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Tacheles mit Aviel – Jeder meint, dem Volk einen Gefallen zu tun

Tacheles, offen und unverblümt sage ich meine Meinung. Zwei gegenteilige Weltanschauungen sind schwer zu vereinen. Darüber ist das Volk Israel immer wieder in seiner Geschichte gestolpert.

Das Volk streitet in Jerusalem über den Charakter seines Landes. Foto von Chaim Goldberg/Flash90

Alle Bemühungen, im israelischen Parlament einen Kompromiss zu finden und die bisherige Doktrin der “Angemessenheit” im Einvernehmen mit der Opposition aufzuheben, sind in letzter Minute gescheitert. Das Gesetz der Angemessenheit wurde verabschiedetund Israel explodierte. Unterschiedliche Meinungen sind menschlich und normal, solange sie das Volk nicht spalten. Aber jetzt spricht das Volk von einer dritten Zerstörung des Tempels in Israel.

Das israelische Parlament hat den ersten Teil des weitreichenden Prozesses der Regierungskoalition zur Überarbeitung des Justizsystems gebilligt. Mit dem verabschiedeten Gesetz der Angemessenheit wurde die Befugnis des Obersten Gerichtshofs, Maßnahmen der Regierung zu kippen, begrenzt. Damit errang die rechtsnationale Koalition einen wichtigen Sieg bei ihrem Versuch, den israelischen und jüdischen Charakter umzugestalten. Trotz enormer Kritik im Volk wurde das umstrittene Gesetz in der zweiten und dritten Lesung mit 64 gegen 0 verabschiedet. Jetzt tritt das Ultimatum der Reservisten in Kraft, ihren Dienst in der Armee zu beenden. Ehemalige Generäle, Generalstabschefs, Mossad- und Schin Bet-Chefs warnten Benjamin Netanjahu vor einer Katastrophe. Selbst der ehemalige Mossad-Chef Yossi Cohen und enge Vertraute von Netanjahu, warten vorgestern noch seinen Freund Benjamin: „Die Gesetzgebung muss gestoppt werden, die Zeit für eine Einigung im Volk ist dringend notwendig.“ Aber als Staatsführer hat Bibi die volle Macht, selbst zu entscheiden, wem er zuhören möchte und wem nicht. Die Befürworter, angeführt von Netanjahu, verteidigten die rechtlichen Änderungen als eine notwendige Korrektur der richterlichen Übervorteilung. Aber die Verantwortung liegt am Ende immer auf den Schultern des Hirten.

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu trägt das Volk Israel auf seinen Schultern. Foto von Yonatan Sindel/Flash90
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu trägt das Volk Israel auf seinen Schultern. Foto von Yonatan Sindel/Flash90

Beide Seiten behaupten, Israels Demokratie zu verteidigen und beide Seite beschimpfen den Nächsten als Diktator, Faschisten und Anachristen. Ich höre und fühle meine Mitmenschen um mir und ja, ich habe enge Freunde, die sind rechts und religiös, aber ebenso linksliberale Freunde. Ich wähle meine Freunde nicht gemäß politischer Einstellung. Wir sind Freunde, weil wir uns verstehen, respektieren, lieben und gerne zusammen sind. Als das Gesetz gestern in der Knesset verabschiedet wurde, funkte mich via WhatsApp Alisa an und sagte mir sie ist traurig. Ich versuchte sie zu beruhigen und empfahl ihr die Politik zu ignorieren. Alisa ist eine aktive Reformgegnerin und protestiert jeden Schabbatausgang in Jerusalem gegen die Justizreform. Sie gehört zu den tausenden Protestlern, die in den letzten Wochen mehrmals den Flughafen Ben Gurion blockierten. Alisa ist voll dabei.

Karikatur des jordanischen Illustrators @EmadHajjaj in der Zeitung Al-Arabi Al-Jadid: „Israel ist gespalten. Der Auszug von Bibi

Auf der rechten Seite meldete sich ein anderer Kumpel, Rami, der vor Freude fast platzte. „Bibi, der König von Israel, dient im Auftrag Gottes“. Wie viele andere sieht er in Bibi den wahren Erlöser Israels, den einzigen im Volk, der „das linke Rechtssystem besiegen kann“. Kürzlich saß ich mit Haim, einem Bauunternehmer, neben unserer Redaktion beim Kaffee. Er schilderte mir aus seiner Sicht, wie die Energie und die Batterie des Volkes leer werden. „Wir hassen uns, wir streiten uns und alles, womit wir aufgewachsen sind, verschwindet“, erklärte mir Haim in traurigen Worten. Vor über 30 Jahren war ich sein Befehlshaber, als er ein junger Soldat war. Seitdem sind wir enge Freunde. Wenn ich alles zusammenfasse, was ich von Menschen höre, die ich wirklich liebe, dann verstehen wir alle, dass wir alle gleichermaßen verloren haben. Niemand gewinnt, auch nicht die rechten Bibi-Wähler, die vor Freude toben, aber tief in ihrer Seele verstehen, dass ihre Brüder und Schwestern in dieser Situation leiden.

Vor 30 Jahren, als das Oslo-Abkommen von einer linksgerichteten Regierung auf den Weg gebracht wurde, blockierten jüdische Siedler die Straßen des Landes, weil sie fürchteten, das biblische Kernland Judäa und Samaria zu verlieren. Im November 1995 wurde der israelische Ministerpräsident Itzchak Rabin in Tel Aviv erschossen. Heute leidet die andere Hälfte des Volkes, weil sie fürchtet, dass die Demokratie Israels aus den Grenzen des Heiligen Landes verschwindet. Zwei Hälften des Volkes, die Israel unterschiedlich sehen und für unterschiedliche Werte auf die Straße gehen. Die Siedler kämpfen für das Land, die säkularen Israelis für die Demokratie. Jeder hat seine Vorstellung von der jüdischen Heimat in Zion, und diese Vorstellungen prallen in diesen Tagen aufeinander.

Stehen wir vor einer weiteren Zerstörung Jerusalems? Bild von Public Domain
Stehen wir vor einer weiteren Zerstörung Jerusalems? Bild: Public Domain

Darüber hinaus wurde heute Morgen ein neues Grundgesetz vorgeschlagen. Thora-Studium soll nationale Pflicht sein! Die orthodoxe Koalitionspartei Vereinigtes Thora-Judentum hat einen Vorschlag für ein neues verfassungsähnliches Grundgesetz vorgelegt, das das Thorastudium mit dem nationalen Armeedienst gleichsetzen soll. Premierminister Benjamin Netanjahu hat sich dazu noch nicht persönlich geäußert, aber seine Partei, die Likud gab bekannt, dass das nicht passieren wird. Der Minister für soziale Gleichheit im Volk, Amichai Chikli, reagierte jedoch und twitterte: „Das Lernen der Thora ist ein höchster Wert im israelischen Volk, der noch nie in einer Gesetzgebung festgelegt wurden musste, und das sollte auch so bleiben. Diesen Gesetzentwurf auf den Tisch der Knesset zu legen, ist schädliches Trolling zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Dies mit der Wehrpflicht in der Armee zu vergleichen, ist unangebracht.“

Technisch ist die Koalition zu allem fähig und wenn die orthodoxe Partei darauf besteht, wird sie Bibi mit einem Austritt drohen und dann fällt seine Koalition auseinander. Bibel studieren sollte man aus Überzeugung, Glaube und Liebe zu Gottes Wort machen. Dies kann man wirklich nicht mit der Wehrpflicht gleichstellen. Und wenn tatsächlich alle im Volk dazu verpflichtet werden, die Thora zu studieren, dann müssen auch alle den Wehrdienst machen.

Genau davor haben die Reformgegner im Land Angst. Jetzt kann alles wie ein rollender Schneeball ins Rollen kommen. Um seine Koalition und sein Amt zu bewahren, ist der Ministerpräsident in einer Zwickmühle, und seine Koalitionspartner wissen das. Selbst innerhalb des Likud wird oft darüber diskutiert, dass die Likud-Regierung jetzt in den Händen der orthodoxen und rechtsnationalen Parteien ist. Sie haben es in der Hand, Bibi im Amt zu halten oder abzusetzen. Denn jeder glaubt, dem Volk mit seiner Vision für das Land einen Gefallen zu tun. Das Ergebnis ist, dass das Volk in Zion gespalten ist.

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Patrick Callahan

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3 Kommentare zu “Tacheles mit Aviel – Jeder meint, dem Volk einen Gefallen zu tun”

  1. spenglersilvia sagt:

    Was ist denn jetzt ein „angemessener Kommentar“? Seit Kindheitstagen liebe ich Israel, kenne die deutsche Schuld und nach dem Krieg einige der Bekennenden Kirche, von denen ich gelehrt wurde und las meine g a n z e Bibel, die Geschichte des jüdischen Volkes, das Gott sich als das Seine aussuchte. Ihr Ergehen, nachdem sie wie andere auch einen König wollten, und je nachdem, wie der König auf den Allmächtigen hörte, es ihnen gut oder schlecht ging. Und wie Gott sie aus den verschiedenen Exilen durch einzelne mutige IHM vertrauende Menschen befreite.
    Was soll der arme Netanjahu denn tun – was ist die Konsiquenz – muss er sich nicht an sein Wahlversprechen halten, wodurch er sie Mehrheit erlangte?

  2. spenglersilvia sagt:

    Haben die Siedler nicht recht? Mit großer Mühe und Kraft haben Überlebende
    ihre erhoffte Heimat erreicht, ausgemergelt wie sie waren Stein um Stein aufgelesen und so das trockene Land fruchtbar gemacht. Der JNF KKL bepflanzte, bewaldete, bewässerte. Das Land ist so schön geworden – ich konnte es nur auf Fotos sehen und jetzt durch Eure Berichte erfahren.
    Sollen nun wieder Wahlen sein, und wieviele? Dann gehts von vorn los mit dem womöglich gleichen Ergebnis. Es werden sich immer welche abwenden. Israel ist Gottes auserwählter Augapfel, deshalb ist der Hass der Welt so oder so sicher.
    Angst vor schwacher Armee? Gott hat etwas versprochen, immer wenn Israel nur IHM vertraute. Manchmal hat ER Seine Streiter sichtbar gemacht – es sind unüberwindbare Mächte. Gideon hat´s erlebt, und manchmal sprechen sogar Esel. Das sind doch keine Märchen – es ist Eure Geschichte, die gewaltigste, die man kennt.

  3. spenglersilvia sagt:

    Muss noch schreiben. Warum ich das tue? Keine Ahnung, mir blutet das Herz bei jedem Terroropfer, das in Israel umkommt und bei jedem unwissenden Kommentar dazu in unseren Medien, in der Uno, die nur verurteilt und nicht weiß, WEN sie damit kränkt.
    Dass die Rabbiner das Wort über Jahrtausende in Ehren gehalten haben, hat der Allmächtige ihnen ins Herz gegeben – sonst wären die Juden nicht wieder in ihr Land gekommen. Und immer mehr holt ER ins Land – Christen dürfen helfen.
    Zweistaatenlösung? Das ist keine Option, die dem Schöpfer gefällt, das lese nicht nur ich in der Torah – sogar im Neuen Testament. Mit den Juden warte ich auf ihren Messias – wenn es Christen gibt, die einen anderen erwarten, warten sie umsonst. Nur JESCHUA schenkt Leben! Schalom!!

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