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Erinnerungen an den Holocaust-Gedenktag

Der Gedenktag in der Grundschule, wo die meisten Lehrer Holocaust-Überlebende waren.

Erinnerungen an den Holocaust-Gedenktag
Esther Rubyan/FLASH90

Boker Tov liebe Leser!

Bis heute erinnere ich mich noch ganz genau den Jom Hashoah in der Grundschule „Yefe Nof“ in Jerusalem. Der Schuldirektor Eliezer Turkel trug ein kurzärmeliges weißes Hemd, auch wenn es kalt war und regnete.

In der Schule gab es viele Stände mit Gedenkkerzen und Tafeln mit Holocaust-Geschichten und vielen Bildern. Die Schulklingel war an diesem Tag abgestellt, Ballspiele oder Seilspielen waren verboten. Auch lachen durfte man nicht. Alle Kinder waren in Weiß gekleidet. Am Gedenktag an die Opfer des Holocaust war es sehr ruhig in der Schule.

Um 9:30 Uhr verließen dann alle Schüler die Klassenzimmer und trafen sich auf den großen Schulhof. Etwa 1000 Schüler standen nach Klasse und Alter geordnet in Reihen auf dem Platz, es herrschte totale Stille. Immer wieder gab es ein „Shhh, Shhh“ von den Lehrern an ihre Klassen, damit es ruhig blieb.

Dann begann die Zeremonie. Erst ein Lied, dann ein paar Vorlesungen. Um 10 Uhr war dann alles vorbei. Schuldirektor Tirkel und die anderen Lehrer standen vorne auf der Bühne, ihre Ärmel waren hochgekrempelt, damit wir die Tätowierungen auf ihren Armen sehen konnten. Um Punkt 10 Uhr ertönte dann die zweiminütige Sirene. Alle Lehrer standen auf der Bühne und weinten. Es war ein herzzerreißendes Weinen, erschütternd, unfassbar. Wir Kinder reagierten unterschiedlich darauf. Einige lachten sogar verlegen, weil sie nicht wussten, wie sie reagieren sollten, andere gerieten in Panik. Ich erinnere sogar, dass einige ohnmächtig wurden.

Nummer auf dem Arm eines Überlebenden

Der Schuldirektor steht vor den Schülern und weint. Das ist keine normale Situation. Als die Sirene beendet war, erzählte uns Herr Tirkel mit zitternder Stimme die Geschichte seiner Familie. Alle sind von den Nazis ermordet worden. Er war ein kleiner Junge, der zusammen mit seiner Schwester nach Palästina kam.

Unsere Handwerkslehrerin hatte ebenfalls eine erschütternde Geschichte. Der Erinnerungstag war der einzige Tag, an dem ich Zuneigung für sie empfinden konnte und verstand, warum sie das ganze Jahr hinüber so nervös war. Ungeduld, Verbitterung, Wut, das sind die Erinnerungen, die ich an ihre Handwerksstunden habe. Es waren Stunden, die ich nicht mochte. Und dann plötzlich am Holocaust-Tag, als sie dort stand und ihre Geschichte erzählte, konnte ich in meinem Kopf das einsame kleine Mädchen im bedrohlichen und verletzten Polen sehen, wie sie völlig hilflos war, allein, ohne irgendjemanden der sie umarmen und beruhigen konnte angesichts des ganzen Bösen.

So war es damals in einer Schule, einer Schule, in der ein großer Teil der Lehrer Holocaust-Überlebende waren. Als Kind, das sich diese Schrecken nicht vorstellen konnten, war ich und auch die anderen Kinder immer fasziniert, die Nummer auf der Hand der Lehrer zu sehen. Eine Zahl, die sie das ganze Jahr über versteckten und die nur am Holocaust-Tag sichtbar war. Diese Erinnerung an den Holocaust-Gedenktag trage ich mein ganzes Leben lang bei mir.

Jedes Jahr ist die Intensität des Tages anders. Als kleines Mädchen ist es unklar, im Jugendalter fühlt man sich als Teil des Volkes, als Mutter sorgt man sich um die Kinder, als reife Frau versteht man, dass es hier nichts zu verstehen gibt.

Diese Erinnerung ist unfassbar. Das hilft mir, sie mit der Realität zu verbinden und zu verstehen, was damals geschehen ist. Das ist die Erinnerung an meinen Schuldirektor Eliezer Tirkel.

Die leere Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem – gestern

Das Wetter für heute in Israel:

Teilweise bedeckt mit einem leichten Temperaturrückgang. Für heute werden folgende Höchsttemperaturen erwartet: Jerusalem 26 Grad, Tel Aviv 23 Grad, Haifa 21 Grad, Tiberias am See Genezareth 31 Grad, am Toten Meer 32 Grad, Beersheva 31 Grad, Eilat am Roten Meer 33 Grad. Der Wasserpegel des See Genezareth ist um einen weiteren halben Zentimeter angestiegen und liegt jetzt bei –208.935 m unter dem Meeresspiegel, es fehlen nur noch 13,5 Zentimeter bis zur oberen Grenze!

Im Namen der gesamten Redaktion von Israel Heute wünsche ich Ihnen einen ruhigen Tag und viel Gesundheit.

Schalom aus Bar Giora!