Am Gedenktag, an dem Israel innehält, um seine Gefallenen zu ehren, gerät plötzlich eine der symbolträchtigsten Straßen des Landes in Brand. Die Autobahn Nr. 1 – jene Lebensader, die Jerusalem und Tel Aviv verbindet – wird gesperrt. Rauch, Feuer, Panik. Ist es bloß ein Naturereignis? Oder vielleicht doch ein Zeichen? Zwischen dem Kloster Latrun und der Auffahrt Richtung Osten saßen Menschen fest, flohen zu Fuß vor den Flammen Richtung Westen. Diese Szene warf in mir ein erschütterndes Bild unserer zerrissenen Gesellschaft auf. Der äußere Brand als Spiegel eines inneren Feuers. Der Hass, der heute zwischen den Lagern lodert, zwischen Jerusalem und Tel Aviv, zwischen Rechten und Linken, zwischen Religiösen und Säkularen, entzündet immer neue Fronten. Man könnte sagen: Das Feuer, das von außen wütet, spiegelt ein inneres Feuer wider. Diese Erfahrung hat mich tief bewegt – denn auch wir leben in einem Moschaw in den bewaldeten Bergen Jerusalems. Nach der Arbeit mussten wir gestern auf Umwegen nach Hause fahren, begleitet vom beunruhigenden Anblick von Rauch, der am Horizont aufstieg.
In der Bibel ist Feuer niemals nur Naturgewalt. Es ist Sprache. Als Gott zu Mose spricht, geschieht es im brennenden Dornbusch (2. Mose 3). Der Prophet Elia sieht Feuer, Sturm und Beben – doch Gottes Stimme offenbart sich im „sanften Säuseln“ danach (1. Könige 19). Feuer ist Zeichen. Es kann Gericht bedeuten – aber auch Reinigung, Umkehr. Die Frage ist nur: Wer sieht? Wer hört?
Schon in der jüdischen Geschichte lesen wir, vierzig Jahre vor der Zerstörung des Zweiten Tempels öffneten sich die Tore des Heiligtums von selbst, als wollte das Gebäude sein eigenes Ende ankündigen. Doch das Volk stritt weiter – bis zum Untergang. Auch heute brennen nicht nur Wälder. Unsere Gesellschaft steht in Flammen. Zwischen Wehrpflicht und religiöser Pflicht, zwischen politischen Lagern, zwischen zwei Weltanschauungen für den Staat Israel.

Wie damals beim Propheten Jeremia, dessen zerbrochener Krug ein Gleichnis auf das kommende Unheil war und niemand wollte es hören (Jeremia 19). Wie damals bei Jesus von Nazareth, der über Jerusalem weinte und sagte: „Wenn du doch erkannt hättest, was zu deinem Frieden dient …“ (Lukas 19). Vielleicht war es „nur“ ein Waldbrand. Vielleicht aber auch ein Weckruf von oben. Ein Aufruf: Hört auf, einander zu verbrennen! Löscht die inneren Feuer, bevor es zu spät wird.
Die Straße Nr. 1 ist nicht nur ein Verkehrsweg. Sie ist Symbol für die zentrale Aufgabe unserer Generation. 1.500 Menschen starben im Unabhängigkeitskrieg 1948 auf dem Weg nach Jerusalem. Heute brennen keine Konvois, aber die Spannungen zwischen Weltanschauungen, Gruppen, Ideologien, entzünden immer neue Brandherde. Deshalb wurde sie zu einem Mahnmal des Gedenkens und zu einem Sinnbild der Verbindung zwischen zwei Polen Israels, dem bergigen, geistlich-nationalen Jerusalem und dem flachen, pragmatisch-universellen Tel Aviv. Diese Verbindung ist nicht nur geographisch – sie ist existenziell.

Seit jeher lebten auf den Höhen Jerusalems religiöse Juden, denn dort stand der Tempel. Die Küstenebene hingegen war stets das Zentrum der weltlichen, wirtschaftlich starken jüdischen Bevölkerung. Und gerade diese Gegensätze machen unsere Gesellschaft fruchtbar – solange wir sie verbinden, statt sie gegeneinander zu wenden.
Natürlich gibt es äußere Feinde und ja, das ist die große Überlebensaufgabe Israels. Doch solange wir damit beschäftigt sind, einander zu bekämpfen, fällt es schwer, jene zu besiegen, die uns wirklich vernichten wollen. Diese schmerzhafte Lektion haben wir in den vergangenen zwei Jahren bitter gelernt. Wenn die Spaltung zu tief wird, wittert der Feind Schwäche – und schlägt zu.
Am 7. Oktober sah die Hamas unsere innere Zerrissenheit und griff an. Doch in den Tagen danach wachten wir auf, legten viele Streitpunkte beiseite, erkannten deren relative Bedeutungslosigkeit – und wurden zu einer vereinten, kraftvollen Nation. Aber jetzt? Jetzt gibt es Stimmen, die zurückwollen. Die erneut das Feuer entfachen wollen.
Während Israel seine Toten ehrt und um Einheit ringt, verbreiteten palästinensische Kanäle in sozialen Medien gezielt Aufrufe zur Brandstiftung. Das ist keine symbolische Provokation – das ist Terror in Flammenform. Mindestens drei Verdächtige wurden bereits festgenommen. Die Brände, die derzeit die Auffahrt nach Jerusalem verwüsten, sind nicht nur Naturkatastrophen. Viele gelten als vorsätzlich gelegt, und sie treffen das Land im Moment größter innerer Anspannung. Extrem starke Ostwinde bieten den Tätern ideale Bedingungen. Sie wissen genau, was sie tun, Feuer wird zur gezielten Waffe gegen Israel.
Zu oft erlebe ich es, auch in Diskussionen mit Freunden, dass der eine die Regierung verteufelt und der andere die linke Elite hasst. Beide Seiten lieben das Land, aber sie lieben unterschiedliche Visionen davon. Jüngst musste ich sogar in einem Zoom-Treffen eine Teilnehmerin zur Ordnung rufen, die sich über Israels Chef des Inlandsgeheimdienstes Ronen Bar ärgerte. Es ist dieses gegenseitige Verbrennen, das uns lähmt, so wie der Brand auf der Autobahn Nr. 1 die Verbindung zwischen den Städten und Weltanschauungen im Volk Israel kappte.

Zum Unabhängigkeitstag hätte ich gerne hoffnungsvollere Worte geschrieben. Aber ich will nicht blind sein für die Symbolik dieses Tages. Dass ausgerechnet am Gedenktag der Gefallenen – 25.420 an der Zahl seit der Staatsgründung Israels – jene Straße in Flammen steht, die für das Verbindende im Land steht, ist mehr als Zufall. Müssen die Zeichen noch lauter schreien? Muss das Erschütterungssignal noch deutlicher sein? Wir müssen zur Besinnung kommen und die Brände zwischen uns löschen. Aufgrund der heftigen Ostwinde und der ausgedehnten Waldbrände wurden die offiziellen Unabhängigkeitsfeiern auf dem Jerusalemer Herzl-Berg am gestrigen Abend abgesagt. Stattdessen sendete das israelische Fernsehen eine zuvor aufgezeichnete Generalprobe.
Jetzt ist nicht die Zeit, zu deuten, wer „schuld“ ist. Es ist die Zeit, Zeichen zu sehen, zu verstehen und zu handeln. Die Brände mögen uns mahnen, wenn wir den Weg zwischen Jerusalem und Tel Aviv, zwischen Vision und Realität, zwischen Heiligkeit und Alltag, zwischen rechts und links nicht schützen – verlieren wir als Volk.
Die Frage ist nicht, ob der Brand „göttlich geschickt“ wurde. Vielmehr: Was machen wir mit dem Moment? Verdrängen oder deuten? Die Bibel kennt den „Moment der Erkenntnis“. Als David mit seinem Machtmissbrauch konfrontiert wird, ruft er: „Ich habe gesündigt.“ Als Ninive gewarnt wird, kehrt es um und wird verschont. Solche Zeichen sind keine Drohungen, sondern Einladungen zur Umkehr. Zur Versöhnung. In diesem Sinne ist der brennende Weg zur Hauptstadt ein Spiegel. Wenn wir den Weg in der israelischen Gesellschaft zueinander nicht offen halten, wenn wir zulassen, dass Fanatismus, Angst und Hass den Ton angeben, damit verbrennen wir uns selbst.





Wir wahr…
Netanyahu hat es offensichtlich begriffen: Die Vernichtung der Hamas ist wichtiger als die Befreiung der Geiseln!
Darauf habe ich schon lange gewartet!