Wie kommt es, dass eine kleine Nebengeschichte im Buch der Bücher Erwähnung findet? Handelt es sich nur um einen unscheinbaren Familienfall oder steckt mehr dahinter? In dieser Geschichte am Rande wird nur der Name der Mutter erwähnt. Es geht darum, dass die Verfluchung des Namens Gottes eine schwerwiegende Sünde ist, die mit dem Tode bestraft wird.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Diesmal möchte ich das Augenmerk auf eine kleine Geschichte am Ende der Wochenlesung legen. „Es ging aber der Sohn eines israelitischen Weibes, der einen ägyptischen Vater hatte, unter den Kindern Israel aus und ein. Dieser Sohn des israelitischen Weibes und ein Israelit zankten im Lager miteinander. Da lästerte der Sohn des israelitischen Weibes den Namen Gottes und fluchte. Darum brachte man ihn zu Mose. Seine Mutter aber hieß Schlomit und war die Tochter Divri (שְׁלֹמִית בַּת-דִּבְרִי), vom Stamme Dan. Und sie behielten ihn in Haft, bis ihnen Bescheid würde durch den Mund des HERRN. Und der HERR redete zu Mose und sprach: Führe den Flucher vor das Lager hinaus und lasse alle, die es gehört haben, ihre Hand auf sein Haupt stützen, und die ganze Gemeinde soll ihn steinigen.“ (3.Mose 24)
Tacheles, eine normale Geschichte von zwei Männern, die sich wie in der Bar betrunken streiten. Doch ein paar Dinge machen die Geschichte einzigartig und haben dafür gesorgt, dass dieser Vorfall in der Bibel verewigt wurde. Einer der Männer gibt sich mit Schlägen und Flüchen nicht zufrieden und benutzt den Namen Gottes, um seinen Gegner zu verfluchen. Schlagen und Fluchen sind zum Teil in Ordnung, aber die Verwendung des Namens Gottes darf nicht stillschweigend übergangen werden. Der Flucher wird gefesselt und zum obersten Richter und Volksführer Mose gebracht, der sich in diesem Fall an die höchste Autorität wendet: Gott.
Das zweite Merkmal der Geschichte ist die Herkunft des Fluchenden. Auch in diesem Fall ist es für den Erzähler nötig, die Eltern für das Unglück ihres Sohnes verantwortlich zu machen, besonders die Mutter. So weist der biblische Text darauf hin, dass das Kind das Produkt einer zweifelhaften und komplizierten Verbindung ist, der Vater ist Ägypter und die Mutter Hebräerin. Es ist bis in unsere heutige Zeit hinein üblich, dass man in Gemeinschaften schnell nach Schuldigen im familiären Umfeld sucht, wenn sich jemand gestört verhält.
So auch in diesem Fall. Die Mutter wird indirekt als Mittäterin in diesem Vorfall angeprangert und als einzige mit Namen in der Familie erwähnt. Die Bibel erwähnt nicht den Namen ihren Sohnes, der Gottes Namen verfluchte, auch nicht den Namen des ägyptischen Vaters. Nur der Name der Frau und Mutter wird in die Ewigkeit eingeschrieben – „die Tochter Divri, vom Stamme Dan“.
Der Sohn ist das Resultat einer hebräischen Mutter und eines ägyptischen Vaters. Die Familie ist unterwegs in der Wüste auf dem Weg ins Gelobte Land. Ein „gemischtes Volk“ ist aus Ägypten ausgezogen, also nicht nur Hebräer, sondern auch Ägypter und Menschen aus anderen Völkern. Mischehen. Die Hebräer waren Sklaven, der Ägypter vielleicht auch. Sie haben irgendwann geheiratet. Die freie Wahl galt für Schlomit wahrscheinlich nicht. Aber auch Mose war mit einer Fremden verheiratet, Zippora, die Tochter des Priesters Jetro von Midian.
Warum hat der Sohn geflucht? Eine mögliche Auslegung besagt: Die Zugehörigkeit zum Stamm richtete sich nach dem Vater. In der Wüste lagerten die Israeliten jeweils in ihren Stämmen. Der Sohn von Schlomit bat darum, zusammen mit den Angehörigen des Stammes Dan zu lagern, zu dem seine Mutter gehörte, doch die Stammesmitglieder hinderten ihn daran, das ist nicht üblich. Folglich stritt er mit ihnen und verfluchte Gott. Dies ist eine von vielen Auslegungen, fundiert auf dem hebräischen Bibeltext.
Ohne ihre volle Geschichte zu kennen, ist es dennoch möglich, zwischen den Zeilen zu erkennen, was diese Schlomit alles durchmachen musste. Schlomit ist bestimmt in Ägypten durch die Hölle gegangen, wer weiß, vielleicht wurde sie auch von jemandem aus den Reihen ihrer Herren vergewaltigt. Dennoch, sie überlebt alles mit ihrem Sohn, und wird letztendlich noch diffamiert. Geschieht das nicht auch in unseren Tagen? Schlomit erfährt ein Shaming –für die Ewigkeit – für das was ihr Sohn tat und nicht sie. Der Sohn wurde zwar zum Tode verurteilt, aber keiner kennt seinen Namen. Seine Mutter kennt jeder beim Namen: Schlomit.
Aber wir können uns im Namen der Mutter trösten, Schlomit stammt von Schalom, eine Frau die Güte und Frieden suchte. Sie ist eine Tochter der Familie Divri (דִּבְרִי), aus der Wortwurzel reden und sprechen (דבר), also eine sprechende Tochter, die zu fragen und zu antworten wusste. Ihr hebräischer Name passt zu den Werten dieser Geschichte, aber er passt vielleicht weniger zu den Werten der patriarchalen Umgebung. Es erfordert Mühe, einen so schönen Namen wie Schlomit zu verdrehen, aber in verschiedenen Midraschim haben Rabbiner ihr nachgesagt, dass Schlomit zu viel geredet habe und alle mit Schalom begrüßt und angesprochen hätte. Wisst Ihr, das Schöne ist, man muss nicht immer mit allen Rabbinern und ihren Auslegungen übereinstimmen. Man sagt, das passiere Frauen, die nicht wissen, wie man den Mund hält und denen werden Söhne mit schmutzigen Mündern geboren.
Was sagt dazu der weise König Salomo in Sprüche 10? „Ein weiser Sohn macht seinem Vater Freude, aber ein törichter Sohn ist seiner Mutter Grämen“. In der Bibel wird nur Salomo als weiser Sohn genannt, als König Hiram von Tyros sagte: „Der HERR sei heute gelobt, der David einen weisen Sohn gegeben hat über dieses große Volk!“ (1.Könige 5,7) Derselbe König Salomo sagte aber auch: „Ein törichter Sohn macht seinem Vater Verdruss und bereitet seiner Mutter Herzeleid.“ (Sprüche 17,25) „So mögen sich denn Vater und Mutter deiner Freuen und frohlocken, die dich geboren hat!“ (Sprüche 23,25)
Unter uns, aus der Bibel können wir immer etwas Neues lernen, auch wenn wir Dinge vielleicht völlig anders sehen oder gar mit manchem nicht einverstanden sind.




