Die Erinnerung ist noch keine Erinnerung, denn alles ist noch lebendig, frisch, gegenwärtig, es geschieht und entfaltet sich täglich vor unseren Augen. Die Schrecken und die Geschichten sind ein untrennbarer Teil von uns geworden. Der 6. Oktober 2023 war der letzte Tag unserer Normalität. Am nächsten Morgen wachten wir in einem Albtraum auf, und seitdem sind wir nicht mehr dieselben. Niemand ist derselbe geblieben. In diesen Tagen, in denen das Laubhüttenfest Sukkot uns an die Zerbrechlichkeit allen Lebens erinnert, spüre ich die Worte derer, die das Unvorstellbare erlebt haben, tiefer als je zuvor. Drei Stimmen, drei Menschen, die im Krieg das Liebste verloren haben – sprechen aus der Mitte des Schmerzes und der Hoffnung zugleich. Ihre Worte sind keine Klage, sondern Zeugnisse eines Glaubens, der sich weigert zu zerbrechen. Ruth Greenglick, die Mutter des gefallenen Shauli, spricht zu Gott mit einer Ehrlichkeit, die schneidet und heilt. Yarden Bibas erzählt von der unendlichen Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern, die ihm genommen wurden, und von der Entscheidung, trotzdem weiterzuleben. Saphir Zohav Hamami schreibt an ihren Mann Asaf, dessen Körper noch immer in Gaza ist, und verwandelt ihre Sehnsucht in eine Hymne auf das Leben. Diese drei Stimmen tragen uns – als Gesellschaft, als Volk, als Menschen. Aus ihrem Verlust wächst ein leiser, aber unbeugsamer Glaube daran, dass Liebe stärker ist als der Tod, dass Erinnerung nicht Stillstand bedeutet, sondern Verpflichtung: zu leben, zu lieben, zu verbinden.
Der erste Text stammt von Ruth Greenglick, der Mutter von Shauli Greenglick (26), der im Gaza-Krieg gefallen ist. Shauli träumte von einer Karriere als Sänger, nahm sogar während des Krieges an der Sendung Kochav Nolad („Ein Star ist geboren“) teil und kam dort weiter. Schließlich entschied er sich, in die Armee zurückzukehren und am Krieg teilzunehmen. Dort wurde er schließlich getötet, und mit ihm starben all seine Träume.
„Seit einigen Tagen traue ich mich kaum zu sagen, dass ich das Gefühl habe, ich hätte gar nichts, wofür ich um Vergebung bitten müsste. Im Gegenteil, der Ewige, unser Gott selbst, sollte mich um Vergebung bitten“, sagte seine Mutter. „Es ist ein Gefühl, das schwer auszusprechen ist. Ich weiß, so spricht man nicht mit einem Vater. Aber manchmal, wenn ein Vater etwas tut, was das Kind nicht versteht, kann er es umarmen und sagen: ‚Es tut mir leid‘ – nicht für die Tat, sondern für die schmerzhafte Wirklichkeit, die daraus entstanden ist. So ist das unter Partnern in einer Familie. Ich weiß, dass ich das große Ganze nicht sehe. Ich weiß, dass es Dinge geben muss. Ich weiß all das, und doch… Lange konnte ich es nicht sagen, es schien mir übertrieben. Also behielt ich es tief in mir. Doch je mehr die Stunden vergingen und die Tränen in meiner Kehle aufstiegen, wusste ich, ich muss es aussprechen – für alle Mütter und Väter, die vielleicht fühlen wie ich. Also, jetzt habe ich es gesagt.“

Der zweite Text stammt von Yarden Bibas, dessen Frau Shiri (32) und die beiden Jungs Ariel (4) und Kfir (1) in der grausamen Hamas-Gefangenschaft ermordet wurden. Er selbst wurde monatelang in Gefangenschaft gehalten, ohne vom Schicksal seiner Familie zu wissen.
„Sie zogen mich aus dem Schutzraum – es war Ariels Zimmer. Hier waren wir das letzte Mal alle zusammen, die ganze Familie. Das war das letzte Mal, dass ich sie sah, hier trennten sich unsere Wege. Das war das Ende der Familie Bibas. Bevor sie mich fortführten, küsste ich Shiri, Kfir und Ariel. Ich sagte ihnen, dass ich sie mehr liebe als alles auf der Welt, immer und ewig. Hätte ich gewusst, dass es das letzte Mal ist, hätte ich sie länger geküsst. Noch einmal. Und noch einmal.“
„Nachdem sie mir später das Video zeigten und mir sagten, was mit Shiri und den Kindern geschehen war, bat ich darum, zu David gebracht zu werden. Zum zweiten Mal in unserem Leben – das erste Mal war vor meiner Hochzeit mit Shiri – schliefen wir Seite an Seite, unter einer Decke. Danach trennten sie uns. Ich vermisse Ariels Stimme, wenn er im Zimmer spielt, seinen Anblick, wie er zwischen den Räumen läuft, aufs Bett klettert, um sich zwischen mich und Shiri zu legen. Ich vermisse Kfirs Lachen, das Geräusch seines Spielzeugs. Shiris Stimme, ihre Gespräche mit mir, wie sie sagt: ‚Yarden, dreh dich um, du schnarchst.‘ Das Haus war klein, aber riesig in dem, was es in sich trug. Wenn das Leben ein Rennen ist, waren Shiri und die Kinder meine Ziellinie. Sie waren mein Sieg in dieser Welt. Sie waren die Erfüllung meines Traums, Ehemann und Vater zu sein.“
„Wenn ich morgens aufwache, ist das Erste, was ich fühle, das Fehlen. Ich hatte alles und habe alles verloren. Ich kann nicht weiter sehen als bis morgen. Aber ich habe mich für das Leben entschieden – in meinem eigenen Tempo. Vielleicht sehe ich eines Tages auch das Übermorgen.“

Der dritte Text stammt von Saphir Zohav Hamami, der Witwe von Asaf Hamami (40), Oberst der IDF und Kommandeur der südlichen Brigade in der Gaza-Division. Asaf war der Erste, der am Morgen des 7. Oktober 2023 alarmiert wurde – und das erste Opfer des Krieges. Seine Leiche befindet sich bis heute im Gazastreifen. Alle beten und hoffen auf seine Rückkehr nach Hause. Sein enger Freund war mein zweiter Sohn Moran, der lange unter seinem Kommando diente, und beschreibt, wie sehr Asafs Persönlichkeit und Tod ihn im Leben und als Offizier geprägt haben. Mein Mann Aviel, ich und Moran waren bei Asafs Beerdigung, obwohl seine Leiche sich noch immer im Gazastreifen befindet.
„Mein Schatz, meine Liebe, wer hätte geglaubt, dass schon zwei Jahre vergangen sind – und du bist immer noch nicht hier. Alles ist noch frisch, und ich bin inzwischen älter geworden als du. Ich möchte dir erzählen: Dieses Jahr hatte Ela ihre Bat Mitzwa, sie ist dir so ähnlich! So fleißig, ausdauernd, ehrgeizig. Sie will in allem die Beste sein. Sie ist wertvoll, respektvoll, sie hat ihren eigenen Weg, und sie wird weit fliegen. Und Alon – so erwachsen geworden, ein Kind und ein Mann zugleich. Auch er trägt so viel von dir in sich, ein kleiner Anführer, voller Kreativität, immer wieder überrascht er mich. Für ihn gibt es nichts Unmögliches, wie bei dir: Alles ist möglich. Und Arbel, unser kleiner Racker, stark, frech, mit einem riesigen Herzen. Ein Blick von ihm – und alle schmelzen dahin.“
„So mutig, so voller Freude. Ich sehe ihn an und denke, er ist jetzt in dem Alter, in dem Alon damals war, als er mit dir an den Wochenenden zur Basis fuhr. Wie schön wäre es, euch beide zusammen zu sehen… Die Sehnsucht und die Erinnerungen haben bei uns zu Hause einen Ehrenplatz. Wir erinnern uns immer wieder an deine Streiche, an das Versteckspiel durchs ganze Haus, an dein geduldiges Warten, bis dich jemand findet. Und wie du donnerstagabends nach Hause kamst, wenn ich schon halb eingeschlafen war, und du ins Bett der Kinder gekrochen bist, sie alle geweckt hast, dich unter die Decke geschlichen und gerufen hast: ‚Mama wird uns nie finden!‘ Und alle lachten, während ich leise lächelte. Oder wie du samstagmorgens Riesenpfannkuchen gemacht hast und die Kinder mit dem Lied Boker Tov („Guten Morgen“) geweckt hast, Ela und Alon auf die Arme nahmst und mit ihnen im Wohnzimmer getanzt hast. Und freitags, vor dem Mittagsschlaf, deinen schwarzen Kaffee rührtest, Kopfhörer aufsetztest, auf ‚Play‘ drücktest und mit dem Besen als Mikrofon summend durch die Küche gingst. Diese kleinen Erinnerungen – sie sind unauslöschlich.“
„Weißt du, mein Liebster, du hattest für Alon Privatstunden im Motorradfahren vereinbart. Ich hatte Angst, aber ließ dich gewähren, und jedes Mal kam etwas dazwischen. Heute, mein Liebster, fuhr eine Kolonne von Motorrädern von unserem Haus hierher, um dir die Ehre zu erweisen, um dich daran zu erinnern, dass auch deine Träume weiterleben. An Jom Kippur warst du fast immer bei uns, das machte diesen Tag besonders ruhig, besonders sicher. Es war unser Tag.“
„Aber an deinem letzten Jom Kippur, kurz vor dem 7. Oktober, konntest du nicht kommen. Du warst zu lange auf der Basis, wolltest heim, aber musstest bleiben. Wir haben dich so erwartet. Ich weiß, auch du wolltest hier sein. Seitdem ist jeder Jom Kippur schwer. Dein Fehlen schmerzt. Jeder Gedanke an dich, an uns als Familie, lässt das Herz zusammenzucken – wegen all dessen, was hätte sein können. Die Sehnsucht hört nicht auf und wird nie aufhören. Ich lerne nur, mit ihr zu leben. Du hast mich, rückblickend, auf dieses Leben ohne dich vorbereitet – mit unzähligen Übungen im Vermissen. Ich versuche, die beste Version meiner selbst zu sein, für die Kinder und für dich. In meiner Vorstellung spreche ich oft mit dir und sehe deinen Blick, der mir zeigt, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Mehr brauche ich nicht. Der Weg ist steinig, schwer, voller Stolpersteine und Leere. Aber du hast mir alle Werkzeuge hinterlassen, um weiterzugehen.“
„Ich hatte so gehofft, dass du heute schon bei uns wärst, dass wir endlich ein bisschen aufatmen könnten. Also bitte ich dich, mein Liebster, es ist Zeit, nach Hause zu kommen. Es wird den Schmerz nicht lindern, das Herz nicht heilen, aber es wird die Gedanken ein wenig beruhigen. Wie viel Liebe und Schmerz wohnen doch in der Sehnsucht. Dank lieber Freunde, Familie, guter Menschen, die ihr uns unterstützt und begleitet. Danke, dass ihr mit uns auf diesem Weg seid.“

Wie ich schon sagte, jeder von uns hat seinen eigenen 7. Oktober. Für mich war es der Moment, als alle meine Kinder in den Krieg zogen und ich zurückblieb – voller Schmerz und unendlicher Sorge. Eine Angst, die ich nie zuvor gekannt hatte, zog in mein Herz ein und blieb dort lange. Seitdem lebe ich mit einer einzigen Erkenntnis, die sich immer wieder bestätigt: Man muss Zeit füreinander schaffen – Zeit mit den Kindern, mit den Enkeln, mit dem Partner. Ich sorge bewusst dafür, Zeiten zu schaffen, die Herzen verbinden – das ist meine tägliche Arbeit.
Das ist, glaube ich, das große Vermächtnis all jener, die den schrecklichen, blutenden Tag nicht überlebt haben. Alles im Leben ist so flüchtig, so vergänglich. Das ist keine Floskel. Und nun sind wir im Laubhüttenfest Sukkot, dem Fest, in dem wir sieben Tage in einer provisorischen Hütte sitzen, um uns daran zu erinnern: Alles im Leben ist vorübergehend. Alles vergeht. Darum ist es unsere Pflicht, in der Zeit, die wir haben, besser, sensibler, liebender zu sein. Bewahrt Momente der Freude und der Liebe, denn wir wissen nie, was morgen kommt. Es ist eine Mizwa, in Freude und Dankbarkeit zu leben.
Wie sagte der jüdische Gelehrte Baal Schem Tov:
„Traurigkeit verschließt die Himmelstore. Gebet öffnet verschlossene Tore. Aber die Freude – die Freude kann Mauern zerschlagen.“





danke für die worte an diesem tag.
zwei jahren sind vergangen nach die tragödie am 07. oktober 2023
aber das ist nicht alles damit wir leben müssen.
die welt hat sich gegen uns gerichtet.
nur Gott verfolgt sein plan.
siehe jeremia ab kapitel 47
tröstet tröstet mein volk spricht der HERR.
Shalom