Wochenlesung – פְּקוּדֵי– Pekudej – Die Zählung ; 2.Mose 38,21 – 40,38 ; 1.Könige 7,51 – 8,21
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Dieser Wochenabschnitt wird von manchen Kommentatoren auch „Parascha des Buchhalters“ genannt, weil er mit einer Art Abrechnung der Gelder und Materialien beginnt, die für das Heiligtum (Mischkan) gespendet wurden. Auf diese Weise lehrt uns die Bibel die Notwendigkeit finanzieller Transparenz in einer Gemeinschaft. Doch unter der trockenen Oberfläche dieser Auflistung der Spenden verbergen sich zwei bemerkenswerte Geschichten, die uns etwas Grundlegendes über das Wesen des Volkes Israel lehren – etwas, das auch heute noch gilt.
Die erste Geschichte betrifft den Bau des Mischkan (Stiftshütte). Gott forderte Mose auf, das Volk um Spenden zu bitten. Manche brachten Gold, andere Silber, wieder andere Kupfer. Manche gaben Wolle, Leinen oder Tierfelle. Andere spendeten Akazienholz, Öl, Gewürze oder Weihrauch. Und es gab auch jene, die Edelsteine für das Brustschild brachten. Die Bereitschaft des Volkes zu geben, war außergewöhnlich (2. Mose 36). Sie gaben so viel, dass Mose ihnen schließlich sagen musste, sie sollten aufhören zu spenden.
Es ist kaum zu glauben, dass es dieselben Israeliten waren, die wir bereits kennen – jene, die sich beschweren, undankbar sind und ständig klagen. Und doch steht hier ein Volk vor uns, das sich danach sehnt, zu geben. Nur ein Abschnitt vorher lesen wir von der Geschichte vom Goldenen Kalb. Das Volk war von Angst ergriffen, weil Mose, der auf den Berg Sinai gestiegen war, nicht zurückkehrte. Zweifel kamen auf, lebt Mose noch? Ist ihm etwas zugestoßen? Und wenn ja, wie werden wir den Willen Gottes erfahren? Was sollen wir tun und wohin gehen?
Deshalb bat das Volk den Aaron, ein Götzenbild – das Kalb – anzufertigen. Aaron, so erklären es mildernde Auslegungen, verstand, dass er das Volk nicht mit direkter Ablehnung aufhalten konnte. Daher griff er zu einem verzögernden Manöver. Er hoffte, die Zeit zu überbrücken, bis Mose zurückkehrt. So sagte er zum Volk: „Reißet die goldenen Ohrringe ab, die an den Ohren eurer Weiber, eurer Söhne und eurer Töchter sind, und bringet sie zu mir!“ (2. Mose 32, 2). Aaron dachte, diese Forderung würde Streit in den Familien auslösen und das Volk würde nicht so schnell spenden – so würde er Zeit gewinnen. Doch zu seiner Überraschung kam es anders. Das Volk reagierte blitzschnell und brachte, was es hatte: „Da riß alles Volk seine goldenen Ohrringe ab, welche an ihren Ohren waren, und brachten sie zu Aaron.“ (2. Mose 32, 3). Wieder begegnen wir diesem Ausbruch an Großzügigkeit.
Wir haben also zwei völlig unterschiedliche Spendenaktionen – in ihrer Absicht und ihrem Wesen. Die eine war der Bau des Mischkan, eine heilige Sache. Die andere war das Gießen des Goldenen Kalbs und eine schwere Sünde. Doch die Reaktion des Volkes war in beiden Fällen dieselbe und genau darauf möchte ich diesmal den Fokus legen. Man kann daraus etwas Grundsätzliches über das Volk Israel lernen: Sobald es zum Geben aufgerufen wird – gibt es. Bis heute spiegelt sich das in der jüdischen Kultur wider: Wohltätigkeitskassen gehören überall dazu. Kaum eine Einrichtung existiert ohne eine Spendenbox.
Die Vorstellung, es könnte eine jüdische Gemeinde ohne ein Hilfsnetzwerk für Bedürftige geben, ist fast undenkbar. Man braucht sich nur anzusehen, was nach dem 7. Oktober 2023 geschah, das Volk Israel stand auf und begann zu spenden, in jeder Form und auf jede erdenkliche Weise. Einige verließen ihre Familien und Kinder und gingen für Monate in den Reservedienst. Andere eröffneten Feldküchen an den Zufahrten zum Gazastreifen. Sänger und Künstler traten kostenlos für die Soldaten auf. Frauen gründeten Waschstationen für Uniformen. Therapeuten richteten mobile Kliniken ein, um müde und verletzte Füße zu behandeln. Andere öffneten ihre Häuser für Evakuierte, die ihre Wohnungen verlassen mussten – und vieles mehr. Es gab kaum ein Haus in Israel, das nicht etwas beitrug. Das Volk war in Not und sogar ihr – unsere Leser im Ausland – habt großzügig gespendet.
Aber, wie wir gesehen haben, gibt das Volk nicht immer für die richtige Sache – das zeigt das Beispiel des Goldenen Kalbs. Dennoch, die Bereitschaft zum Geben ist immer da. Ein schönes Bild dieser Tatsache lässt sich in Israel selbst finden, an zwei Gewässern, dem See Genezareth (Kinneret) und dem Toten Meer. Der Kinneret ist voller Leben. Das Tote Meer ist das Meer des Todes. Beide werden vom gleichen Fluss gespeist, dem Jordan. Doch der Unterschied ist grundlegend, der Kinneret empfängt Wasser und gibt Wasser weiter. Das Tote Meer empfängt nur und gibt nichts weiter. Empfangen, ohne zu geben, bedeutet nicht leben und so bekam das Salzmeer seinen Namen: Meer des Todes.
So war es zu Zeiten Moses und so ist es auch heute. Fast überall auf der Welt, wo Juden leben, tragen sie zur Wohltätigkeit und zum Gemeinwohl weit mehr bei, als ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Das Geben ist also ein Lebensweg für das Volk Israel.
Wichtig ist nur, zu wissen und zu unterscheiden, wo es richtig ist, großzügig zu sein – und wo nicht. Damit wir nicht aus lauter Großzügigkeit dem Götzendienst dienen und am Ende zu Salzsäulen am Ufer des Toten Meeres werden.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:16, Ausgang 19:32
- Tel Aviv – Beginn 18:33, Ausgang 19:34
- Haifa – Beginn 18:27, Ausgang 19:34
- Beersheva – Beginn 18:38, Ausgang 19:33
- Eilat – Beginn 18:26, Ausgang 19:33
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




