ANALYSE: Hat das aktuelle Chaos in Israel mit dem Iran zu tun?

Mit dem Abklingen von Corona steht Israel vor einer neuen Welle der gleichen alten Probleme, und Teheran könnte etwas damit zu tun haben

von Yochanan Visser | | Themen: Iran, Benjamin Netanjahu, Jerusalem
Foto: Flash90

Es war eine weitere turbulente Woche in Israel mit sehr gewalttätigen Ausschreitungen in und um Jerusalems Altstadt und Dutzenden von Raketen, die am Wochenende auf den Süden des jüdischen Staates abgefeuert wurden. Gleichzeitig verschärfte sich die politische Krise in Israel und das Ende der Regentschaft von Premierminister Benjamin Netanjahu scheint in Sicht. Außerdem sah sich Israel mit einem Raketenangriff aus Syrien konfrontiert und ging erneut gegen illegale Öllieferungen aus dem Iran nach Syrien vor.

Einige dieser Ereignisse kamen völlig unerwartet, wie zum Beispiel die syrische Boden-Luft-Rakete, die 30 Kilometer von Israels Atomreaktor in Dimona in der Negev-Wüste explodierte. Das Flugabwehrsystem des israelischen Militärs schaffte es diesmal nicht, die Rakete abzufangen, was selten vorkommt.

Siehe dazu: Rakete aus Syrien landet im Negev

Syrische Medien berichteten später, dass die S-200 oder SA-5 Rakete abgefeuert wurde, als eine F-16 der Israelischen Luftwaffe (IAF) über Syrien im Begriff war, „ein Ziel“ anzugreifen. Die Rakete verfehlte diesen Medien zufolge ihr Ziel nur knapp und die IAF-Piloten kehrten sicher nach Israel zurück.

Die SA-5 Boden-Luft-Rakete setzte jedoch ihren Weg fort und flog weitere 250 Kilometer, bevor sie 30 Kilometer vom Atomreaktor in Dimona entfernt explodierte.

Offiziell heißt es, es sei unbeabsichtigt gewesen, aber die plötzliche Bedrohung des Atomreaktors in Dimona zeigt, wie klein Israel ist und wie sehr das ganze Land an der Front steht.

Politisches Drama

Ein politisches Drama höchsten Ranges gab es dann am Mittwochabend, als klar wurde, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach der vierten israelischen Wahl in zwei Jahren keine Regierung bilden kann.

Netanjahu hatte in der vergangenen Woche viermal mit dem Vorsitzenden der Jamina-Partei, Naftali Bennett, verhandelt, doch die Seiten konnten sich nicht einigen. Jamina hatte bei den Wahlen im März nur 7 Sitze in der Knesset errungen, aber es scheint nun, dass Bennett Israels nächster Premierminister werden könnte.

Am Mittwochabend hielt Netanjahu eine Pressekonferenz, in der er Bennett scharf angriff und ihn für den anhaltenden Stillstand in der israelischen Politik verantwortlich machte. Der Premierminister schlug daraufhin vor, Direktwahlen für das Amt des Premierministers abzuhalten, aber sein Vorschlag wurde von einem Knessetausschuss abgelehnt.

Siehe dazu: Bibi spaltet den rechten Block

Die Rivalen haben es seit Jahren auf ihn abgesehen, aber vielleicht bahnt sich für Netanjahu jetzt wirklich das Ende der Karriere an.

Es sieht nun so aus, als ob Netanjahu, nach 12 Jahren ununterbrochener Premierministerschaft, von Bennett und Yesh Atid-Chef Yair Lapid abgelöst wird, dessen Mitte-Links-Partei nach der letzten Wahl mit 17 Sitzen die zweitgrößte Partei in Israel wurde.

Lapid wird wahrscheinlich eine Rotationsregelung für den Premierminister mit Bennett eingehen, wobei Bennett die ersten zwei Jahre als Premierminister Israels dient. Er wird dann von Lapid abgelöst werden, der einst Finanzminister war, aber in dieser Rolle versagte.

Die Kombination von Jamina und Jesch Atid ist höchst problematisch, weil die beiden Parteien ideologisch weit auseinander liegen und in der Vergangenheit oft Konflikte hatten, zum Beispiel über die Politik Israels in Judäa und Samaria.

Das politische Chaos in Israel wird zweifelsohne von den Feinden des jüdischen Staates schadenfroh beobachtet und sie nutzen die Krise, um weitere Spannungen zu erzeugen.

Die israelische Polizei geht vor dem Damaskustor in Jerusalem in Stellung, bevor es in der Nacht zum Ramadan erneut zu Ausschreitungen kommt.

Kämpfe in Jerusalem

Während in Jerusalem neue politische Turbulenzen tobten, fand in der Altstadt von Israels Hauptstadt eine regelrechte Schlacht statt. Hunderte von Arabern kämpften mit der Polizei unter dem Vorwand, für die Al-Aqsa-Moschee einzutreten, während eine Reihe von jüdischen Männern in der Nähe der Altstadt brutal zusammengeschlagen wurde.

Auf diese brutalen Angriffe folgte eine Großdemonstration rechter jüdischer Parteien in Jerusalem, was die Spannungen weiter erhöhte.

Gewalt in Jerusalem ist fast schon Standard im Monat Ramadan, aber dieses Mal muss sie im Zusammenhang mit den steigenden Spannungen zwischen Iran und Israel gesehen werden.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie von den palästinensischen Terroristenbewegungen auf Befehl des Irans organisiert wurden.

Die Unruhen in Jerusalem haben sich verstärkt und auf andere Städte ausgeweitet. Palästinensische Jugendliche in Hebron setzten Reifen in Brand, bevor sie mit israelischen Soldaten zusammenstießen.

Nach der Mossad-Aktion gegen die Atomanlage in Natanz vor zwei Wochen war klar, dass der Iran darauf reagieren würde, aber nicht mit konventioneller Kriegsführung. Der Iran setzt seine militärische Agenda durch sogenannte „Proxies“ um, Terrororganisationen, die vom Iran ausgebildet und finanziert werden.

Siehe dazu: Iran und Israel im Krieg – aber nur dem Namen nach

Die syrische Rakete könnte auch etwas mit dem Iran und seiner Reaktion auf die Mossad-Sabotage des Natanz-Kraftwerks zu tun haben.

Am Sonntag warnte der Oberbefehlshaber des Militärs im Iran, General Mohammad Bagheri, dass die „Widerstandsfront Israel eine Lektion erteilen wird“.

„Wir geben nichts über die Vorfälle bekannt, die kürzlich stattgefunden haben, noch wissen wir, wer es getan hat, aber die Widerstandsfront wird Israel eine gute Lektion erteilen“, sagte Bagheri.

Palästinensische Terroristen feuern Raketen aus dem Gazastreifen ab und gönnen den Bewohnern im Süden Israels keine Ruhe.

Raketen aus Gaza

Am vergangenen Wochenende schlossen sich palästinensische Terroristenbewegungen im Gazastreifen dem Aufruhr an und feuerten in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht weniger als 36 Raketen auf den Süden Israels ab.

Dies geschah nach Monaten relativer Ruhe, und die Bewohner des südlichen Israels mussten erneut um ihr Leben rennen, um in den Luftschutzkellern Sicherheit zu finden.

Das Raketenabwehrsystem Iron Dome schoss sechs Raketen ab, während die israelische Luftwaffe (IAF) eine Reihe von Vergeltungsschlägen ausführte. Die Hamas distanzierte sich in diesem Fall von dem Raketenbeschuss, warnte Israel aber, dass sie nicht tatenlos zusehen würde, wenn die IAF weiterhin Vergeltungsschläge ausführt. Äußerungen der palästinensischen Terroristenbewegungen deuteten darauf hin, dass der Raketenbeschuss etwas mit den Unruhen in Jerusalem zu tun hatte.

Experten im israelischen Sicherheitsapparat haben jedoch zuvor auf die Rolle des Irans bei dem Raketenbeschuss auf den Süden Israels hingewiesen. Auch hier könnte der Iran die Raketen auf den Süden Israels befohlen haben.

Militante Kämpfer aus dem Gaza-Streifen erheben wieder ihr Haupt. Könnte es auf Befehl aus Teheran sein?

Die erneuten Kämpfe im Gazastreifen führten zu einer Dringlichkeitssitzung des israelischen Sicherheitskabinetts und zur Absage eines geplanten Besuchs von IDF-Stabschef Aviv Kochavi in den Vereinigten Staaten.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag ließ der Raketenbeschuss nach, und es wurden „nur“ vier Raketen aus dem Gazastreifen abgefeuert. Gleichzeitig begannen jedoch gewalttätige Demonstrationen in der Nähe des Grenzzauns im nördlichen Gazastreifen. Sporadischer Raketenbeschuss setzte sich am Montag fort, wobei sechs Raketen auf den Süden Israels abgefeuert wurden. Vier Menschen wurden leicht verletzt, als sie in ihre Schutzräume rannten.

 

Öltanker aus dem Iran von Israel angegriffen?

Dann gab es einen mysteriösen Bericht über einen Tanker aus dem Iran, der vor der Küste Syriens in Flammen stand. Quellen im Libanon und im Iran berichteten, der Tanker sei von einer israelischen Drohne beschossen worden. Israel führt seit Monaten Angriffe auf illegale Öllieferungen des Irans nach Syrien durch, und die Islamische Republik hat kürzlich mit Gegenangriffen auf israelische Schiffe im Persischen Golf begonnen.

All dies geschah, während schiitische Gruppen im Irak ihre Angriffe auf das US-Militär verstärken. Es gibt schätzungsweise 2500 US-Soldaten im Irak, und der Iran will diese Truppen aus dem vom Krieg verwüsteten Land vertreiben. Das Ziel ist es, den Irak stärker unter den Einfluss der Islamischen Republik zu bringen.

 

Der Kontext

All diese Ereignisse können nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind Teil des iranischen Plans, das Chaos im Nahen Osten zu erhöhen und damit die Einflusssphäre der Islamischen Republik in der Region zu erweitern. In dieser Hinsicht erklären Bagheris Kommentare alles über die Absichten des Irans.

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