(JNS) Man vergisst leicht, dass die gerühmten Israelischen Verteidigungsstreitkräfte – dieselben IDF, die 1967 die Welt in Erstaunen versetzten – seitdem keinen entscheidenden Krieg mehr gewonnen haben. Israel ist damit nicht allein: Auch Amerikas weitaus größere Armee scheiterte daran, einen dauerhaften Sieg in Vietnam und Afghanistan zu erringen. Das letzte Kapitel dieses Konflikts wird noch jahrelang nicht geschrieben sein. Doch nach den heutigen Fakten ist eine Schlussfolgerung schwer zu vermeiden: Trotz taktischer Erfolge auf fünf Fronten – Gaza, Libanon, Westjordanland, Jemen und Iran – hat Israel den Krieg verloren.
Diese Serie wird erklären, warum – beginnend mit Gaza, dem blutigsten Kriegsschauplatz.
Das Massaker am 7. Oktober 2023 war nicht nur eine Tragödie; es war ein strategisches Desaster. Die IDF, das modernste Militär der Region, begriff das Ausmaß des Angriffs nicht einmal bis zum Mittag – und es dauerte mehr als zwei Tage, bis sie innerhalb ihrer Grenzen wieder die Kontrolle erlangte.
Wie Pearl Harbor war auch der 7. Oktober ein Überraschungsangriff, wenn auch nicht unvorhersehbar. Warnungen wurden ignoriert. Und wie Pearl Harbor veränderte der Angriff die Geschichte: Ohne ihn hätte Israel wohl seine alte Strategie des „Rasensmähens“ fortgesetzt – periodische Luftangriffe zur Eindämmung des Raketenbeschusses – statt eine kostspielige Bodenoffensive zu starten.
Zu Beginn setzte Israel auf Belagerungskrieg: Hamas abwürgen, von Nachschub abschneiden, zur Kapitulation zwingen. Es hatte nie eine Chance. Nicht, weil es der Hamas an Fanatismus fehlte – sie hätten den Märtyrertod der Kapitulation vorgezogen –, sondern weil Israels engster Verbündeter, die Vereinigten Staaten, zurückschreckten. Das Weiße Haus von Ex-Präsident Joe Biden konnte die im Fernsehen gezeigten Bilder leidender Gazaner nicht ertragen. Es drängte Israel, die Belagerung zu beenden, noch ehe sie begann. Selbst US-Präsident Donald Trump, den wenig Sentimentalität gegenüber den Palästinensern auszeichnete, schloss sich letztlich dem internationalen Chor an, der mehr Hilfe forderte – und warf den Terroristen damit einen Rettungsring zu. Israel klagt, dass Hamas Hilfsgüter stiehlt, hat es aber nicht geschafft, dies zu verhindern.
Jeden Tag meldet die IDF, Terroristen getötet zu haben, viele von ihnen hochrangige Funktionäre. Doch dort, wo sich die IDF zurückgezogen hat, hat Hamas seine Kampfverbände wiederaufgebaut. Es war ein Spiel von „Whack-a-Mole“. Anfangs schätzte man Hamas und den Palästinensischen Islamischen Dschihad auf etwa 40.000 Kämpfer. Israel hat keine Zahlen über die getöteten veröffentlicht, doch Berichte legen nahe, dass die Zahl über 20.000 liegt. Noch vor seinem Ausscheiden aus dem Amt sagte US-Außenminister Antony Blinken: „Wir schätzen, dass Hamas fast ebenso viele neue Kämpfer rekrutiert hat, wie es verloren hat.“
Siehe auch: Radikalisiert Israel die Palästinenser nur noch mehr?
Israel hatte weitere acht Monate Zeit, um mehr Terroristen zu töten, doch noch immer verfügt Hamas über unentdeckte Tunnel und Tausende Kämpfer. Zudem hat die Belagerung zur Folge, dass die Gazaner verzweifelt Geld brauchen, um ihre Familien zu ernähren. Wer kann sie bezahlen? Hamas kann es; sie nutzt die Erlöse aus dem Verkauf der Hilfspakete, die sie stiehlt, oder andere Profite, die sie aus der Verteilung von Lebensmitteln zieht. Neue Rekruten haben nicht die gleiche Qualität wie die Getöteten, aber sie sind Bedrohungen, die neutralisiert werden müssen.
Dass Hamas mit Nahrung versorgt wurde, hat es ihr ermöglicht, den Krieg zu verlängern. Ebenso die Beschränkungen, die Biden Israels Militäroperation schon früh im Kampf auferlegte. Der Druck, Israel zu Zugeständnissen und Belohnungen zu bewegen, wie etwa zur Anerkennung eines Palästinenserstaates, hat die Hamas zu härteren Positionen in den Geiselverhandlungen gebracht.
Als die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg eintraten, hielten sie nicht für „humanitäre Optik“ inne. Sie bombardierten Städte in Brand, warfen Atombomben ab. Sie forderten bedingungslose Kapitulation – und bekamen sie. Israel kann einen solchen Krieg nicht führen. Es ist keine Supermacht. Es ist nicht Russland. Und auch wenn Kritiker anderes behaupten: Jerusalem hat Zurückhaltung geübt, wie es keine andere Armee getan hätte. Es hat sich bis zur Selbstaufgabe bemüht, Zivilisten zu schützen – zu enormen strategischen und politischen Kosten.
Trotzdem hat Israel beachtliche Erfolge erzielt: Der Raketenbeschuss wurde praktisch auf null reduziert; die Führer und Kommandeure der Hamas wurden eliminiert; ihre Regierungsgewalt wurde beseitigt; ihre militärischen Fähigkeiten wurden um 80 % reduziert und ihre Nachschublinien für Waffen sind versiegt; Tausende Gazaner werden ausreisen, wenn sie die Möglichkeit bekommen; und die IDF kontrolliert rund drei Viertel des Streifens mit dem Plan, den Rest einzunehmen.
Zurückhaltung gewinnt keine Kriege. Und fast zwei Jahre später steht Israel einer brutalen Realität gegenüber: Hamas wird nicht kapitulieren. Ihre Anführer mögen wie Hitler im Bunker sterben, aber sie werden vorher jede Geisel töten. Das allein würde diesen Krieg zu einer vernichtenden Niederlage machen, denn die Rettung der Geiseln war eines von Israels zwei Hauptkriegszielen.
Hamas glaubt, gewonnen zu haben, wenn sie überlebt oder wenn Israel seine Ziele nicht erreicht. Sie kann Israels internationale Isolation und den Schaden für seinen Ruf bereits als Sieg verbuchen, ebenso die Schäden für die Wirtschaft, die Spaltung der israelischen Gesellschaft, die Sabotage der Normalisierung mit Saudi-Arabien, das Anwachsen ihrer Popularität im Westjordanland und die Freilassung von Gefangenen aus israelischen Gefängnissen. Nicht alle, wenn überhaupt welche, sind umkehrbar. Ein Geiseldeal könnte noch verhindern, dass die IDF die Mission beendet – in diesem Fall könnte der Krieg enden, während Hamas zwar angeschlagen, aber unbesiegt bleibt.
Israel steht an einem Wendepunkt. Sind weitere Soldatenleben es wert, jeden Kämpfer zu töten? Ist das überhaupt möglich? Und wenn nach dem Krieg Milliarden nach Gaza fließen – Gelder, die Israel nicht kontrollieren kann – wie viel davon wird Häuser wiederaufbauen, und wie viel wird Hamas wiederaufbauen?
Israel plant, Gaza zu besetzen. Glaubt wirklich jemand, es werde eine zweite Schweiz werden? Tote Terroristen und Zivilisten hinterlassen Kinder und Geschwister, die auf Rache sinnen. Und unter den Tausenden Gefangenen, die Israel freigelassen hat, wird ein neuer Yahya Sinwar entstehen, um das nächste Massaker zu planen?
Israel wird sich anpassen. Es wird die Verteidigung verstärken, aus Fehlern lernen und schwören: nie wieder. Doch seine Bürger werden trotzdem nicht ruhig schlafen. Hamas mag angeschlagen sein, aber der Traum von der Vernichtung Israels überlebt – in Tunneln, in Judäa und Samaria und in den Herzen jener, die sich vielleicht „Söhne der Hamas“ nennen werden.




