Tacheles mit Aviel – Alle fragen sich, wann es endlich losgeht

Tacheles, offen und unverblümt sage ich meine Meinung. Wir fragen uns, wann es endlich losgeht mit der Bodenoffensive.

von Aviel Schneider | | Themen: Hamas, Tacheles mit Aviel, Krieg in Israel
Hamas krieg
Israelische Soldaten in einem Sammelpunkt nahe der südlichen israelischen Grenze zu Gaza, 12. Oktober 2023. Foto von Chaim Goldberg/Flash90

Noch vor zehn Tagen war alles klarer. Was hält die Regierung davon ab, der Hamas das Tor zur Hölle zu öffnen? Haben wir das nicht rund um die Uhr im ganzen Land wütend geschrien? Aus dem Ausland werde ich oft gefragt, warum wir nicht endlich in den Gazastreifen einmarschieren und ihn platt machen. Warum zögert die Regierung in Jerusalem, das terroristische Hamas-Regime im Gazastreifen ein für alle Mal zu zerschlagen? Hat der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu Angst? Nicht nur ihr fragt euch das, auch das israelische Volk wird langsam ungeduldig, vor allem die 400.000 einberufenen Reservisten, die zum Teil aus allen Teilen der Welt sofort für den Krieg nach Hause geflogen wurden. 19 Tage sind seit dem schwarzen Sabbat im Land vergangen, und das Volk will Rache.

Netanjahu spürt die Frustration im Volk, deshalb hat er gestern Abend eine Erklärung abgegeben. „Alle Hamas-Terroristen werden tot sein , über und unter der Erde, im Gazastreifen und im Ausland“, begann Netanyahu seine Rede. „Gemeinsam mit Verteidigungsminister Yoav Galant, Minister Benny Gantz und dem Generalstabschef arbeiten wir rund um die Uhr, um die Ziele des Krieges zu erreichen, bis zum Sieg, ohne politische Erwägungen. Bis jetzt haben wir Tausende von Terroristen getötet, und das ist erst der Anfang. Wir bereiten eine Bodenoffensive vor. Ich werde nicht sagen, wie und in welchem Umfang, und was unsere Überlegungen sind, von denen die meisten der Öffentlichkeit überhaupt nicht bekannt sind“.


Zum ersten Mal sprach Netanjahu von seiner Verantwortung für das Versagen am 7. Oktober, was zum Krieg geführt hat. „Bürger Israels, wir werden gründlich untersuchen, was geschehen ist. Das Versagen wird gründlich analysiert werden. Jeder wird Antworten geben müssen, auch ich. Aber das wird nach dem Krieg sein. Als Premierminister bin ich dafür verantwortlich, die Zukunft des Staates zu sichern“. Netanjahu kündigte an, dass es künftig nationale Trauertage für die Opfer des Hamas-Massakers geben werde. „Die Seele der Nation blutet. Die Zerstörung des Lebens von mehr als 1.400 ermordeten Menschen ist wie ein Pfeilhagel in unseren Herzen. Die Regierung wird nationale Trauertage für diese schreckliche Tragödie einführen“.

In den Medien wurde in den letzten Tagen viel über dieses Zögern diskutiert. „Der Staat Israel hatte die seltene Gelegenheit, die Hamas in Gaza zu vernichten, aber er tut es nicht. Jetzt erzählen sie uns von Manövern, der Bereitschaft der Armee, den Geheimdiensten, internationalen Staatsbesuchen und vielem mehr“, schrieb das Nachrichtenportal Walla. Derweil lassen sich Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Yoav Galant mit den Soldaten im Süden und Norden filmen und drohen nur. Der eine droht, die Hisbollah im Libanon zu vernichten, der andere, die Hamas im Gazastreifen auszulöschen. Aber nichts passiert. „Kann es sein, dass Netanjahu kalte Füße bekommen hat“, heißt es in Walla. „Um die Hamas und die Hisbollah zu vernichten, braucht man nicht einmal einen Reservesoldaten! Zwei Einsätze und zwei Bomben von dem Typ, der sich laut ausländischen Quellen in unserem Lager befindet, reichen aus.“

Stimmt es wirklich, dass Washington Israel von einer Bodeninvasion abhält? Oder will Israel zuerst einen Großteil der Geiseln befreien? Kann es sein, dass Israel wartet, bis den Terroristen der gestohlene Treibstoff im Süden des Streifens ausgeht, denn ohne Strom gibt es in den unterirdischen Tunneln kein Licht, keine Belüftung und keine Telekommunikation. Das unterirdische Tunnelsystem könnte zur Falle werden. Will Israel erst sehen, ob sich der Iran aus dem Krieg im Gazastreifen heraushält? Kann es sein, dass die amerikanischen und britischen Kriegsschiffe in unserer Region und andere westliche Streitkräfte gemeinsam mit Israel einen Angriff planen? Oder müssen sich die israelischen Truppen noch vorbereiten und trainieren? Vielleicht musste Israel wirklich auf einen Waffentransport warten? Andere sagen, dass erst ein neues Raketenabwehrsystem im Land installiert werden muss, daher die Verzögerung. Die Spekulationen sind endlos. Wenn man mit Soldaten und Offizieren im Feld spricht, haben alle keine Ahnung, was die Regierung aufhält. In den ersten Tagen nach dem Massaker war allen klar, dass Israel am Sonntag den Gazastreifen angreifen würde, aber dann strömten Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt nach Israel und alles kam zum Stillstand. Dann regnete es im Land und auch der starke Wind passte nicht.

Sitzung des Kriegskabinetts. Bild: Kobi Gideon/GPO

Nicht der Generalstab, sondern die Regierung zögert. Der israelische Generalstab hat dem Kriegskabinett operative Angriffspläne vorgelegt, die Netanjahu in der vergangenen Woche allesamt abgelehnt hat. Auch wenn Netanjahu und Galant mehrfach betonten, dass es keine Vertrauenskrise zwischen dem Sicherheitsapparat und Benjamin Netanjahu gebe, ist das schwer zu glauben. Netanjahu mache den Generalstab und den Sicherheitsapparat für alle Misserfolge im Süden verantwortlich, heißt es aus politischen und militärischen Kreisen. Aus diesem Grund ist Netanjahu wahrscheinlich unsicher und trifft sich mit Generälen außerhalb des Generalstabs und des Kriegskabinetts, wie mit Itzchak Brick, der dieses Szenario vor Jahren voraussagte, dem aber niemand zuhören wollte. Auch Netanjahu nicht, aber jetzt tut er es. Netanjahu hat sich auch mit dem ehemaligen Generalstabschef Gabi Ashkenazi getroffen, der sich nicht unbedingt gut mit den anderen ehemaligen Generalstabschefs Benny Gantz und Gadi Eisenkot versteht. Beide gehören zum Kriegskabinett, aber Netanjahu will auch andere Stimmen hören. Brick wirft Gantz und Eisenkot vor, während ihrer Amtszeit der Bereitschaft der israelischen Armee geschadet zu haben. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist wütend auf den Generalstab und tut sich schwer, über den nächsten Schritt zu entscheiden. Hinzu kommt das Dilemma der israelischen Geiseln im Gazastreifen. Brick schlägt zunächst einen Geiselaustausch vor, 6000 palästinensische Häftlinge für die 220 Geiseln. „Im Gazastreifen werden wir sie dann alle töten“, so Brick.

Die Amerikaner versuchen, die Regierung zu bremsen, bis sich die Wut im Volk gelegt hat. US-Präsident Joe Biden sagte Bibi, er müsse mit dem Kopf in den Krieg ziehen, nicht mit dem Bauch. Barack Obama riet Bibi, nicht den gleichen Fehler zu machen, den Amerika nach dem Terroranschlag auf die World Trade Centers am 11. September gemacht habe, als es voller Wut in den Nahen Osten einmarschierte.

„Die Option, nicht in den Gazastreifen einzumarschieren, gibt es nicht. Das ist absolut irrelevant, weder in der Armee noch im Kabinett“, sagte Ex-General Israel Siv gegenüber Globes. „Wir haben im Moment das Gefühl, dass die Zeit in mehrfacher Hinsicht günstig für uns ist. Dies ist ein monatelanger Krieg. Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt, den Prozess der Befreiung der Entführten vorher zu lösen, dann lohnt es sich, ihm die nötige Zeit zu geben, und das tun wir.“ Siv und andere Generäle glauben nicht, dass Washington Israel davon abhalten will, die Hamas zu vernichten, sie bestehen nur auf humanitärer Hilfe für die palästinensische Zivilbevölkerung. Das liegt im Interesse des Westens und vieler arabischer Regierungen. Ägypten, Saudi-Arabien und Jordanien sind hinter den Kulissen dabei, das Hamas-Regime zu zerschlagen, denn die radikale Muslimbruderschaft, auf die sich die Hamas stützt, ist auch diesen Regierungen ein Dorn im Auge.

Besorgte Familien von Israelis, die von Hamas-Terroristen in Gaza als Geiseln genommen wurden, halten Fotos ihrer entführten Familienmitglieder auf dem „Geiselplatz“ vor dem Kunstmuseum in Tel Aviv, 24. Oktober 2023. Foto: Avshalom Sassoni/Flash90

Aber die Regierung muss bald eine Entscheidung treffen, sonst verpasst sie das Momentum und die Moral im Volk leidet. Ich treffe Offiziere und Soldaten und verstehe, dass sie die Hamas diesmal mit aller Macht vernichten wollen. Alle haben die 1.400 Toten vor Augen, und es gibt keinen Israeli unter ihnen, der nicht betroffen ist. Die Bilder des Massakers sind nationaler Treibstoff für den Krieg.

Vermisst: Eitan Mor

Jedes Mal, wenn ich bei Roasters unter der Redaktion einen Espresso trinke, hängt das Bild von Eitan Mor an der Kasse. Eitan hat bis zum 7. Oktober in der Espressobar gearbeitet, jetzt ist er Geisel in Gaza. Eitan arbeitete als Wachmann beim Musikfestival Nova und ist seitdem verschwunden.

Jeder weiß, dass die Invasion des Gazastreifens nur eine Frage der Zeit ist, denn Israel hat seinen Feinden hoch und heilig versprochen, sie in die Hölle zu schicken. Genau das haben wir gestern von Bibi Netanjahu gehört. Wenn Israel jetzt zögert und nicht einmarschiert – was ich nicht glaube – dann hat Israel seine gesamte Abschreckungsstrategie verloren. Es sei denn, Israel erringt einen Sieg ohne Bodeninvasion, was ich mir am meisten wünschen würde. Gaza ist die Hölle und eine ernste Gefahr für unsere Soldaten. Aber ohne einen Sieg – so oder so – ist Israels Sicherheit im Nahen Osten dahin. Das kann sich Israel um keinen Preis leisten, und jeder Israeli versteht diese Gefahr. Ohne Sicherheit macht es für viele keinen Sinn, in diesem Land zu leben. Und gestern hat Netanjahu dem Volk wiederholt versprochen, dass er für die Sicherheit und die Existenz Israels verantwortlich ist. Wir stehen vor keiner leichten Zukunft und die Angst liegt immer in der Luft, aber Israel hat keine andere Wahl. Zum Abschluss seiner gestrigen Ankündigung zitierte Netanjahu den Propheten Jesaja: „Und sie werden Hamas (althebräisches Wort für Gewalt) im Land nicht mehr hören.“

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10 Antworten zu “Tacheles mit Aviel – Alle fragen sich, wann es endlich losgeht”

  1. Havershalom sagt:

    Shalom,
    danke Aviel für Dein offen heraus.

    „Zum Abschluss seiner gestrigen Ankündigung zitierte Netanjahu den Propheten Jesaja: “Und sie werden Hamas (althebräisches Wort für Gewalt) im Land nicht mehr hören.”

  2. jotfried sagt:

    Statt direkt auf den elend-langen Beitrag von Aviel einzugehen, komme ich indirekt „zur Sache“ mit meinem Leserbrief:

    Der Leitartikel auf Seite 2 am 25.10. vom HAMBURGER ABENDBLATT behauptet im Untertitel, dass der Nahost-Konflikt „sich nicht lösen lässt ohne politische Perspektive“.

    Eine politische Perspektive lässt sich in Kombination mit Klimawandel zum Besseren durchführen. Dazu ist bei auflandigem Wind an den Küsten vom Sinai Seewasser offshore in die Luft zu sprühen. Bei genügender Kleinheit der Tröpfchen beschleunigt sich die Luftbefeuchtung um den Faktor über 20.000 im Vergleich zu „still ruht der See“.

    Ende Leserbrief. Für ISRAEL (und für die Rest-Welt) ist zu empfehlen, sich am Wortlaut vom Schma_Israel zu orientieren. Speziell an dieser Zeile :
    …werde ich den Regen für euer Land geben zur richtigen Zeit….

    • Roland Kunz sagt:

      @ jotfried
      Erklären Sie es bitte nochmals mit andern Worten für intellektuelle Tiefflieger wie mich. Danke.
      P.S.: Beiträge von Aviel Schneider mögen mal ellenlang ausfallen, aber elend-lang sind sie nie, dafür immer informativ und interessant, vielfach aufwühlend wegen den darin enthüllten Fakten rund um die steten Angriffe auf das Israelische Volk.

      • jotfried sagt:

        Das ‚jüdische Hauptgebet‘ kann man googeln mit SCHMA_ISRAEL.

        Die Luftbefeuchtung alias das Verdunsten von Meerwasser kopiert quasi die Naturmethode „mit technischen Mitteln“. Sie ist zivilisatorisch die Erweiterung menschlicher Kulturleistungen, die bekanntlich mit „Erfindung“ von Ackerbau und Viehzucht die Voraussetzung schuf für die Explosion der Weltbevölkerung.

  3. udin sagt:

    Zum Glück entscheiden nicht Nachrichtenportale wie „Walla“ wann, wie und mit welchen Mitteln es losgeht. Das sollte den israelischen Militärs zusammen mit den verantwortlichen Politikern überlassen werden.

    Die Verzögerung dürfte also wohlüberlegt sein.

  4. udin sagt:

    @ jotfried

    Haben Sie zu heiß geduscht?

  5. jotfried sagt:

    Nein.
    Auch nicht zu kalt.
    Stattdessen ist klar, dass die Wüsten rapide wachsen und dass das Flüchtlingsdebakel weltweit (!) sehr viel höhere Kosten verursacht als das Versprühen von Seewasser.

  6. Jörg Rene Rodegra sagt:

    Shalom!

    Israel wird geprüft…. evtl. ja auch von Gott!?
    Darf ich rache üben? Darf ein Volk ein anderes Volk einsperren (Gaza = Getto?)?
    Gibt es einen Gott?
    Rechtfertigt die Gewalt und der Haß einer größeren Gruppe die Vernichtung eines ganzen Volkes?
    Erntet jeder? was er sät?

    Wer hatte die Juden aus IHREM Land vertrieben? Wer hat aus Israel Palästina gemacht? Wer hat die Menschen (nicht Juden) dort angesiedelt? Wer kämpft dafür, dass das Land Gottes nicht geteilt wird?

    …aufwachen…

  7. jotfried sagt:

    Visionen brauchen Glauben !

    . . . . auch meine Vision vom KLIMAWANDEL zum BESSEREN
    Hier nochmal mit Nutzanwendung für Hamas, Israel und PLO (und für die Restwelt):
    Die Trümmer auf Gaza wegzuräumen wird teuer. Der Wiederaufbau dito. Dann beginnt alles von vorne.

    Besser ist, die Trümmer als Denkmal und Mahnung für menschliche Idiotie liegen zu lassen. Das “gesparte” Geld ist zu verwenden für das Versprühen von Seewasser an den Küsten des Roten Meeres in den Mengen, die es braucht um so viel Regen zu gewährleisten, wie sie Schleswig-Holstein erhält. Hier fallen 12 Milliarden Tonnen pro Jahr auf 15.000 Quadratkilometer.

    Umsiedlungsprogramme für die Palästinenser aus dem Westjordanland und GAZA kommen preiswerter als Abwehr von Flüchtlingen nach Europa.

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