zorn Moses, der zu ihrem Wohl handelte, konnte sie wieder auf den richtigen Weg bringen. Man könnte diesen Zorn „therapeutischen Zorn“ nennen. Doch der Zorn, den Mose bei Mei Meriva zeigte, war nicht gerechtfertigt.
Denn was sollte ein Mensch in einer Überlebenssituation tun, wenn er großen Durst verspürt? Die meisten Menschen würden in einer solchen Lage klagen. Ein Anführer muss daher besonderes Einfühlungsvermögen zeigen und verstehen, dass die Frustration und die Klagen aus einer realen Notlage stammen.
Aus den Geschichten über Mose lernen wir, dass wir unsere Zorngefühle meistens beherrschen sollten. Doch manchmal – angesichts schwerwiegenden Fehlverhaltens – kann es notwendig sein, nach außen hin Zorn zu zeigen. Denn manchmal brauchen Menschen einen schockierenden Impuls, um ihr Leben zu ändern und auf den richtigen Weg zurückzufinden.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 17:07, Ausgang 18:22
- Tel Aviv – Beginn 17:28, Ausgang 18:24
- Haifa – Beginn 17:17, Ausgang 18:23
- Beersheva – Beginn 17:28, Ausgang 18:24
- Eilat – Beginn 17:22, Ausgang 18:29




