Israel und die FDA: Die Schlacht um die Auffrischungsimpfung

Hartnäckig oder optimistisch? Israel weigert sich, sich von der FDA-Empfehlung gegen COVID-19-Auffrischungsimpfungen für alle beeinflussen zu lassen

von Ryan Jones | | Themen: Coronavirus
Foto: Olivier Fitoussi/Flash90

Israel forciert derzeit die Auffrischungsimpfung des Impfstoffs für COVID-19, und zwar mit Nachdruck. Letzte Woche lobte Premierminister Naftali Bennett die drei Millionen Israelis, die ihre 3. Dosis bereits erhalten haben. Sie hätten den jüdischen Staat vor einem weiteren nationalen Lockdown während der momentanen biblischen Feiertage bewahrt, so Bennett.

Die israelische Medienkampagne für die Auffrischungsimpfung war so aggressiv, dass sie in Amerika eine breite Debatte auslöste, die schließlich dazu führte, dass die FDA eine vielbeachtete Studie darüber durchführte, ob eine dritte Dosis des Impfstoffs für die Allgemeinheit zum jetzigen Zeitpunkt erforderlich ist oder nicht.

Die FDA (Food and Drug Administration) ist die US-Behörde für Lebens- und Arzneimittel, also die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten.

Das Ergebnis der FDA- Entscheidung scheint Israels Position zu widerlegen, dass die Auffrischungsimpfung notwendig und entscheidend für die Eindämmung einer neuen Infektionswelle im Zusammenhang mit der Delta-Variante sei.

Die FDA-Entscheidung vom Freitag wurde von einem Gremium aus 18 Beratern durchgeführt und stellt lediglich eine Empfehlung dar. Die FDA selbst wird diese Empfehlung berücksichtigen, wenn sie im Laufe dieser Woche eine endgültige Entscheidung trifft.

Sechzehn dieser Berater stimmten gegen die Empfehlung einer Auffrischungsimpfung für die Allgemeinheit, sprachen sich jedoch für eine dritte Impfdosis für Bürger über 65 Jahre und Personen mit erhöhtem Infektionsrisiko aus.

Mehrere der Berater, darunter der israelische Experte Dr. Ofer Levy, erklärten, es gebe einfach nicht genügend Anhaltspunkte, um eine breite Vergabe einer COVID-19-Auffrischungsimpfung zu rechtfertigen. Zudem bestehe auch weiterhin Sorge über mögliche Nebenwirkungen wie Herzentzündungen bei Jugendlichen.

Israel möchte, dass alle Bürger über 16 Jahren bis Ende des Jahres mit drei Dosen des Pfizer-Impfstoffs geimpft werden.

Wird Israel seine Politik ändern?

Israels Regierung hatte letzte Woche angedeutet, dass man ab dem 1. Oktober allen Bürgern, die keine dritte Dosis des Pfizer-Impfstoffs erhalten haben, den „Grünen Pass“ entziehen würde.

Israel hat die Auffrischungsdosis des COVID-19-Impfstoffs für alle Bürger über 16 Jahren bereits genehmigt, und die Verknüpfung mit dem „Grünen Pass“ wird nun als Druckmittel angesehen, um die Öffentlichkeit zur dritten Impfung zu bewegen.

Angesichts der FDA-Empfehlung berichtete Channel 12 News am Sonntag, dass 100 Ärzte und Wissenschaftler in Israel das Gesundheitsministerium aufgefordert haben, seine Entscheidung, den Grünen Pass an die Auffrischungsimpfung zu knüpfen, rückgängig zu machen.

Die vorgeschriebene dritte Impfdosis wird dazu führen, dass Millionen von Israelis keinen grünen Pass mehr haben werden.

Nationale Blamage

Einige in Israel bezeichnen die FDA-Entscheidung als direkten Schlag gegen Israel und eine nationale Blamage für den jüdischen Staat. Dieses Gefühl wurde uns in privaten Gesprächen und in den Kommentaren der israelischen Medien vermittelt.

Das FDA-Beratungsgremium wurde von israelischen Experten direkt kontaktiert, darunter Dr. Sharon Alroy-Preis, Leiterin der öffentlichen Gesundheitsdienste im israelischen Gesundheitsministerium. Es gelang ihr jedoch, nur zwei Mitglieder des FDA-Gremiums mit den Daten zu überzeugen, die den Israelis als felsenfeste Beweise präsentiert werden.

Der erfahrene israelische Journalist Arad Nir schrieb, dass die Tatsache, dass diese wichtige Diskussion von 18 der besten amerikanischen Experten für Infektionskrankheiten in einer öffentlichen Form stattfand, Israel etwas über Transparenz lehren kann.

Die Entscheidung des FDA-Gremiums wirft ein beschämendes Licht auf das Verhalten des israelischen Gesundheitsministeriums, das sich der politischen Ebene unterworfen hat und weitreichende Entscheidungen auf der Grundlage von Bauchgefühlen und begrenzten Informationen getroffen hat“, so Nir. „Die Mitglieder des Impfausschusses des Ministeriums wurden unter Druck gesetzt, und die Diskussionen wurden im Dunkeln geführt“.

Dr. Sharon Alroy-Preis hat die Argumente Israels vorgetragen, konnte aber die FDA-Berater nicht davon überzeugen, die Auffrischungsimpfungen zu empfehlen.

Die FDA wird zur Vernunft kommen

Andere beharren darauf, dass die FDA früher oder später die Weisheit des israelischen Ansatzes erkennen und ihre Meinung ändern werde.

Prof. Gabi Barbash, ehemaliger Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, erklärte gegenüber Channel 12, dass Israel bei der Impfung einfach weiter sei als die USA.

Er wies darauf hin, dass die israelischen Gesundheitsbehörden bereits im August eine ähnliche Diskussion geführt hätten wie die FDA in der vergangenen Woche, und dass auch hier zunächst beschlossen worden sei, Auffrischungsimpfungen nur für Bürger über 60 Jahren anzubieten. Innerhalb weniger Wochen hatte Israel jedoch das Anspruchsalter auf 30 Jahre herabgesetzt.

Barbash betonte, dass es die von Israel vorgelegten Daten waren, die das FDA-Gremium davon überzeugten, Auffrischungsimpfungen für ältere Bürger zu empfehlen, und dass mit etwas mehr Zeit genügend Daten vorgelegt werden könnten, um dies auch für jüngere Bürger zu tun.

Premierminister Bennett interpretierte das FDA-Votum ähnlich und schrieb auf Twitter:

„Die FDA hat beschlossen, dem Weg Israels zu folgen. Ich gehe davon aus, dass die FDA nach und nach die Ausweitung des Impfstoffs auf weitere Altersgruppen genehmigen wird, wie es in Israel geschehen ist, da die Wirksamkeit des zweiten Impfstoffs auch in jüngeren Altersgruppen weiter abnimmt.“

Premierminister Naftali Bennett hat seine Coronavirus-Politik an Auffrischungsimpfungen geknüpft und war daher bestrebt, das FDA-Votum positiv zu bewerten.

Fragwürdige Daten?

Die „israelischen Daten“ wurden in den USA weitläufig zitiert, als die Debatte über die Auffrischungsimpfung an Fahrt aufnahm. Die israelischen Zahlen schienen zu zeigen, dass die Wirksamkeit des COVID-19-Impfstoffs, insbesondere des in Israel weit verbreiteten Impfstoffs von Pfizer, nach sechs Monaten deutlich nachlässt, so dass regelmäßige Auffrischungsimpfungen erforderlich sind.

Viele Experten, sowohl in Israel als auch in den USA, sind jedoch nach wie vor nicht überzeugt.

Die Leiter der Weltgesundheitsorganisation sagen seit Monaten, dass es „noch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür gibt, dass wir eine dritte Dosis brauchen“. Siehe: Warum wird in Israel weiterhin der COVID-Booster verabreicht, obwohl die WHO dagegen spricht?

Bereits im August erklärte Dvir Aran, ein biomedizinischer Datenwissenschaftler am Technion, gegenüber der Fachzeitschrift Nature, dass die israelischen Daten etwas verzerrt seien, weil diejenigen, die den Impfstoff zuerst erhielten, in der Regel wohlhabender seien. Diese Israelis hatten die Mittel, ihre neuen grünen Pässe schnell zu nutzen und ins Ausland zu reisen. Viele kehrten mit der Delta-Variante nach Israel zurück.

Daher besteht die Möglichkeit, dass diese früh geimpften Israelis die ersten waren, die sich in der vierten Welle ansteckten, und zwar aufgrund einer höheren Risikobereitschaft und nicht wegen eines abrupten Rückgangs der Impfstoffwirksamkeit.

Dieses Argument wird nun auch von einigen amerikanischen Experten angeführt.

Dr. David Dowdy, Epidemiologe an der Johns Hopkins University, erklärte gegenüber der New York Times, dass eine oberflächliche Interpretation der israelischen Daten zwar zeigen könnte, dass diejenigen, die zuerst geimpft wurden, sich nun mit größerer Wahrscheinlichkeit mit dem Virus anstecken, ein genauerer Blick jedoch zeigt, dass die positiven Testergebnisse bei älteren Bürgern nicht um einen signifikanten Prozentsatz gestiegen sind. Israelis über 65 Jahre waren die ersten, die für den Impfstoff in Frage kamen, also hätten sie die Mehrheit der ersten Delta-Infektionen ausmachen müssen, wenn die israelische Mainstream-Position richtig ist. Aber sie waren es nicht.

„Es ist ein großer Unterschied, ob man sich alle sechs Monate oder alle fünf Jahre impfen lassen muss“, sagt Dr. Dowdy. „Wenn ich mir die Daten ansehe, die wir haben, sehe ich bisher keine Anzeichen dafür, dass wir diesen Punkt schon erreicht haben.

Die Reiselust der Israelis ins Ausland hatte wahrscheinlich mehr mit den erneuten Ausbrüchen des Coronavirus zu tun als mit der nachlassenden Wirksamkeit des Impfstoffs.

Pharmakonzerne reiben sich die Hände

Unabhängig davon, wie wirksam die Auffrischungsimpfungen sind, steht außer Frage, dass es für Pfizer, Moderna und die anderen Arzneimittelhersteller ein Segen wäre, wenn wir alle sechs Monate eine zusätzliche COVID-19-Impfung bräuchten.

Und das hat mehr als nur ein paar Leute dazu gebracht, skeptisch auf die Auffrischungsimpfungen zu blicken, selbst wenn es keine endgültigen wissenschaftlichen Beweise dafür gibt.

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