Am Donnerstag hatten wir wieder unser Redaktionstreffen in Jerusalem. An diesen Tagen fahre ich immer etwas früher los, damit ich vorher noch Zeit habe, zur Klagemauer zu gehen. Und so war ich auch gestern schon kurz nach acht Uhr im Zug von Modiin nach Jerusalem.
Etwa 25 Minuten stieg ich am Navon Bahnhof in Jerusalem aus. Zuerst ging ich in die Innenstadt und besuchte in einem Buchladen einen alten Freund aus meiner Studienzeit. Damals hatten wir zusammen im Hotel gearbeitet, wo ich mir nebenbei etwas dazuverdiente. Es war schön, ihn wiederzusehen.
Dann machte ich mich auf den Weg zur Klagemauer. Ich mag diesen Weg sehr – er ruft Erinnerungen wach an die Zeit, als ich in Jerusalem studiert und gelebt habe. Schließlich erreichte ich die Mauer. Ich bin vielleicht nicht das, was man einen Religiösen nennt, aber ein paar stille, persönliche Minuten an der Klagemauer lasse ich mir nie entgehen. Dort spreche ich mein Gebet – für Gesundheit in der Familie, für Glück, Erfolg, für Frieden im Land – und auch für ein wenig Wohlstand. Ich versuche dabei, nichts unbeachtet zu lassen.

Als ich mich auf den Rückweg machte, sah ich plötzlich sehr viele Polizisten und Sicherheitskräfte. Und dann stand ich ihm gegenüber: Itamar Ben Gvir, unser Minister für Nationale Sicherheit. Eine Schülergruppe rannte begeistert auf ihn zu und bat um Selfies. Die Sicherheitsleute waren überraschend gelassen. Ben Gvir schlug vor, die Sache geordnet anzugehen. „Alle im Kreis aufstellen“, sagte er – und sprach dann spontan zu den Jugendlichen.
Es wirkte, als hätte der Wahlkampf bereits begonnen, wann auch immer die nächsten Wahlen stattfinden werden. Ich zückte mein Handy und begann, seine kurze Ansprache zu filmen.
Und hier ist sie – mit deutschen Untertiteln:
Itamar Ben Gvirs Worte an die Schülergruppe waren eine Mischung aus persönlicher Biografie, politischer Bilanz und kämpferischer Rhetorik. Man merkte ihm an, dass er sich nicht nur als Minister, sondern auch als Missionar seiner Sache versteht – mit direkter Ansprache, klaren Botschaften und dem Gespür dafür, wie man Menschen erreicht.
Ob man seinen Tonfall teilt oder nicht – seine Rede hatte einen klaren Zweck: Präsenz zeigen, Sicherheit versprechen, Stärke demonstrieren. Und vielleicht war das Ganze ja tatsächlich schon ein Vorgeschmack auf den nächsten Wahlkampf.
Für mich war es jedenfalls ein überraschendes Ende eines Morgens, der mit stillen Gebeten an der Klagemauer begann – und mit politischen Kampfansagen an derselben Mauer endete.





Manchmal ist die Mauer ein Fenster Shabbat Shalom