Themen: Thora

Dunkelheit und Licht

Dramatische Konfrontationen im Exodus und in unserem Leben

Dunkelheit und Licht
Nati Shohat/Flash90

Der Toraabschnitt “Bo” beginnt in 2. Mose 10,1 und beinhaltet die letzten drei Plagen, die Gott über den Pharao brachte.

Die Diener des Pharaos verstehen bereits, dass die Plagen zu einer Gefahr für das Land Ägypten geworden sind – dass die Plagen keine optische Täuschung oder ein harmloser Scherz sind. Sie verstehen, dass der Pharao kapitulieren und diese “Leute” zur Anbetung ihres Gottes schicken muss.

Da sprachen die Knechte des Pharao zu ihm: Wie lange soll uns dieser zum Fallstrick sein? Laß die Leute ziehen, damit sie dem Herrn, ihrem Gott, dienen; merkst du noch nicht, daß Ägypten zugrundegeht? (2. Mose 10:7)

Es ist interessant, die hebräischen Worte zu lesen, die diese Diener und der Pharao wählen, wenn sie die Kinder Israels beschreiben.

“Lasst die Leute [hebräisch Anaschim] gehen” ist etwas anderes als die Entsendung einer Volks [hebräisch Am].

Mose ist zum Pharao gekommen mit der Bitte: “Lass mein Volks [Am] ziehen!”, während die Ägypter von der Entsendung von Personen oder Leuten [Anaschim] sprechen.

Sie sind nicht bereit zu akzeptieren, dass es eine kollektive Volksgruppe [Am] gibt, die unter ihnen lebt. Sie wollen sich nicht mit der Tatsache auseinandersetzen, dass unter ihnen eine Volksgruppe lebt, die sie brutal behandeln und versklaven. Sie sind nicht bereit, der Existenz dieser Gruppe unter ihnen Legitimität zu verleihen.

” Nicht so, sondern ihr Männer geht hin und dient dem Herrn; denn das habt ihr auch verlangt! Und man jagte sie weg vom Pharao.“ (2. Mose 10:11)

Der Pharao sieht sie nur als eine Anzahl von Männern, die ein kurzes Abenteuer erleben wollen.

Für den Pharao und einen Großteil der antiken Welt war die vorherrschende Meinung, dass der Dienst oder die Anbetung Gottes den Männern, der Männlichkeit, gehört!

Und Mose kam zu ihm mit der Forderung, das ganze Volk Israel zu befreien.

” Und Mose sprach: Wir wollen mit unseren Jungen und Alten, mit unseren Söhnen und Töchtern, mit unseren Schafen und Rindern ziehen; denn wir haben ein Fest des Herrn!” (2. Mose 10,9)

In den Augen von Mose gehören die Freiheit und der Dienst an Gott allen, nicht nur den Männern. Das ist ein großer Unterschied zwischen den beiden Anführern: dem Diktator Pharao mit seinen finsteren Ansichten; und dem erleuchteten Mose, der die Freiheit für jeden Menschen sucht und daran glaubt. Freiheit und die Anbetung Gottes ist etwas, das jedem Menschen zusteht.

Und nun kommt die siebte Plage – ein Heuschreckenschwarm. Diese Plage verdunkelt den Himmel, blockiert physisch das Licht und bringt so das Bewusstsein der Dunkelheit in die Geschichte. Die Dunkelheit ist nicht nur physisch, sondern auch in den Meinungen und im Denken. Die Dunkelheit führt dazu, dass die Ägypter glauben, dass sie eine ganze Nation versklaven können, eine Dunkelheit der Moral und der Werte. Die eine Nation sieht das Leiden der anderen nicht und ist nicht bereit aufzuwachen, selbst wenn schwere Plagen kommen. Die ägyptische Nation ist blind für die Diskriminierung, die unter ihrer Nase stattfindet, während sie andere ausbeuten und unterdrücken.

In der Bibel sehen wir, dass die Strafe für böse Taten eine gerechte Konsequenz ist, die den Taten entspricht. Eine Nation verhält sich auf schändliche Weise. Es sieht weder körperlich noch seelisch das Leid der anderen. Es erleidet dann Plagen der Finsternis, der Vernebelung und der Unfähigkeit, körperlich, emotional und geistig zu sehen.

Die beiden Plagen der Finsternis waren die Heuschrecken und die Plage der Finsternis. Der Schaden ist äußerlich und innerlich. Die Heuschreckenplage beeinträchtigt die physische Fähigkeit des Auges zu sehen, während die Plage der Finsternis die Einsamkeit eines jeden Einzelnen betont:

“Niemand sah seinen Bruder, und niemand erhob sich von seiner Stätte drei Tage lang.” (2. Mose 10,23)

Einsamkeit und Untätigkeit kommen, wenn die Dunkelheit überhand nimmt. Wir sehen hier in diesen beiden schweren Plagen den Krieg zwischen Licht und Finsternis. Die Ägypter befinden sich in völliger Finsternis, während die Kinder Israels im Licht leben.

“Und alle Kinder Israels hatten Licht in ihrer Wohnung.” (2. Mose 10:23)

Und das Licht, das die Augen Israels öffnet, öffnet ihr Herz, um zu sehen – um zu sehen, dass es Hoffnung gibt, um zu sehen, dass es Rettung gibt, um zu sehen, dass es Erlösung gibt und aus der Sklaverei herauskommen. Um sich emotional von dem Ort der Angst und Ungeduld zu entfernen, an dem sie sich befanden, als Mose am Anfang zu ihnen kam und ihnen die Freiheit anbot.

“Also redete Mose zu den Kindern Israel; aber sie hörten nicht auf Mose vor Angst des Geistes und wegen der grausamen Knechtschaft.” (2. Mose 6,9)

Das Licht, das die Wohnstätten der Kinder Israels erleuchtete, erhellte ihre Herzen, um die Denkweise der Dunkelheit, der Sklaverei und des Leidens zu vertreiben – und das Bewusstsein des Lichts, des Glaubens und des Dienstes an Gott anzunehmen. Diese Veränderung entlässt sie in ihre Freiheit.

Damit der Pharao Israel befreien konnte, musste er an das Ende gebracht werden, an den schwierigsten Ort, den ein Mensch erreichen kann, an den Tod seines ältesten Sohnes, den Tod seines Erben, vielleicht den Tod seiner Dynastie.

Die Befreiung der Kinder Israels war mit Schmerzen und Leiden für jemand anderen verbunden. Und ich gebe zu, es fällt mir nicht leicht, das zu lesen, zu verstehen, dass, damit mein Volk befreit werden konnte, das Leben so vieler anderer ruiniert werden musste. Es steht über die Plage der Erstgeborenen geschrieben: “Es gab kein Haus, in dem nicht jemand gestorben wäre.” (2. Mose 12:30) Jeder Haushalt erlitt den Tod. Der Pharao blieb starrköpfig. Er war nicht bereit, seine Ansichten zu ändern. Er sah niemanden anderen. Er war nicht in der Lage, Kompromisse einzugehen oder Ideen aufzugeben, die bereits aufgehört hatten, ihm zu dienen, und die ganz sicher nicht seinem Volk dienten. Diese Sturheit führte zur eigenen und nationalen Zerstörung.

Was können wir also aus diesem schwierigen Toraabschnitt lernen?

Um frei zu sein, müssen wir die Dinge verurteilen, die versuchen, uns in Knechtschaft zu halten, und Ideen und vielleicht Götzen aufgeben, die wir angenommen haben.

Der Abschnitt zeigt, wie viel Leid und wie viel Schmerz es gibt, wenn wir auf Vorurteile hören. In dieser biblischen Geschichte sehen wir, wie der Pharao reagierte, aber wir können alle in unserem eigenen Leben eine Bestandsaufnahme machen. Halten wir an Vorurteilen und Meinungen fest, die uns Leid zufügen? Worin bestehen sie? Wo sind wir festgefahren?

Eine tiefe Reflexion ist nötig.

Wie sehr sind wir wirklich auf unser Gewissen bedacht? Wie flexibel sind wir? Wie sehr halten wir fest und klammern uns an das, was nicht mehr gut für uns ist? Wie sehr sind wir bereit, andere Meinungen zu akzeptieren? Wie oft sind wir offen für Veränderungen, wenn überhaupt? Sind wir bereit zu sehen, dass es einen anderen Weg geben könnte?

Einen Weg, auf dem wir unsere zerstörerischen Tendenzen aufgeben, um in die Freiheit zu gehen. Wir können präventiv handeln, vorbeugend. Wir können Dinge loslassen, auch ohne eine Plage zu erleben. Eine Plage der Erstgeborenen ist nicht nötig. Wachen Sie auf. Vertreiben Sie die Plage der Dunkelheit, und lassen Sie das Licht in sich hineinleuchten.

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