Heute gedenken wir dem 7. Oktober. Ein ganzes, langes und unaufhörliches Jahr, erfüllt von intensiven emotionalen Wendungen, voller Tod und Horrorgeschichten, aber auch voller Hoffnung und einem starken Verlangen nach Frieden. Manchmal schien es mir, als ob das, was wir an einem Tag durchleben, ausreichen würde, um ein ganzes Jahr im Leben eines Menschen in einer normalen Welt zu füllen. Generell habe ich dieses Jahr für mich definiert: Ich bin ein normaler Mensch, der in einer unnormalen Realität lebt. Der 7. Oktober 2023 ist ein Tag, der sich in das Herz unserer Nation eingebrannt hat, in das Herz aller Juden weltweit und in die Herzen vieler Menschen auf der ganzen Welt.
Der 7. Oktober war ein Tag, an dem sich die Realität veränderte. Das Entsetzen, die tiefe Trauer und der unvorstellbare Schmerz drangen in jedes Haus in Israel. Wir konnten den kollektiven Herzschmerz in unseren Herzen förmlich spüren. Ein Herzschmerz, der seither immer bei uns ist, besonders, weil noch 101 unserer Brüder und Schwestern nicht zu uns zurückgekehrt sind. Wir gedenken der Opfer und Helden, jedes Einzelnen, die einen unauslöschlichen Eindruck von Mut und Entschlossenheit hinterlassen haben.
Dieser Tag reiht sich ein in nicht wenige feste Gedenktage, die bereits im jüdischen Kalender existieren, wie der Gedenktag für den Holocaust und den Heldenmut, der Gedenktag für die gefallenen Soldaten der Israelischen Verteidigungsarmee, der neunte Aw – ein Gedenktag für die Zerstörung des Tempels, der Gedenktag an die Ermordung von Jitzchak Rabin und einige weitere.
Im Fernsehen werden herzzerreißende Filme ausgestrahlt, von denen keiner ein gutes Ende hat. Im Radio erklingen melancholische und berührende Lieder. Ein vertrautes Zittern der Traurigkeit durchzieht das Herz.
Und die Frage, die mich unablässig quält, ist: Warum ist das Gefühl der Einheit immer nur an Tagen der Trauer und des Gedenkens so stark?
Warum passiert es nicht einfach an einem gewöhnlichen, schlichten Tag, wenn das Wetter die Nachrichten dominiert?
Und wie konnte es geschehen, dass der einzige Tag, der den Namen Freude trägt, „Simchat Tora“, auch zu einem Tag des Schmerzes und der Trauer wurde, zu einem Gedenktag für die Ewigkeit?
In diesem Jahr habe ich verstanden, wie plötzlich sich das Leben ändern kann. Eines Tages erwacht man, und alles ist festlich, und am nächsten ist alles Asche und Staub. Die Welt hat sich gewendet und mit ihr auch wir. Keiner ist, wie er war.
In den sozialen Medien werden zahlreiche Slogans veröffentlicht, und der auffälligste darunter lautet: „Vor einem Jahr, am 6. Oktober 2023, sind wir zum letzten Mal mit ruhigem Herzen eingeschlafen.“
Und heute ist es schon ein Jahr, ein ganzes Jahr ist vergangen, und der große Schmerz durchbohrt das Herz noch immer.
Es ist erlaubt zu weinen und zusammenzubrechen. Denn dieser Schmerz ist auch ein Zeichen dafür, dass wir hier sind, dass wir leben, atmen und uns erinnern.
Und neben dem großen Schmerz versuchen wir auch, an der Hoffnung festzuhalten, an der Hoffnung, die die treibende Kraft unseres Volkes ist.
Trotz des vielen Leids gibt es immer auch einen Lichtstrahl, der uns, das jüdische Volk, vorwärts führt.
Die Hoffnung entspringt dem Willen weiterzumachen, zu bauen, zu schaffen und zu leben. Die Stärke des jüdischen Volkes liegt in dieser Hoffnung und in der Fähigkeit, kreativ, klug und entschlossen zu sein.
Unsere Hoffnung ist noch nicht verloren, und sie ist es, die uns jeden Morgen antreibt, aufzustehen und für eine bessere Zukunft zu leben – für uns und für unsere Kinder. Die Hoffnung spiegelt sich in ihrer höchsten Form in unserer Einheit wider.
Heute vereint sich das ganze Volk in Erinnerung und Schmerz, aber auch im gemeinsamen Gefühl der Verantwortung, uns selbst und die Menschen um uns herum zu stärken. Wir sind ein kleines Volk, aber ein großes Herz schlägt in uns. Viele Menschen sind sich näher gekommen und haben die Kraft der Einheit und der Brüderlichkeit erkannt.
Im vergangenen Jahr haben wir so viele ausgestreckte Hände gesehen, die keine Worte brauchten. Unsere Kraft liegt in dieser Einheit. Die Bürger, deren Leben plötzlich abgebrochen wurden, und die Soldaten, die bei der Verteidigung der Heimat gefallen sind, lebten diesen Geist der Hoffnung.
Ihr Heldentum wird niemals vergessen werden!
Ihre Erinnerung ist die Fackel, die uns vorwärts leitet. Aus ihrer Erinnerung entsteht Hoffnung. Wir erinnern uns, um stark zu werden, wir sind vereint, um zu heilen, und wir hoffen, um weiterzumachen. Der Kampf ist nicht nur für unser Leben hier und jetzt, sondern für die Zukunft der kommenden Generationen. Denn am Ende des Tages sind es die Hoffnung und der Glaube, die immer siegen werden.
Zum Abschluss möchte ich hier die Worte eines heute veröffentlichten Liedes hinterlassen:
„Und alles, was bleibt, ist, an der Hoffnung festzuhalten,
dass in unseren Herzen bald wieder Blumen blühen,
dass die Sonne durch die grauen Wolken dieser Zeit hindurchscheint,
dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und klüger werden,
und dass sie unversehrt nach Hause zurückkehren –
all unsere Söhne und Töchter in Gefangenschaft
und jene, die für das Leben kämpfen.“
Am Israel Chai!





Wie immer sehr eindrücklich – das Nachdenken der Anat Schneider über
komplizierte Situationen, in denen Herz und Seele Frieden sucht und findet und zur Ruhe kommen kann.
Das braucht jeder, dessen Augenmerk auf Israel gerichtet ist und sich mit dem Volk Eins machen möchte – gerade in dieser schweren Zeit.
In diesem einen Jahr habe ich viel von Juden in Israel, von Messianischen und auch Rabbinern lernen können, viel Unnötiges aus meinen Gedanken entfernt und durch Wertvolles ersetzen können. Für mich, die auf ihre Behausung angewiesen ist und allein lebt, ist es ein Privileg, tägliche Nachrichten authentisch und glaubwürdig zu bekommen – dadurch intensiviert sich das Gebetsleben und lenkt von eigenen Problemen ab. Die Geiseln, die Angehörigen,
die Soldaten, die Gefallenen und denen das Leben so verändert wurde, das alles zum Herrn zu bringen und zu wissen, dass Er hört und nach Seiner Weisheit handelt, gibt mir das Gefühl nicht nutzlos zu sein und ein kleines Licht in das Dunkel Israels senden zu können, auch wenn´s keiner sieht.
Ich bedanke mich dafür, dazu zu gehören zu dem weltweiten Freundeskreis und sende die herzlichsten Grüße und Segenswünsche. Schalom!
Auch von meiner Seite herzliche Segenswünsche nach Israel, diesem wunderschönen Land, ich bin mit Euch! Schalom!