Wochenlesung – רְאֵה – Re´eh – Siehe ; 5. Mose 11,26 – 16,17 ; Jesaja 54,11 – 55,5
Was sehen wir eigentlich, wenn wir die Augen öffnen? Sehen wir nur die äußeren Bilder, die uns das Leben vorhält oder auch die tiefere Wahrheit dahinter? Ist unser Blick gefangen von Mangel, von Sorgen und Enttäuschungen – oder gelingt es uns, die verborgene Spur des Segens zu entdecken? Und noch mehr: Wer bestimmt eigentlich, wie wir sehen? Sind wir Opfer unserer Wahrnehmung oder Schöpfer eines Blicks, der Bedeutung verleiht? Der Wochenabschnitt Re’eh stellt uns genau diese Fragen: „Sieh“.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Der Wochenabschnitt Re’eh eröffnet mit einem der stärksten und intimsten Aufrufe in der Tora und lädt uns ein, nicht nur zu hören, wie uns geboten wurde, sondern auch zu sehen. Die Wochenabschnitte lehren uns, all unsere Sinne zu gebrauchen, und betonen dadurch die Bedeutung der Sinne in unserem täglichen Leben im Allgemeinen und in unserem geistlichen Leben im Besonderen. Re’eh ist der Ruf und die Wahl, zu sehen, auch dann, wenn nicht alles klar und verständlich ist.
„Siehe, ich lege euch heute vor: Segen und Fluch.“ So beginnt unsere Parascha Re’eh, mit einem direkten Ruf: Siehe. Nicht „höre“, nicht „erkenne“, sondern „siehe“, öffne deine Augen. Sehe, was um dich herum ist und was in dir selbst vorhanden ist.
Aber was bedeutet dieser Aufruf? Sind Segen und Fluch mit den Augen sichtbar? Stellen das Leben und die Realität wirklich alles so klar zur Anschauung? Segen und Fluch sind nicht nur äußere Zustände und daher ist das Sehen nicht nur ein Sehen nach außen. Die Bibel lehrt, dass Segen in erster Linie ein innerer Zustand ist, ein moralischer Zustand, ein Zustand der Verbindung, ein Zustand meines inneren Gesprächs mit mir selbst. Ist es ein erhebendes Gespräch oder beklage ich mich unbewusst bei mir selbst?
Ich schlage wirklich vor, dies einmal zu prüfen und zu versuchen zu sehen, wohin uns die inneren Gedanken die meiste Zeit führen. Der Segen kommt, wie gesagt, nicht immer mit unmittelbarer Belohnung, aber er entsteht aus einer inneren Wahl für eine Lebensweise, die moralisch ist und offen für das Auge Gottes. So auch der Fluch: Er ist keine dramatische Strafe, sondern ein Prozess der Trennung, ein Rückzug ins eigene Ego und eine Verschlossenheit gegenüber der weiteren Wirklichkeit.
Die Wahl, die uns in diesem Gebot gegeben wird, ist zwischen einem Leben mit Bedeutung, einem Leben voller Glauben und einem geschlossenen Leben ohne Glauben, mit dem Gefühl eines Gefängnisses. „Siehe, ich lege euch heute vor…“ Gottes Wort sagt nicht nur siehe, sondern fügt auch das Wort heute hinzu, das heißt, Gott gibt uns jeden Tag aufs Neue die Gelegenheit zu wählen, wie wir die Welt sehen. Sehen wir in dem, was uns geschieht, eine Gelegenheit zum Segen oder eine Quelle der Enttäuschung?
Das Gefühl vieler Menschen heute ist, dass das Leben sich in einer Art Dämmerungszone befindet, weder Segen noch Fluch, sondern Last. Aber die Bibel ist hier zu keinem Kompromiss bereit. Sie ruft uns sehr klar dazu auf, zu sehen. Sieh! Öffne deine Augen! Suche einen moralischen Blick! Suche, was vor dir liegt! Die Wahrheit! Versuche, weniger zu sehen, was dir fehlt und viel mehr, was du hast.
Der Vers verspricht uns nicht, dass wir in Ruhe leben werden, sondern dass wir die Möglichkeit haben, die Bedeutung unseres Lebens selbst zu wählen. Die Bedeutung, die wir geben, wird ein gesegnetes Leben sichern. Eine der stärksten Botschaften der Parascha ist die Idee der wiederkehrenden Wahl. Wir wählen nicht nur einmal, sondern jeden Tag, in jedem Moment, in jeder Reaktion und in jeder Entscheidung.
Jeden Tag können wir ein bedeutungsvolles Leben wählen, das von unserem Weg mit Gott erzählt, denn dort liegt der wahre Segen. Gleichzeitig fordert die Bibel von uns auch einen fortwährenden Blick, eine Art Langmut, damit wir auch die Folgen unseres Handelns sehen können. Damit wir auch den Schmerz des anderen sehen, ihn aufnehmen und Empathie für ihn entwickeln können. Die Schönheit der hier angebotenen Wahl besteht darin, dass sie uns helfen und leiten will, an den Punkt zu gelangen, wo wir sehen können, dass es möglich ist, auch anders zu wählen. Denn wenn wir Verantwortung übernehmen, für uns selbst, für unsere Familien, für unsere Gemeinde, für die Gesellschaft, in der wir leben – dann nehmen wir teil an der fortwährenden Schöpfung.
Ein schöner Midrasch weist darauf hin, dass „Siehe“ im Hebräischen Bibeltext in der Einzahl gesagt ist, obwohl der folgende Vers in die Mehrzahl übergeht. Und warum? Weil ein einziger Mensch genügt, der anders sieht, um eine ganze Wirklichkeit zu bewegen. Überall dort, wo ein Mensch wählt, tiefer zu sehen, im Glauben zu wählen und das Gute zu wählen, dort beginnt eine gesegnete Bewegung, dort wird Segen geboren. Auch wenn die Welt als Ganze noch nicht so weit ist.
Und ist das nicht genau das, was mit dem Kommen von Jeschua in die Welt geschah? Als er kam, war die Welt noch nicht bereit für sein Kommen und nicht bereit für die Veränderungen, über die er sprach. Aber es entstand eine Bewegung von Menschen, die ihm folgten und an seine Worte glaubten – und so entstand eine neue Bewegung des Sehens und des Segens, die bis heute anhält.
Die Parascha Re’eh ist nicht nur ein Ruf zum Sehen und zum Handeln, sie erfüllt uns auch mit einer inneren Erforschung, in der wir uns selbst fragen: Was wählen wir zu sehen? Was wollen wir sehen? Wie deuten wir die Ereignisse unseres Lebens? Wählen wir das Sehen mit einem guten Auge – oder mit einem misstrauischen Auge? Sind wir in der Lage, den Segen zu sehen, auch wenn er in Mühe, Schmerz und Ungewissheit eingehüllt ist?
Die Wahl liegt bei uns, sie ist eine freie Wahl. Auch die Art des Sehens ist die unsere, sie hängt ebenfalls von unserer Deutung ab. Und der Segen? Seid gewiss und voller Glauben, dass der Segen bereits vor uns liegt. Wir müssen nur unsere Augen öffnen und sehen. Schabbat Schalom.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:35, Ausgang 19:53
- Tel Aviv – Beginn 18:57, Ausgang 19:56
- Haifa – Beginn 18:47, Ausgang 19:56
- Beersheva – Beginn 18:56, Ausgang 19:54
- Eilat – Beginn 18:43, Ausgang 19:50




