Naher Osten

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Was passiert gerade im Nahen Osten?

Iran in der Krise, Assad unter Druck und Israels strategisches Dilemma – Israel Heute-Kommentator Itamar Eichner über die aktuellen Entwicklungen im syrischen Bürgerkrieg.

Syrien
Oppositionsrebellen der Nationalen Befreiung sichern am 5. Dezember 2024 ein ehemaliges Regierungsgebäude in Aleppo, Syrien, wo Menschen auf ihre Statusregistrierung warten, nachdem die Opposition die Stadt erobert hat. Foto: EPA-EFE/BILAL AL HAMMOUD

Der Iran ist in Panik, weil sein „Meisterwerk“, die Hisbollah, zusammengebrochen ist. Wäre Hassan Nasrallah nicht getötet worden, hätte er nach Ansicht hochrangiger iranischer Beamter seines Amtes enthoben werden müssen.  Die Sunniten gewinnen an Stärke und stellen sich gegen die schiitische Achse. Der Iran sieht sich unter Druck, da der syrische Raum in Gefahr ist.

Russland und die USA gewinnen ihre Dominanz in der Region zurück, was auf eine mögliche Umkehr der bisherigen Entwicklungen hindeutet. Gleichzeitig lässt sich in Syrien eine äußerst dramatische Entwicklung beobachten: Selbst in den schlimmsten Tagen des Bürgerkriegs war Lage von Syriens Präsidenten Bashar al-Assad nicht so prekär wie heute.

Die Rebellen schöpfen Kraft aus der Niederlage der schiitischen Achse im Libanon gegen Israel und erobern immer mehr Gebiete in Syrien. Sogar die wichtige Stadt Hama ist ihnen in die Hände gefallen, wo sie Gefangene aus den Gefängnissen befreien. Die syrische Armee kollabiert.

Ein syrischer Widerstandskämpfer am Eingang zum Bezirk Hama an der internationalen Autobahn Damaskus-Aleppo, Syrien, 3. Dezember 2024. Foto: EPA-EFE/MOHAMMED AL RIFAI

Assad bemüht sich verzweifelt um Unterstützung aus dem Iran, doch dieser hält sich zurück – sowohl aus Sorge vor Eskalationen als auch wegen Israels Eingreifen: Bereits zweimal hat Israel iranische Flugzeuge abgefangen, die Syrien erreichen sollten, zuletzt erst gestern. Auch Russland verweigert Assad die dringend benötigte Hilfe.

Angesichts des wachsenden Drucks stellt sich die Frage: Könnte Assad sich von der schiitischen Achse abwenden? Welche konkreten Schritte wären erforderlich, damit Israel, Russland und die USA ihn zu einer solchen Kehrtwende bewegen können?

Die Auswirkungen der israelischen Erfolge gegen die Hisbollah und den Iran sind immens. Die jüngsten Entwicklungen im syrischen Bürgerkrieg, insbesondere der schnelle Vormarsch der Rebellen, stellen Israel vor eine Reihe komplexer strategischer Dilemmata. Einerseits birgt die Verschlechterung der Lage im nördlichen Nachbarland erhebliche Sicherheitsrisiken; andererseits eröffnen sich einzigartige Chancen, das regionale Kräftegleichgewicht zu beeinflussen.

Israel ist mit drei Hauptgefahren konfrontiert:

  1. Hoch entwickelte Waffen in feindlichen Händen: Die Möglichkeit, dass Raketen, Raketensysteme oder gar Chemiewaffen in die Hände dschihadistischer Kräfte gelangen, stellt eine unmittelbare Bedrohung für Israels Sicherheit dar. Das Gebiet al-Safira südöstlich von Aleppo, ein Zentrum für die Herstellung von Raketen und hoch entwickelten Waffensystemen mit iranischer Unterstützung, steht im Visier der Rebellen. Ausländischen Berichten zufolge operiert Israel militärisch in diesem Gebiet, um den möglichen Einsatz solcher Waffen gegen sich selbst zu verhindern.
  2. Iranische Präsenz in Syrien: Die zunehmende Schwäche des Assad-Regimes erhöht dessen Abhängigkeit von iranischer Unterstützung und schiitischen Milizen, darunter die von den Revolutionsgarden unterstützte Fatemiyoun-Brigade. Diese Kämpfer könnten sich an der Nordgrenze Israels festsetzen und Syrien als Basis für Raketenangriffe oder Bodenoffensiven nutzen.
  3. Zusammenbruch des Assad-Regimes: Ein vollständiger Zusammenbruch des Assad-Regimes könnte Syrien in einen gescheiterten Staat wie Jemen oder Libyen verwandeln, in dem sunnitische und schiitische dschihadistische Kräfte gegeneinander kämpfen. Dieses Szenario würde die Gemeinden auf den Golanhöhen und in Galiläa unmittelbar bedrohen und Israel zu physischem Schutz und Präventivschlägen zwingen.
Blick auf den Grenzübergang Quneitra zwischen Israel und Syrien in den Golanhöhen, am 5. Dezember 2024. Foto von Ayal Margolin/Flash90.

Vor diesem Hintergrund hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu das Sicherheitskabinett zu einer Dringlichkeitssitzung einberufen.

Türkei als treibende Kraft hinter Rebellenangriffen

Treibende Kraft hinter den Offensiven der Rebellen ist die Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdoğan setzt die sunnitischen Rebellen an zwei Fronten ein, um die strategischen Interessen seines Landes voranzutreiben. Zum einen versucht er, die von Kurden gegründete autonome Region im Nordosten Syriens zu zerschlagen, die er als direkte Bedrohung für die territoriale Integrität der Türkei ansieht. Zum anderen setzt er dschihadistische Rebellen ein, um Assad unter Druck zu setzen, der Einrichtung einer türkischen Sicherheitszone in Syrien und der Rückführung syrischer Flüchtlinge in die Türkei zuzustimmen.

Oppositionskämpfer zerreißen ein riesiges Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad in Aleppo, Syrien, 30. November 2024, nach einer Großoffensive der Rebellen am 27. November, bei der große Teile der zweitgrößten Stadt des Landes eingenommen wurden. Foto: EPA-EFE/Mohammed Al-Rifai.

Chance und Risiko

Die aktuelle Situation eröffnet Israel ein Zeitfenster, um Druck auf Assad auszuüben. Sollte Assad Israel als Hauptbedrohung wahrnehmen, könnte er davor zurückschrecken, die Zusammenarbeit mit dem Iran und der Hisbollah zu vertiefen. Dennoch birgt ein Szenario, in dem die Rebellen ganz Syrien unter ihre Kontrolle bringen oder das Land auseinanderbricht, auch für Israel und die Türkei erhebliche Risiken.

Wie Israel ist auch die Türkei nicht an einem vollständigen Zusammenbruch des Regimes interessiert. Für Erdoğan könnte weiteres Chaos an der türkisch-syrischen Grenze eine direkte Bedrohung für die Stabilität der Türkei darstellen.

 

Wie geht es weiter?

Die neue Realität in Syrien zwingt Israel, zwischen gezielten Präventivmaßnahmen und der Vorbereitung auf umfassendere Szenarien abzuwägen. Israelis derzeitige Antwort umfasst Präventivschläge und die Zusammenarbeit mit internationalen Akteuren. Doch die große Frage bleibt: Wird der Zusammenbruch Syriens zu einer größeren Bedrohung oder zu einer Chance, die regionalen Kräfteverhältnisse neu auszurichten?

Israel wird, ebenso wie die Türkei, weiterhin mit klarem Blick agieren: Ein Syrien nach Assad, sollte es dazu kommen, wird ein ganz anderes sein, aber nicht unbedingt stabiler oder sicherer.

 


Itamar Eichner ist ein prominenter Journalist und Kommentator in den israelischen Medien.

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Patrick Callahan

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