Wer von euch wäre jemals auf den Gedanken gekommen, Katzen auf den Straßen zu füttern, um damit Menschen anzusprechen? Keiner, auch ich nicht. Aber ich habe einen Freund, der dies seit längerer Zeit im orthodoxen Stadtviertel Mea Schearim tut, dort, wo die berühmte Filmserie Shtisel für Netflix gedreht wurde. Manche, solche Leute haben nicht mehr alle Tassen im Schrank, aber diese Menschen sind oft lebendigere Gesprächspartner als andere. Meine Frau weiß, dass ich solche Typen wie ein Magnet an anziehe. Die größte Auswahl von diesen schrägen Typen gibt es in Jerusalem.
Ronny Guy ist ein besonderer Typ. Er wurde vor 66 Jahren in Jerusalem geboren und gehört zu den ersten Jerusalemer Rockgitarristen der 70er Jahre, wie Shlomo Mizrachi. Heute ist er mit einer Deutschen verheiratet und lebt jetzt wieder in Jerusalem. Wir sind vor vielen Jahren Freunde geworden, nachdem die beiden über das Internet und das Fernsehen Israel Heute kennengelernt haben. Beide haben viele Jahre im Ausland gelebt, in Schweden und in anderen Ländern. Ronny spricht ein bisschen Deutsch und kommt ab und zu in unsere Redaktion. Als mein Vater vor fünf Jahren starb, hat er ein Requiem komponiert, 15 Minuten lang.

„Jemand muss sich um die Katzen auf den Straßen kümmern“, erzählte mir Ronny in der Redaktion. „Ich habe einen berühmten Rabbi in Mea Schearim kennengelernt, der mir ausdrücklich gesagt hat, dass das biblische Gebot Liebe deinen Nächsten wie dich selbst auch für die Haustiere um uns gilt.“ Beide, der Rabbi und Ronny haben abgemacht, dass wenn Ronny eine Kippa trägt, dann sorgt der Rabbi dafür, dass seine Jeschiwa-Schüler kein Essen wegwerfen, sondern die Reste für Ronny und seinen Katzenservice auf den Straßen von Mea Schearim aufbewahren. Und das funktioniert. Ronny ist der einzige, der sich um die Katzen in Jerusalem kümmert. Seine Erklärung ist ganz einfach, die Jerusalemer Stadtverwaltung zeigt grundsätzlich kein Interesse für die ultraorthodoxen Nachbarschaften in Israels Hauptstadt und deswegen geht es den Katzen in Mea Schearim am schlechtesten. In den reicheren Wohnviertel geht es den israelischen Katzen prächtig.

Ronny erzählte mir vom Anfang seiner „Arbeit“ in Mea Schearim. Der war nicht leicht, eine Mission impossible. Orthodoxe Juden haben ihn anfänglich gemobbt, weil er keine Kopfbedeckung getragen hatte. „Sie haben mich verdächtigt und dachten anfänglich, ich sei ein getarnter Polizist oder Schin Bet Agent. Aber mit der Zeit und einer Kippa auf dem Kopf haben sich die Menschen in den Gassen von Mea Schearim mir gegenüber geöffnet. Wir reden nicht nur über Katzen, sondern kommen in tiefe Gespräche in Bezug auf Gott, Bibel und Israels Erlösung. Die Bibel ist Gottes Wort und es gibt einfach kein besseres Buch als dieses.“
Ronny betrachtet sich als Pionier und Retter der Katzen in Mea Schearim. Nicht alles darf ich euch über Ronny verraten, aber er ist ein gläubiger Jude auf seine Art und Weise. In seinen Unterhaltungen mit orthodoxen Tora-Schülern kommt er sehr oft auf den Punkt und erklärt ihnen, dass Gott zuerst im Herzen ist. Die Gebote und Verbote in der Bibel sind wichtig, aber die Erlösung kommt aus einer anderen Richtung. Er kennt die Bibel und kann sich deswegen mit den religiösen Juden zwischen seinem Katzendienst auseinandersetzen. Ich sehe in Ronny nicht nur einen Katzenfütterer, sondern jemand, der gleichzeitig auf zwei Hochzeiten tanzt. Er hilft den Katzen und spricht die Menschen in Mea Schearim an.

Ronny mit einer Taube auf seinem Schoß. Sie ist verletzt und er beschützte sie vor den Katzen. „Mit der Kippa auf dem Kopf machte ich eine Pause, da es mittags einfach zu heiß war“, erzählte mir Ronny zum Foto.

Die Kippa ist jetzt erst einmal auf dem Kopf der Katze
Es ist ganz egal, was Menschen über Ronny Guy sagen und denken. Für die Jerusalemer Rocklegende ist dies sein Dienst, sein Ruf. Unter uns, wer würde Ronny so etwas nachmachen? Aber das ist typisch Jerusalem. Es gibt so viele verschiedene Figuren in Jerusalem, und die originellsten leben hier unter uns. Einige kenne ich persönlich.




