Wochenlesung – וַיֵּרָא – Wa´jera – Und er erschien ; 1.Mose 18,1 – 22,24 ; 2.Könige 4,1 – 37
Lots „Sein oder Nichtsein“. Dieser Wochenabschnitt stellt uns das Problem der Kluft zwischen Lots Position und seinem Verhalten vor. Zwischen dem Ort, zu dem Lot gehören möchte, und der Realität in seiner Stadt und mit seinen Nachbarn. Lot muss eine Entscheidung treffen, von der seine gesamte Zukunft abhängt, doch es gelingt ihm nicht. Er ist hin- und hergerissen zwischen zwei Alternativen, die beide eine große Anziehungskraft auf ihn ausüben. Er muss das Dilemma auf eine Weise lösen, doch jede Möglichkeit würde ihn dazu zwingen, auf eine große Versuchung oder auf einen wichtigen Wunsch zu verzichten.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Der Konflikt in Lots Geschichte wird deutlich, als zwei der Engel, die Abraham besucht hatten, zu Lot nach Sodom kommen und ihn warnen, dass die Stadt und ihre Bewohner vernichtet werden und er sich beeilen soll, mit seiner Familie zu fliehen. Doch Lot zögert. „Da sagten die Männer zu Lot: Wen hast du noch hier? Einen Schwiegersohn, deine Söhne und deine Töchter und alles, was du in der Stadt hast, führe hinaus aus diesem Ort, denn wir werden diesen Ort vernichten, weil das Geschrei über sie vor dem Herrn groß geworden ist, und der Herr hat uns gesandt, sie zu vernichten. Da ging Lot hinaus und sprach zu seinen Schwiegersöhnen, die seine Töchter heiraten sollten, und sagte: ‚Macht euch auf, verlasst diesen Ort, denn der Herr wird die Stadt vernichten!‘ Doch er erschien wie ein Scherz in den Augen seiner Schwiegersöhne. Als die Morgenröte aufging, drängten die Engel Lot und sagten: ‚Steh auf, nimm deine Frau und deine zwei Töchter, die hier sind, damit du nicht in der Schuld der Stadt umkommst.‘ Doch er zögerte, und die Männer packten ihn bei der Hand und auch seine Frau und seine beiden Töchter aus Erbarmen des Herrn mit ihm, und sie führten ihn hinaus und ließen ihn außerhalb der Stadt.“
Beachtet das Wort „ויתמהמה“ (und er zögerte). Lots Zögern entspringt seinem inneren Kern. Im Gegensatz zu Abraham, der aufbrach, um zu verstehen, wer er ist, ist dies Lot nicht klar. Er hat sich in Sodom verloren und denkt, dass er dort seine Identität gefunden hat.
Früher, als er und Abraham sich einigten, sich zu trennen und so dem Streit zwischen ihren Hirten ein Ende zu setzen, hob Lot seine Augen und sah „die ganze Jordansenke, dass sie wasserreich war, … wie der Garten des Herrn, wie das Land Ägypten, bis nach Zoar … und Lot wählte sich die ganze Jordansenke und zog nach Osten.“ (1.Mose 13) Lot entschied sich, sein Zuhause in Sodom zu bauen, obwohl die Einwohner „böse und große Sünder vor dem Herrn“ waren. Nachdem er sich entschieden hatte, in der Jordansenke Wurzeln zu schlagen, sah Lot sich nicht mehr als „Fremder“ wie Abraham. Im Gegenteil, er und seine Familie gingen in Sodom völlig auf. Seine Töchter heirateten Männer der Stadt, und er selbst wurde zu einer öffentlichen Person.
Aus dem Vers am Anfang der Geschichte über Lot und die Engel, „und Lot saß im Tor von Sodom“, lernen wir, dass Lot in Sodom ein Richter war, denn zur Zeit der Bibel saßen die Richter und Ältesten der Städte an den Toren, um zu richten und Streitigkeiten zu lösen. Lot fühlte sich so stark zu Sodom zugehörig, dass seine Gäste, die Engel, ihn kurz vor der Zerstörung an den Händen nehmen und aus der Stadt herausführen mussten. Dieses Gefühl der Zugehörigkeit entstand entweder aus Naivität oder vielleicht sogar aus Selbsttäuschung.
Der Text macht dies an drei Punkten in unserer Geschichte deutlich. Das erste Mal bei dem Versuch der Einwohner von Sodom, Lots Gäste sexuell zu belästigen und anzugreifen. Die Stadtbewohner sind keine besonders gastfreundlichen Menschen, und aus ihrer Belagerung von Lots Haus lässt sich erahnen, dass sie möglicherweise auch Lot selbst als Fremden ansehen.
Das zweite Mal geschieht es, als Lot für seine Gäste fleht und den Nachbarn stattdessen seine eigenen Töchter anbietet. „Sie aber sprachen: Mach, dass du fortkommst! Darnach sprachen sie: Der ist der einzige Fremdling hier und will den Richter spielen! Nun wollen wir dir’s noch ärger machen als ihnen! Und sie drangen hart auf den Mann, auf Lot ein und machten sich daran, die Türe aufzubrechen“. Lot urteilt oder er gibt vor zu urteilen, aber für sie ist er immer noch nur ein Fremder, der gerade erst zum Wohnen hergekommen ist.
Und das dritte Mal geschieht es, als er seine Schwiegersöhne auffordert zu fliehen, aber in ihren Augen erscheint er „wie ein Spaßmacher“. Lots neue Identität steht kurz davor, zusammenzubrechen und ihn unter sich zu begraben, genauso wie die Stadt Sodom selbst. Lot erkennt in drei aufeinanderfolgenden Ohrfeigen, dass die Einwohner von Sodom ihn nicht als einen der ihren sehen. Sodom hasst Fremde, und Lot ist in ihren Augen ein Fremder, und seine Schwiegersöhne halten ihn für einen Narren. Und doch, trotz all dem, zögert er.
Warum zögert Lot? Weil Lot bereits einen erheblichen Teil seines Wesens in die Anstrengung investiert hat, sein Zuhause unter den Menschen der Jordansenke zu errichten. In Wirklichkeit erlebt Lot einen schmerzhaften Konflikt zwischen seinem inneren Standpunkt und seinem Verhalten – ein unerträglicher Widerspruch, auch bekannt als kognitive Dissonanz. Dies ist ein Moment, in dem wir als Leser und als Menschen, die unzählige Ereignisse im Leben erfahren, uns mit der Situation identifizieren können. Wer von uns hat nicht irgendwann einmal einen solchen inneren Widerspruch erlebt? Wer von uns hat sich nicht einmal anders verhalten, als er es wollte, anders, als es der eigene innere Glaube vorgab, weil eine starke äußere Anziehungskraft im Moment etwas anderes diktierte?
Dies ist ein Moment der Erkenntnis für das, was Lot widerfährt, und es ist auch ein Anlass für uns, selbst zu reflektieren. Mitten in der Hast, die durch die bevorstehende Zerstörung Sodoms ausgelöst wird, wird Lot der Diskrepanz bewusst, die zwischen seinen Bemühungen, sich in Sodom einzugewöhnen, und den offensichtlichen Hinweisen, dass er dort nicht willkommen ist, besteht. Er findet es schwierig, diese Spannung zu bewältigen, und sein Zögern zeigt dies an. Die existentielle Frage drängt sich auf: „Wer bin ich?“ Als würde er sagen: „Ich habe so sehr versucht, ein echter Sodomiter zu sein, und es kann nicht sein, dass man mich hier nicht will. Oder vielleicht doch?“
In ähnlicher Weise lässt sich das Verhalten von Lots Frau erklären, die entgegen der ausdrücklichen Warnung beim Fliehen aus Sodom zurückschaute und zur Salzsäule wurde. Je wichtiger eine Entscheidung ist, desto länger zögert man und je schwerer es ist, von einer Entscheidung zurückzutreten, desto mehr zweifelt man, ob man richtig entschieden hat, bekommt Gewissensbisse, benötigt Bestätigung und blickt immer wieder zurück.
Lots Zögern ist kein nebensächliches Detail des Textes. In gewisser Weise ist dies auch die Geschichte des modernen Juden. Die Juden in Europa des 19. Jahrhunderts (Haskala und Assimilation) wurden zum ersten Mal in die allgemeine Gesellschaft integriert, doch sie stießen immer noch auf offene oder subtile antisemitische Ablehnung, und bei vielen von ihnen entwickelte sich ein ambivalentes Verhältnis zu ihrer Identität. Sie versuchten, diese zu verbergen und sich anzupassen. Sie lebten als säkulare Marranen. Je mehr sie versuchten, etwas zu sein, das sie nicht waren, desto mehr traten ihre Unterschiede hervor, was den Hass nur anfachte und zu mehr Antisemitismus führte. Dabei verloren sie nicht nur ihr jüdisches Erbe, sondern auch die einfache Fähigkeit zu wissen, wer sie sind, und stolz darauf zu sein. In den 1930er-Jahren in Deutschland und Österreich war die Verwirrung der Juden so groß, dass sie nicht glauben konnten, dass all das, was sie aufgebaut hatten, vor ihren Augen zerstört wurde. Viele von ihnen wiederholten Lots Zögern und zögerten, diese Länder zu verlassen, weil sie nicht glauben konnten, dass Hitlers Drohungen, sie zu vernichten, ernst gemeint waren.
Das Leben von Lot und Abraham zeigt den Gegensatz, der in jeder Generation zwischen Ambivalenz und praktischer Sicherheit besteht, die auf Identitätssicherheit basiert. Lot, der versuchte, jemand zu sein, der er nicht war, und sich mit seiner Umgebung zu verschmelzen, stellte fest, dass seine Nachbarn ihn als Fremden und Störfaktor sahen und seine Schwiegersöhne ihn sogar für einen Clown hielten. Abraham lebte ein anderes Leben. Er zog in den Krieg für seine Nachbarn in der Jordansenke. Er betete für sie. Doch er lebte getrennt von ihnen, treu seinem Ziel, seinem Glauben und seinem Bund mit Gott. Obwohl er sich als „Fremder und Einwohner“ sah und sich so den Hethitern in Hebron vorstellte, antworteten sie ihm: „Ein Fürst Gottes bist du in unserer Mitte“.
Diese Gleichung hat sich seither nicht verändert und die naheliegende Schlussfolgerung ist, dass wir niemals ambivalent gegenüber dem sein sollten, wer wir sind und was wir sind. So zu sein, wie wir sind, ist eine Mission und ein Segen.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 16:00, Ausgang 17:18
- Tel Aviv – Beginn 16:21, Ausgang 17:19
- Haifa – Beginn 16:09, Ausgang 17:17
- Beersheva – Beginn 16:22, Ausgang 17:20
- Eilat – Beginn 16:14, Ausgang 17:22




