(JNS) In einer Zeit eines andauernden Krieges und einer tiefen gesellschaftlichen Polarisisierung hat ein israelisches Führungsnetzwerk, das verschiedene gesellschaftliche Gruppen umfasst, eines der umstrittensten Themen des Landes erneut auf die Tagesordnung gesetzt: Wie unterschiedliche Teile der israelischen Gesellschaft den israelisch-palästinensischen Konflikt verstehen.
Mehr als 150 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und Meinungsführer versammelten sich am Dienstag im Council for a Beautiful Israel in Tel Aviv zu einer von TAMA organisierten Konferenz. TAMA ist eine Graswurzelinitiative, die Menschen aus allen Bereichen der israelischen Gesellschaft zusammenbringt, „um einen inklusiven und bedeutungsvollen Dialog über die Zukunft der Beziehungen Israels zu den Palästinensern zu fördern und dabei eine neue Sprache, gemeinsames Verständnis und praktische Initiativen zu entwickeln, die in den unterschiedlichen Werten, Identitäten und Zukunftsvorstellungen der israelischen Gemeinschaften verwurzelt sind“.
Die Veranstaltung fand 1.000 Tage nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 statt. Dabei wurde eine einjährige Studie mit dem Titel „Spectrum of Worldviews“ („Spektrum der Weltanschauungen“) vorgestellt. Sie zeigt auf, wie verschiedene Gruppen innerhalb der israelischen Gesellschaft den Konflikt in unterschiedlichen Dimensionen verstehen, darunter den israelisch-palästinensischen Konflikt, den umfassenderen Nahostkonflikt, die jüdisch-arabischen Beziehungen sowie die jüdisch-muslimischen Beziehungen.
Zum Führungsnetzwerk von TAMA gehören Teilnehmer aus den religiös-zionistischen und charedischen Gemeinschaften, traditionelle Mizrachi-Juden, säkulare Israelis, israelische Araber, Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion sowie junge Führungspersönlichkeiten.
Die Organisation betont, ihr Ziel sei nicht, Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen, sondern einen neuen öffentlichen Diskurs zu schaffen, der es Israelis unterschiedlicher Herkunft ermöglicht, sich dem Konflikt ehrlich zu stellen und gleichzeitig praktische Initiativen von der Basis aus zu entwickeln.
Zu den führenden Teilnehmern des Netzwerks gehören Rabbi Yitzhak Ben David, Rabbi Dov Zinger, Ofir Toubul, Hadass Fruman, Eli Bar-On, Tzipi Diskind, Dr. Aharon Ariel, Khulud Abu Ahmad und Meir Hirschman.
Ben David, ein religiös-zionistischer Rabbiner, Pädagoge und Gelehrter, der das Bildungszentrum von Yad HaRav Nissim sowie das Shaarei Zion Beit Midrash in Jerusalem leitet, erklärte, der Dialog habe gezeigt, dass trotz tiefgreifender Unterschiede ein sinnvoller Austausch weiterhin möglich sei.
„Selbst inmitten tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten gibt es Raum für ein Zuhören, das es uns ermöglicht, einander wirklich zu sehen“, sagte der Rabbiner. „Von dort aus kann echter Wandel beginnen.“
Toubul, Gründer der Tor HaZahav („Golden Age“)-Bewegung, die eine Vision des mizrachischen Zionismus vertritt, die in jüdischer Tradition und regionaler Identität verwurzelt ist, sagte, das Verständnis der Vielfalt der israelischen Gesellschaft sei eine Grundvoraussetzung, um die Spaltungen des Landes anzugehen.
„Um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen, müssen wir zunächst die Vielfalt der Stimmen verstehen, aus denen die israelische Gesellschaft besteht“, sagte Toubul. „Das ist der Ausgangspunkt für jedes bedeutungsvolle Gespräch.“
Die inneren Spaltungen Israels im Überblick
Der Bericht erhebt nicht den Anspruch, jeden Bereich der israelischen Gesellschaft zu repräsentieren. Vielmehr bietet er einen Einblick in die Diskussionen von Führungsgruppen, die sich im vergangenen Jahr damit befasst haben, wie Identität, Trauma, Religion, Politik und persönliche Erfahrungen ihre Haltung zum Konflikt prägen.
Unter den religiös-zionistischen Teilnehmern stellte der Bericht ein starkes Verantwortungsgefühl fest, das in der Tora, der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und dem Land Israel verwurzelt ist. Gleichzeitig wachse das Bewusstsein dafür, dass ihre Sprache und Weltanschauung von anderen häufig als bedrohlich oder extrem wahrgenommen würden.
Säkulare Teilnehmer äußerten hingegen ihre Sorge über den Verfall liberaler und demokratischer Werte. Zugleich erkannten sie an, dass rein rationale westliche Diplomatiemodelle den religiösen und identitätsbezogenen Dimensionen des Konflikts häufig nicht gerecht geworden seien.
Die charedische Gruppe betrachtete den Konflikt vor allem durch die Werte des Tora-Lebens, des Pikuach Nefesch (das jüdische Prinzip der Lebensrettung) und des Pragmatismus. Einige Teilnehmer sahen ihre Gemeinschaft gerade deshalb als potenziellen Vermittler, weil sie weniger an territorialen Ideologien interessiert sei.
Die Mizrachi-Teilnehmer betonten ihre Zugehörigkeit zum Nahen Osten, Familie, Ehre, jüdische Kontinuität und die kulturelle Vertrautheit mit der arabischen Welt. Ihr Ansatz sei, so der Bericht, weniger ideologisch als vielmehr beziehungsorientiert und darauf ausgerichtet, zunächst Vertrauen aufzubauen, bevor formelle diplomatische Rahmen geschaffen würden.
Arabische Staatsbürger Israels beschrieben den Konflikt anhand der Begriffe Anerkennung, Gerechtigkeit, Würde und Identität. Gleichzeitig betonten sie die Komplexität ihres Lebens als israelische Staatsbürger mit Verbindungen zum palästinensischen Volk.
Die Gruppe der Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion konzentrierte sich auf Demokratie, Gleichheit, Menschenwürde und den Wunsch, nicht noch einmal gezwungen zu werden, „die Heimat zu wechseln“.
Die Frauen im Netzwerk betonten die Verantwortung gegenüber künftigen Generationen, die Heiligkeit des Lebens, Empathie und die Notwendigkeit, Frauenstimmen stärker in Sicherheits- und Politikdebatten einzubringen.
Die Jugendgruppe, eine der vielfältigsten Gruppen im Netzwerk, forderte eine neue israelische Erzählung – eine, die konkurrierende Identitäten, schmerzhafte Geschichte und pragmatische Hoffnungen auf eine bessere Zukunft miteinander verbinden könne.
Junge Stimmen
Einer der zentralen Momente der Veranstaltung war ein Gespräch zwischen jungen jüdischen und arabischen Führungspersönlichkeiten des Netzwerks, darunter Ammar Shaar, Tom Tzabar, Natalie Dehary und Moran Allouf.
Die Teilnehmer diskutierten darüber, wie die Ereignisse des vergangenen Jahres ihre Identität, ihre Ängste und ihre Zukunftsvisionen geprägt haben. Gleichzeitig hinterfragten sie Begriffe wie Partnerschaft, „vollständiger Sieg“, Hoffnung und Verantwortung neu.
Für die Organisatoren spiegelte das Gespräch der jungen Teilnehmer eine der zentralen Erkenntnisse des Berichts wider: Viele junge Israelis seien weniger daran interessiert, die ideologischen Formeln früherer Generationen zu wiederholen, sondern vielmehr daran, sich zu fragen, welche Art von Staat sie einmal erben werden.
Auf der Konferenz wurde außerdem ein „Ideen-Marktplatz“ präsentiert, auf dem 15 Initiativen vorgestellt wurden, die aus den Arbeitsgruppen des Netzwerks hervorgegangen sind.
Dazu gehörten unter anderem eine Video- und Inhaltsreihe, die das Thema des Konflikts für ein charedisches Publikum aus einer auf der Tora basierenden und pragmatischen Perspektive zugänglich machen soll; ein traditioneller mizrachischer Politikansatz mit dem Titel „Speaking Middle East“, der einen alternativen regionalen Ansatz auf der Grundlage kultureller und geografischer Zugehörigkeit vorschlägt; sowie eine dreisprachige digitale Plattform für einen geschützten jüdisch-arabischen Dialog, die Meinungsverschiedenheiten nicht verwischen, sondern durch sie wachsen möchte.
TAMA erklärte, diese Initiativen verdeutlichten die übergeordnete Mission der Organisation: schwierige Gespräche in praktisches Handeln umzusetzen.
Die Autoren des Berichts bezeichnen das Dokument als „Wegzehrung für den weiteren Weg“ – nicht als endgültige Darstellung dessen, was jede Gruppe glaubt, sondern als Momentaufnahme eines sich weiterentwickelnden Prozesses. Ihre Grundannahme sei einfach, aber anspruchsvoll: Bevor Israel eine gemeinsame Strategie für den Konflikt außerhalb seiner Grenzen entwickeln könne, müsse das Land zunächst die Konflikte, Ängste und Hoffnungen innerhalb seiner eigenen Gesellschaft besser verstehen.




