Wochenlesung – הַאֲזִינוּ – Haasinu – Höret ; 5.Mose 32,1 – 52 ; 2.Samuel 22,1 – 51
Wir feiern den ersten Schabbat des neuen jüdischen Jahres 5785. Dieser Schabbat wird auch „Schabbat Schuwa“, also „Schabbat zur Rückkehr“ genannt und liegt zwischen Rosch Haschana und dem biblischen Versöhnungstag Jom Kippur.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Es ist die letzte Thoralesung zwischen dem Beginn der „ehrfurchtsvollen Tage“ und dem Ende der „Slichot“ (Bußgebete). Es ist kein Zufall, dass wir diese Parascha zeitnah zu Jom Kippur lesen, einem Tag, an dem jeder Mensch seine Gewissenserforschung gegenüber Gott macht und überprüft, wie präsent Gott in seinem Leben ist.
Dies ist ein Abschiedslied, das die Ereignisse der Vergangenheit reflektiert und einen Blick in die Zukunft wirft. Es enthält sowohl Lob für Gott als auch Zurechtweisungen für das Volk Israel. Nach den Auslegungen der Gelehrten ist dieses Lied so wichtig und seine Botschaft so bedeutungsvoll, dass man es auswendig lernen sollte. Doch Mose bittet das Volk nicht, das Lied auswendig zu lernen, sondern nur, ihm zuzuhören. Und so beginnt unsere Wochenlesung mit dem Wort Haasinu – Höret (הַאֲזִינוּ).
Warum Höret? Weil Zuhören eine weitaus komplexere Handlung ist als das Sprechen. Zuhören bedeutet Aufnahmebereitschaft, das Richten der Aufmerksamkeit auf den Sprecher, das Bemühen zu verstehen, was er mir wirklich sagen will. Während beim Sprechen die Aufmerksamkeit mehr auf mir selbst liegt. Haasinu stammt auch von der gleichen Wurzel wie das hebräische Wort für Gleichgewicht oder Balance – Isun (איזון). Die Worte Haasinu und Isun und Ossnaim (Ohren) kommen alle von derselben hebräischen Wortwurzel אזן.
Vollständiges Zuhören, vom Anfang bis zum Ende, bedeutet, alles aufzunehmen, ohne dazwischenzureden, zu unterbrechen oder zu argumentieren. Solch ein Zuhören nennt man „reines Zuhören“ – also ein echtes Hinhören, ein vollständiges Öffnen beider Ohren. Vollständige Präsenz beim Zuhören ermöglicht das Verstehen und die Aufnahme von etwas Neuem, etwas Neues von Gott. Echtes Zuhören lädt dazu ein, alle unsere Meinungen und Ansichten hinter uns zu lassen, unser Herz zu öffnen und das Gehörte ohne Interpretation anzunehmen, auch wenn es schwierig oder unangenehm ist, ohne sich zu rechtfertigen.
Haasinu lesen wir in der letzten Woche der Slichot. Hier bietet sich die zusätzliche Gelegenheit, vor Jom Kippur zu hören, was sich in uns offenbart, wirklich auf uns selbst und Gott zu hören und herauszufinden, wo wir Fehler gemacht haben – ob durch unsere Handlungen, Worte oder unsere Beziehung zu uns selbst oder zum Nächsten. Aufrichtiges und umfassendes Zuhören kann uns zu Vergebung und Versöhnung auf allen Ebenen führen. Wir werden mit Gottes Offenbarung verstehen, wofür wir Buße tun, wo wir um Vergebung bitten und wie wir uns mit Seiner Hilfe verbessern können.
Warum entscheidet sich Mose, seine Worte mit einem Lied zu beenden? Vielleicht, weil er das Gefühl hatte, genug gesagt zu haben? Vielleicht, weil er nichts mehr hinzuzufügen hatte? Vielleicht spürte er, dass seine Worte das Herz des Volkes nicht durchdrangen, dass sie auf taube Ohren stießen und dass das Volk zurückkehren würde und seinen Gott vergessen würde? Vielleicht wählte er, seine Worte so zu beenden, wie er begann – mit einem Lied? Lieder sind uns oft näher als lange Sätze, zugänglicher und einprägsamer. Manchmal kann eine einzige Zeile eines Liedes die Seele mehr erheben als viele Verse.
Zusammengefasst geht es in diesem Lied darum, dass es nur einen einzigen Gott gibt. Er ist der Allmächtige! Er kann sich freuen und zornig sein. Er kann töten und Leben geben. Er kann bestrafen, aber auch retten und heilen. „Sehet nun, dass ich’s allein bin und ist kein Gott neben mir!“ Das Wort „ich“ (Ani – אני) wird zweimal wiederholt, damit wir immer daran denken und nie vergessen, wer Gott ist. Es gibt kein „ich“ außer ihm! Gott ist ein eifersüchtiger Gott und will keine Konkurrenten. Er lehnt Götzendienst strikt ab. Gott will uns ganz und gar, ohne Teilung. Das ist es, was wir heute, morgen und in allen Generationen im Gedächtnis behalten sollten. Das ist die Hauptbotschaft in der Thora. Unser Gott existiert und ist gegenwärtig. Er ist in jedem Moment existent – in jeder Existenz, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Wenn wir uns nur diese Zeile aus dem Lied merken, wäre das schon genug: „הַאֲזִינוּ הַשָּׁמַיִם וַאֲדַבֵּרָה וְתִשְׁמַע הָאָרֶץ אִמְרֵי-פִי. – Höret auf, ihr Himmel, denn ich will reden, und du Erde, vernimm die Rede meines Mundes! Seid tapfer und stark, fürchtet euch nicht und lasset euch nicht vor ihnen grauen; denn der HERR, dein Gott, geht selbst mit dir; er wird die Hände nicht von dir abtun, noch dich verlassen!“
Wie kraftvoll sind diese Worte in diesen schweren Zeiten, in Zeiten des Krieges und der Zerstörung, in Tagen der Sorge und des Todes, in denen das Gefühl der Verlassenheit und des Leids, des Opferseins verstärkt wird. Es gibt keinen größeren Trost, als zu wissen, dass wir niemals wirklich allein sind – Gott ist immer bei uns und wird uns niemals loslassen.
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 17:40 Ausgang 18:56
- Tel Aviv – Beginn 18:01 Ausgang 18:57
- Haifa – Beginn 17:50 Ausgang 18:57
- Beersheva – Beginn 18:02 Ausgang 18:57
- Eilat – Beginn 17:52 Ausgang 18:56




