Der israelische Oppositionsführer Yair Lapid hat in Tel Aviv mit scharfen Worten vor den Folgen einer erneuten Wiederwahl von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gewarnt. In einer Rede vor Anhängern seiner Yesh-Atid-Partei sprach er vom möglichen „Ende des Zionismus“ und betonte, „Israel steht vor der letzten Chance, das Land zu retten. Sollte Netanjahus rechtsgerichtete Koalition erneut die Wahl gewinnen, würde der Staat auseinanderfallen.“
Lapid zeichnete das Bild eines Landes am Scheideweg. Israel könne sich entweder zu einem erfolgreichen und weltoffenen Industriestaat entwickeln, anerkannt auf der Weltbühne und geprägt von liberalen Werten im Einklang mit Tradition. Oder aber, so warnte er, das Land werde zu einem „gewalttätigen und rückständigen Drittweltstaat, der das Judentum in Rassismus verkehrt und die demokratischen Strukturen zerstört.“ Für ihn sei klar: „In zwei Jahren wird es nichts mehr zu retten geben, wenn wir jetzt nicht handeln. Das Zeitfenster schließt sich.“
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, stellte Lapid die Grundzüge seiner politischen Vision vor. Dazu gehören eine neue Verfassung, umfassende Investitionen in das Bildungssystem, entschlossene Anti-Korruptionsmaßnahmen und ein stärkerer Schutz von Justiz und Rechtsstaatlichkeit. Über allem aber stehe die Verpflichtung, die noch 48 Geiseln aus dem Gazastreifen nach Hause zu bringen. Er appellierte eindringlich an die Wähler, „die Regierungskoalition vom 7. Oktober nach Hause zu schicken und die Abwanderung junger Israelis aus dem jüdischen Staat zu verhindern,“ andernfalls werde es bald nichts mehr geben, was man noch retten könne.
Die nächsten regulären Parlamentswahlen sind erst für 2026 angesetzt, doch die politische Lage bleibt instabil. Im Sommer dieses Jahres trat die ultra-orthodoxe Schas-Partei aus der Koalition aus, gefolgt vom Vereinigten Thora-Judentum. Damit hat Netanjahu seine Mehrheit verloren und regiert nur noch mit einer brüchigen Minderheit. Lapid sprach in diesem Zusammenhang von einer „illegitimen Regierung“ und forderte Neuwahlen. Dennoch zeigte er sich in Fragen der nationalen Sicherheit kompromissbereit: So stimmte er jüngst sogar einer gemeinsamen Linie bei den militärischen Operationen gegen Irans Nuklearinfrastruktur zu – ein ungewöhnlicher Schritt, der verdeutlicht, wie ernst die Bedrohung von außen eingeschätzt wird.
Netanjahu selbst wies die Kritik zurück und erklärte gegenüber i24News, „die Öffentlichkeit hat entschieden, dass ich derzeit Sicherheit, Stabilität und Frieden bieten kann.“ Sein politisches Schicksal könne nur an der Wahlurne entschieden werden. „Ich bin noch nicht fertig mit meinen Aufgaben und werde weitermachen,“ betonte er.




