Der Gott Israels, ist ein Gott, der alle heilig macht und nicht nur die Elite, so wie es in der Antike üblich war. Wenn wir sein Ebenbild sind, dann ist Gott auch unser Nächster. Demnach liebt Er uns wie sich selbst und deswegen sind auch wir heilig, denn Er ist heilig. Das ist Liebe und das prägte die westliche Kultur.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Bisher befasste sich das Buch Levitikus (3.Mose) hauptsächlich mit Opfern, Reinigung, Tempel und Priestertum. Anders gesagt, mit der heiligen Stätte, mit heiliger Arbeit und heiliger Elite wie Aaron und seine Söhne, die im Allerheiligsten dienten. Dann heißt es plötzlich in Kapitel 19: „Und der HERR redete zu Mose und sprach: Rede mit der ganzen Gemeinde der Kinder Israel und sprich zu ihnen: Ihr sollt heilig (קְדֹשִׁים) sein, denn Ich bin heilig, der HERR, euer Gott!“
Mose verkündete die Gebote und Verbote in einer Versammlung vor der gesamten Nation. Der gesamten Nation, nicht nur der Elite der Priester, wird geboten, heilig zu sein. Der hebräische Bibeltext beschreibt in dieser Wochenlesung, dass das Leben selbst geheiligt werden soll. Dies kommt darin zum Ausdruck, wie der Mensch im Alltag vor Gott und seiner Umgebung lebt, wie sich die Menschen verhalten, was sie in ihrem Leben säen, Gerechtigkeit üben, Löhne zahlen und wie sie Geschäfte führen. Wie sich der Mensch gegenüber dem Nächsten verhält, besonders gegenüber den Schwachen in der Gesellschaft. In einer heiligen Gesellschaft „liebt jeder seinen Nächsten wie sich selbst“ und es wird keine Rache und Verlassenheit geben. Dieses höchste Gebot erscheint im selben Kapitel Vers 18. Das war eine neue Idee in der Antike, die mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ins Leben gerufen wurde.
Die Völker in der Antike hatten auch Priester. Heidnische Priester werden in Genesis und Exodus viermal erwähnt, wie beispielsweise Melchisedek, ein Zeitgenosse Abrahams, der als Priester des höchsten Gottes beschrieben wurde. Potifar, Josephs Schwiegervater, war nicht nur ein hoher Beamter, sondern auch ein Priester in Ägypten. Dazu gab es die ägyptischen Priester allgemein, deren Kapital Josef nicht verstaatlichte, und Moses Schwiegervater Jetro, der ein Priester in Midian war. Das Priestertum war keine biblische Erfindung und existierte in der gesamten Region. Das Priestertum herrschte in allen umliegenden Völkern, und dort waren nur die Priester, die Elite, heilig. Nicht so der Gott Israels. Er verteilte das Geschenk der Heiligkeit an alle in seinem Volk.
Nun unternahm der Gott der Bibel ein dramatischen Schritt: Er erklärt sein auserwähltes Volk als heilig und macht es sozusagen wie Priester. Der biblische Kodex der Heiligkeit, alle im Volk sind eingeschlossen und wegen Gottes Liebe heilig. Hat Gott nicht gesagt, wir sollen unseren Nächsten lieben wie sich selbst? Wenn wir sein Ebenbild sind, dann ist Gott auch unser Nächster und in diesem Fall ist Er ein Vorbild der Nächstenliebe. Er liebt uns, wie sich selbst und so machte Er sein Volk heilig, denn Er ist heilig.
Übrigens, aus dieser biblischen Idee, die mit der Nächstenliebe zwischen Gott und Mensch und unter Menschen im Volk in der Bibel begonnen hat, formte sich im Laufe der Jahrtausende die westliche Kultur und Denkweise der Menschenwürde und Menschenrechte bis hin zur liberalen Demokratie – was meiner Ansicht nach im vollen Sinne nicht mehr biblisch ist.
Eigentlich deutet Gott schon vorher in der Bibel auf die Heiligkeit der Menschen an. Deutlich ist dies bei der Gesetzgebung auf dem Berg Sinai zu sehen. „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund bewahren, so sollt ihr vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein, denn die ganze Erde ist mein. Ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein!“ Auf dem Weg ins Verheißene Land krönt Gott sein gesamtes Volk zu Priestern und zum heiligen Volk.
Bereits viel früher ist dies im ersten Kapitel der Bibel zu lesen. „Und Gott sprach: Wir wollen Menschen machen nach unserm Ebenbild, die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh auf der ganzen Erde, auch über alles, was auf Erden kriecht! Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie.“ Das Ebenbild Gottes ist grundsätzlich auch keine neue Idee, denn als Ebenbilder und Vertreter von Göttern wurden auch die Pharaonen in Ägypten wie auch Könige in Mesopotamien und anderen Weltreichen betrachtet. Worin der Gott der Bibel einen Unterschied macht, ist, dass wir alle dieselben Chancen im Leben haben. Nicht nur die Elite im Volk ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, sondern jeder Mensch ist Sein Nächster. Und warum? „Ihr sollt heilig sein, denn ich der Herr, eure Gott bin heilig!“ Gott ist mein Nächster, nicht Hamas und nicht meine Feinde – aber das ist ein anderes Thema.
Wer immer wir sind und wo immer wir leben, so sind wir alle im Ebenbild Gottes erschaffen worden. Die Heiligkeit ist für jeden greifbar, wenn wir unser Leben in Gottes Hände legen und unsere Umgebung zu einem Tempel für Seine göttliche Gegenwart machen. Das ist das moralische Leben und biblische Fundament, welches nicht nur den Priestern in anderen Völker gehört hat, sondern allen Menschen. Das ist der Unterschied, wir alle können uns Gott nähern, indem wir unsere Nächsten in Gerechtigkeit und Liebe begegnen.




