Israel befindet sich im Dauerprotest. Kaum eine andere Demokratie hat in den vergangenen Jahren so viele Fronten der Unzufriedenheit erlebt: Hunderttausende auf den Straßen, spontane Sitzblockaden, brennende Barrikaden, Kundgebungen von Links wie von Rechts. Mal geht es um die Entführten im Gazastreifen, mal um die Justizreform, mal um den Krieg, mal um die Einberufung der Ultraorthodoxen. Die Vielfalt der Proteste zeigt nicht nur die Spannungen, sie ist Ausdruck einer Nation, die im permanenten Ausnahmezustand lebt, zwischen Politik, Gesellschaft und Sicherheit. Dabei zeichnet schon die Bibel Israel nicht als ein harmonisches Volk, sondern als eines, das unaufhörlich ringt – mit Gott, mit sich selbst, mit den Völkern ringsum. Jakob wird „Israel“ genannt, „denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist Sieger geblieben“. Israels permanente Protestkultur ist also nicht nur ein Problem, sondern Teil seiner Identität. Israel ist ein Volk, das ringt und dadurch lebt.
2023 stand der Protest gegen die Justizreform der rechtsreligiösen Regierung Netanjahus im Zentrum. Sie brachte Woche für Woche Hunderttausende auf die Straßen von Tel Aviv,...
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