Wochenlesung – בְּשַׁלַּ֣ח– Be´Schalach – Als er ziehen ließ ; 2.Mose 13,17 – 17,16 ; Richter 4,4 – 5,31
Misserfolge und Scheitern gehören zu unserem Leben dazu. Was uns von anderen jedoch unterscheidet, ist die Kraft und Größe, wieder aufzustehen und daraus zu lernen. Es geht um die Bedeutung von Umwegen in unserem Leben und in der Geschichte der Kinder Israels während des Auszuges aus Ägypten.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Als ich zur persönlichen Trainerin (Lifecoach) ausgebildet wurde, lernten wir einen Text von einer amerikanischen Songwriterin namens Portia Nelson kennen, mit dem Titel „Autobiografie in fünf kurzen Kapiteln“.
- Kapitel 1: Ich gehe die Straße entlang. Auf dem Gehweg befindet sich ein tiefes Loch. Ich falle hinein. Ich bin verloren, hilflos. Es ist nicht meine Schuld. Es dauert eine Ewigkeit, bis ich herauskomme.
- Kapitel 2: Ich gehe dieselbe Straße entlang. Auf dem Gehweg ist ein tiefes Loch. Ich ignoriere es. Ich falle wieder hinein. Ich kann nicht glauben, dass ich erneut hier gelandet bin. Aber es ist nicht meine Schuld. Es dauert immer noch lange, bis ich herauskomme.
- Kapitel 3: Ich gehe dieselbe Straße entlang. Auf dem Gehweg ist ein tiefes Loch. Ich sehe es. Und trotzdem falle ich hinein… Es ist eine Gewohnheit… Aber meine Augen sind offen. Ich weiß, wo ich bin. Es ist meine Schuld. Ich komme sofort heraus.
- Kapitel 4: Ich gehe dieselbe Straße entlang. Auf dem Gehweg ist ein tiefes Loch. Ich gehe darum herum.
- Kapitel 5: Ich gehe eine andere Straße entlang.
So ist das Leben vieler von uns. So war mein Leben. Wir machen uns auf den Weg, überzeugt davon, dass wir wissen, wohin wir gehen. Doch fast immer stellen wir fest, dass es nicht so einfach ist. Wir fallen in Löcher. Wir machen Fehler. Und dann wiederholen wir diese Fehler, bis wir schließlich lernen, sie zu vermeiden.
Das führt mich zur Bedeutung der Umwege und so beginnt die Wochenlesung folgendermaßen: „Als nun der Pharao das Volk gehen ließ, führte sie Gott nicht auf die Straße durch der Philister Land, wiewohl sie die nächste war; denn Gott gedachte, es möchte das Volk gereuen, wenn es Krieg sähe, und möchte wieder nach Ägypten umkehren. Darum führte Gott das Volk den Umweg durch die Wüste am Schilfmeer. Und die Kinder Israel zogen gerüstet aus Ägypten“.
Drei wichtige Punkte stecken in diesen Versen.
Erstens. Diese Verse sind schwieriger, als sie zunächst erscheinen. Ihre Bedeutung scheint klar. Die Israeliten waren gerade erst aus der Knechtschaft Ägyptens befreit worden. Sie mussten erst noch ihre Persönlichkeit und Identität entwickeln und sich eine Mentalität von freien Menschen aneignen. Hätten sie sofort gegen die sieben Völker Kanaans kämpfen müssen, hätten sie sich möglicherweise gefürchtet und wären zurückgewichen.
Doch später in der Parascha lesen wir, dass Gott das Herz des Pharaos verhärtete, weshalb Pharao sofort mit 600 Streitwagen die Verfolgung der Israeliten aufnahm. „Und ich will sein Herz verstocken, dass er ihnen nachjage, und will mich am Pharao und an seiner ganzen Macht verherrlichen; und die Ägypter sollen erfahren, dass ich der HERR bin!“ Dies versetzte das Volk in große Angst: „und sprachen zu Mose: Sind etwa keine Gräber in Ägypten, dass du uns genommen hast, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? Haben wir dir nicht in Ägypten schon gesagt: Lasse ab von uns, dass wir den Ägyptern dienen? Denn es wäre uns ja besser, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben!“ Wenn Gott wollte, dass die Kinder Israels keinen Krieg sehen, damit sie nicht nach Ägypten zurückkehren, warum sandte er dann Pharao und sein Heer hinter ihnen her? Eigentlich hätte die erste Phase der Reise so ruhig wie möglich sein müssen.
Zweitens. Die Israeliten wurden dennoch sehr früh in einen Krieg verwickelt. Noch bevor sie das Land Kanaan erreichten, griffen die Amalekiter sie an. Doch in diesem Kampf, den sie ohne göttliche Wunder führten, zeigten sie keine Angst. Unter der geistlichen Führung von Moses erhobenen Händen und unter dem militärischen Kommando Josuas kämpften sie und gewannen. „Und Mose sprach zu Josua: Erwähle uns Männer und ziehe aus, streite wider Amalek! Morgen will ich auf des Hügels Spitze stehen und den Stab Gottes in meiner Hand haben“.
Drittens. Der Umweg verhinderte nicht, dass das Volk später in Panik geriet, als es den Bericht der Kundschafter hörte. Als sie von der Stärke der kanaanitischen Völker und ihren befestigten Städten erfuhren, sagten sie: „Und sie sprachen zueinander: Wir wollen uns selbst einen Anführer geben und wieder nach Ägypten ziehen!“ (4. Mose 14, 4) Genau die Reaktion, die der lange Umweg eigentlich hätte verhindern sollen.
Es scheint also, dass Gottes Entscheidung, das Volk auf einem Umweg durch das Schilfmeer und die Wüste zu führen, nicht dazu diente, sie davon abzuhalten, nach Ägypten zurückkehren zu wollen, sondern ihnen die Möglichkeit dazu zu nehmen. Der wunderbare Durchzug durch das Schilfmeer war ein Punkt ohne Wiederkehr. Denn auch wenn die Israeliten noch viele Zweifel und Ängste haben würden, eine echte Alternative gab es nicht mehr. Sie mussten weitermachen, selbst wenn dies bedeutete, dass eine ganze Generation in der Wüste vergehen würde.
Der Wert der langen Reise
So lernte das Volk Israel bereits in seinen Anfängen, dass nachhaltige Errungenschaften nur durch eine lange Reise erreicht werden. Es ist besser, den langen, sicheren Weg zu wählen, der uns zum Ziel führt, als den kurzen und unsicheren, auch wenn dieser auf den ersten Blick verlockender erscheint. Unsere Welt ist voller Bücher, Filme und Seminare, die schnelle Lösungen für alles versprechen – von Gewichtsverlust und Diät über Reichtum bis hin zu Ruhm und Erfolg. Doch die lebensverändernde Lektion aus Gottes Entscheidung, die Kinder Israels auf dem langen Weg zu führen, ist: Es gibt keine Abkürzungen. Der lange Weg ist der kurze. Der kurze Weg ist der lange.
Wir sollten bereits zu Beginn unserer Lebensreise wissen, dass sie lang und schwierig sein wird, mit Hindernissen und falschen Abzweigungen. Wir müssen uns mit Ausdauer und Widerstandskraft wappnen, mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit. Und je weiter wir auf diesem Weg vorankommen, desto weniger werden wir nach Schuldigen suchen, sondern mehr Verantwortung für unsere eigenen Fehler und Herausforderungen übernehmen. Verantwortung zu übernehmen, bringt uns vorwärts zum Erfolg. Die Reise selbst wird uns antreiben. Denn jede andere Route führt letztlich zum Scheitern.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 16:39, Ausgang 17:56
- Tel Aviv – Beginn 17:00, Ausgang 17:57
- Haifa – Beginn 16:48, Ausgang 17:56
- Beersheva – Beginn 17:01, Ausgang 17:58
- Eilat – Beginn 16:53, Ausgang 18:01




