Wochenlesung – בֹּא– Bo – Komm ; 2.Mose 10,1 – 13,16 ; Jeremia 46,13 – 28
Solche Reden hätte man von Mose nur wenige Tage vor der Befreiung und Erlösung aus Ägypten nicht erwartet. 210 Jahre befanden sich die Kinder Israels im Exil auf fremdem Boden. Nach einer anfänglichen Zeit des Wohlstands und Komforts wurden sie dann aber unterdrückt und versklavt – über Jahre hinweg. Letztendlich war sogar ein stiller Genozid gegen sie verhängt worden, indem alle neugeborenen Söhne getötet wurden. Und jetzt, endlich, nach Wundern, Zeichen und einer Reihe von Plagen, die das mächtigste Reich der antiken Welt heimsuchten, standen sie kurz vor ihrer Freiheit.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Und worüber spricht Mose? Nicht über Freiheit. Nicht über das verheißene Land, das auf sie in Kanaan wartet. Auch nicht über die bevorstehende Reise durch die Wüste. Dreimal spricht er stattdessen über die ferne Zukunft, über die Zeit nach der Reise, wenn sie in Freiheit in ihrem eigenen Land leben werden. Doch auch dann redet er nicht über das Land, nicht über die Gesellschaft, die sie aufbauen werden und nicht einmal über die Pflichten, die mit der Freiheit einhergehen.
Ihn beschäftigt etwas anderes, er spricht über Erziehung. Über die Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern. Mose spricht davon, wie die Kinder in ferner Zukunft vielleicht Fragen stellen werden, wenn das, was die Israeliten in Ägypten und der Wüste durchgemacht haben, nur noch eine verschwommene Erinnerung ist. Mose fordert das Volk Israel auf, das zu tun, was das jüdische Volk bis heute tut – erzählt euren Kindern die Geschichte. „Tut dies auf die eindrucksvollste Weise. Lasst sie das Drama des Exils und der Befreiung nacherleben. Erzählt von den harten, grausamen Tagen der Sklaverei und vom Auszug aus Ägypten, von der erlangten Freiheit. Und ermutigt eure Kinder, Fragen zu stellen.“ Er verlangt, man solle die Geschichte lebendig erzählen, nicht als nüchternen historischen Bericht, sondern so, als ob man selbst aus Ägypten ausgezogen sei. Sagt ihnen: „Dies tat der Ewige für mich“, nicht für meine Vorfahren, sondern für mich. Erzählt es lebendig, intensiv und feierlich.
Er wiederholt diese Aufforderung dreimal. „Und wenn ihr in das Land kommt, das euch der Ewige geben wird, wie er geredet hat, so haltet diesen Dienst. Und wenn eure Kinder zu euch sagen werden: Was habt ihr da für einen Dienst? So sollt ihr sagen: Es ist das Passah-Opfer des HERRN, der an den Häusern der Kinder Israel vorüberschritt in Ägypten, als er die Ägypter schlug und unsere Häuser errettete.“
„Und du sollst deinem Sohne an jenem Tage erklären und sagen: Es ist um deswillen, was der HERR an mir getan, als ich aus Ägypten zog.“
„Und wenn dich künftig dein Sohn fragen wird: Was ist das? So sollst du ihm sagen: Der HERR hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus dem Diensthause, geführt.“
Warum hielt Mose dies für das Wichtigste, das in diesen entscheidenden Momenten der Erlösung und Befreiung gesagt werden musste? Weil Freiheit die Schöpfung einer Nation ist. Und eine Nation braucht Identität. Und Identität braucht Erinnerung. Und diese Erinnerung ist in den Geschichten kodiert, die wir erzählen. Die stärkste Verbindung zwischen Generationen ist die Geschichte derer, die vor uns kamen – eine Geschichte, die zu unserer eigenen wird und die wir als heiliges Erbe an die nach uns Weiterkommenden weitergeben.
Der Anfang von Identität ist die Geschichte, die Eltern ihren Kindern erzählen. Wir sind soziale Wesen. Wir können nicht ohne Identitäten leben, ohne Familien, ohne Gemeinschaften und ohne gemeinsame Verantwortung. Das bedeutet, dass wir nicht ohne die Geschichten leben können, die uns mit der Vergangenheit, der Zukunft und der größeren Gemeinschaft verbinden, deren Geschichte und Bestimmung auch die unsere sind. Die Einsicht des Wort Gottes gilt bis heute, um eine freie Gesellschaft zu gründen und zu erhalten, muss jeder seinen Kindern erzählen, wie die Freiheit erlangt wurde und wie bitter das Leben ohne sie war. Man muss sie das Brot der Armut und die Bitterkeit der Unterdrückung schmecken lassen.
Wer diese Geschichte vergisst, wird schließlich auch seine Freiheit verlieren. Das größte Geschenk, das wir unseren Kindern geben können, ist nicht Geld oder Materielles, sondern eine Geschichte. Eine wahre Geschichte, keine Fantasie. Eine Geschichte, die sie mit uns verbindet und mit einem reichen Erbe edler Werte. Wir sind keine Staubkörner, die von den geistlichen Moden des Augenblicks hin- und hergetragen werden. Wir sind die Erben einer Geschichte, die hunderte Generationen unserer Vorfahren geleitet hat. Wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen. Wenn wir zurückblicken, über die 3.300 Jahre hinweg, die seit Mose vergangen sind, sehen wir, wie recht Mose hatte.
Die über Generationen erzählte Geschichte ist das Geschenk der Identität. Und wer seine Identität kennt – der weiß, wer er ist, wofür und warum. Er kann die Wüsten der Zeit mit Mut und Sicherheit – auch in unserem Leben – durchqueren. So war es, so ist es, und so wird es sein.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 16:33, Ausgang 17:50
- Tel Aviv – Beginn 16:54, Ausgang 17:51
- Haifa – Beginn 16:42, Ausgang 17:49
- Beersheva – Beginn 16:55, Ausgang 17:52
- Eilat – Beginn 16:47, Ausgang 17:56




