Wochenlesung – דְּבָרִים – Dewarim – Reden ; 5. Mose 1,1 – 3,22 ; Jesaja 1,1 – 27
Diese Wochenlesung schrieb ich vor wenigen Tagen für einen hebräischen Post auf Facebook, denn ich vergleiche Moses Not damals, als er zu Gott schrie: „Wie – Eicha – kann ich allein eure Bürde, eure Last und euren Streit alleine tragen?“, mit der Not unserer Reservisten im Land. Nur eine Minderheit im Volk Israel trägt die Last im Reservedienst. Warum? Wie lange noch?
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
In der dieswöchigen Parascha „Dewarim“, übersetzt mit „Reden“ oder auch „Dinge/Sachen“, beginnt Mose seinen Abschiedsappell an das Volk Israel, nicht als Machtdemonstration, sondern als Ruf des Schmerzes: „Wie – Eicha – kann ich allein eure Bürde, eure Last und euren Streit tragen?“ (אֵיכָה אֶשָּׂא, לְבַדִּי, טָרְחֲכֶם וּמַשַּׂאֲכֶם, וְרִיבְכֶם) Mose, der Anführer, der den Berg Sinai bestieg und das Volk aus Ägypten durch die Wüste führte, zeigt plötzlich seine Erschöpfung. Nicht aus Schwäche, sondern aus der Wucht der Verantwortung und der Einsamkeit. Er spricht nicht nur als Gottes Gesandter, sondern als Mensch, der müde ist, der sich im Kampf allein fühlt.
Diese Klage gehört nicht nur der Vergangenheit an. Sie hallt auch heute wider – aus den Kehlen der Reservisten der israelischen Armee. Sie tragen Israels Sicherheit sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Last des Staates, während viele ihrer Mitbürger abseits stehen. Seit dem Ausbruch des Krieges im Oktober 2023 lassen Tausende Reservisten – meist säkular oder traditionell bis religiös – ihr Zuhause, ihre Familie und Kinder, ihren Beruf, um immer wieder zu kämpfen. Sie tragen mit Leib und Seele die Bürde des Volkes, genau wie Mose damals. Und sie fordern nur eines: Teilhabe.
Sie fragen: „Wenn wir die Last nicht gemeinsam tragen, können wir uns dann wirklich ein Volk nennen?“ oder: „Und wenn wir kein einiges Volk sind, wie können wir dieses Land verteidigen und halten?“ Die Bibel stellt ein klares moralisches Prinzip auf: Niemand ist von der Verteidigung seines Volkes befreit. „Wenn du wider deinen Feind in den Krieg ziehst und Rosse und Wagen siehst, ein Volk, das größer ist als du, so fürchte dich nicht vor ihnen; denn der HERR, dein Gott, der dich aus Ägypten heraufgeführt hat, ist mit dir“, heißt es in den Kriegsgesetzen in 5. Mose 20. Ein ganzes Kapitel, das festhält: Kriege wird es geben, und es gibt keinen pauschalen Freipass – weder nach Herkunft noch nach Identität. Nur extreme Lebensumstände gewähren vorübergehende Befreiung, aber kein grundsätzliches Entziehen.
„Sollen eure Brüder in den Krieg ziehen, während ihr hier sitzen bleibt?“, heißt es in 4. Mose 32. Das war Moses wütende Reaktion auf die Stämme Ruben und Gad, die jenseits des Jordan bleiben wollten. Er akzeptierte kein Szenario, in dem ein Bruder kämpft, der andere aber nicht. Auch im Neuen Testament heißt es: „Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“ (1. Korinther 12,26) Und wir erleben heute schwere Zeiten, in denen das Leid und die Last des Krieges auf den Schultern einer kleinen Minderheit ruhen. Wenn Israels Soldaten und Reservisten um Hilfe rufen, dann ist das nicht nur ein Ruf nach Unterstützung, sondern ein moralischer Appell an alle, die sich als Brüder und Schwestern verstehen. Man kann nicht am Rand stehen, während andere ihr Leben geben. Man kann nicht bequem auf der Schulbank sitzen, während andere über 500 Tage im Krieg dienen. Während ihre Familien zerrissen werden, ihre Kinder weinen aus Angst, Einsamkeit und Schmerz des Abschieds, während ihr Lebensunterhalt zerbricht, sie verwundet werden oder sterben.
Diese Soldaten leiden nicht nur unter den Wunden des Krieges, sondern auch an der Gleichgültigkeit im eigenen Land – an der „legalen“ Legitimation zur Dienstverweigerung, an mangelnder Durchsetzung von Gesetzen, besonders in Teilen der ultraorthodoxen Gesellschaft, die weiter unter dem Vorwand des Tora-Lernens bequem zu Hause bleiben, ohne sich am Kampf zu beteiligen.
Eine erschütternde Tatsache: Nur etwa 3 % der israelischen Gesamtbevölkerung leisten derzeit aktiven Reservedienst. In der Altersgruppe der 22- bis 45-Jährigen, also jener, die eigentlich zum Reservedienst verpflichtet wären, dient real nur 10 %. Von zehn, die kämpfen sollten, steht nur einer an der Front – und kämpft ein Reservist im Gazastreifen oder im Norden. Neun andere Israelis drücken sich – aus unterschiedlichsten „guten Gründen“: Studium, Gewissensgründe, Angst, körperliche oder seelische Beschwerden, Unlust und vieles mehr. Zusätzlich sind zwei Bevölkerungsschichten bisher frei von der Wehrpflicht im Land: die ultraorthodoxen Juden und Israels arabische Bürger. Neun genießen das Leben in Israel, aber tragen zur Verteidigung des Landes nichts bei! Diese Zahlen sprechen für sich. Sie offenbaren eine tiefe Krise innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Wer sieht seine Brüder zusammenbrechen und tut so, als sei nichts geschehen? Das fragen die erschöpften Soldaten. Ihr Ruf richtet sich weder an Rabbiner noch an Politiker. Er richtet sich an den einfachen Menschen, den sie auf der Straße treffen – der nicht länger Mitläufer sein darf, kein Soziopath, kein Rechthaber, kein Friedensprophet in Kriegszeiten. Sondern jemand, der sein Gewissen prüft und sich fragt: „In einer Zeit, in der Israels Sicherheit wankt und die Feinde von außen näher rücken – kann ich es mir leisten, einfach weiterzumachen wie bisher?“
Der Ruf lautet: Steh auf, triff eine Entscheidung – aus eigener Kraft. Blende den Lärm von außen aus. Höre in dich hinein: Bin ich Teil dieses Landes – auch in der Not? Oder nur, wenn es bequem ist? Bin ich Teil der Armee, die Tag und Nacht für Israels Sicherheit sorgt – oder will ich nur Rechte, aber keine Pflichten? Die Antwort des Einzelnen, der viele repräsentiert, wird über unser weiteres Bestehen als Volk entscheiden. Es geht nicht nur um Identität, sondern um Menschlichkeit, Mitverantwortung und Solidarität.
Möge jeder sich in diesen Tagen die Frage der biblischen Wochenlesung stellen: „Wie kann ich meinem Bruder die Last, den Streit und die Bürde aufbürden – und selbst nichts beitragen?“ Mose hinterließ dem Volk vor dem Einzug ins Land Kanaan ein Vermächtnis, wissend, dass dieser Weg voller Kämpfe sein würde. Er schien ihnen zu sagen: „Eine gerechte Gesellschaft entsteht dort, wo alle tragen, alle teilen, alle beitragen.“ Nur eine solche Gesellschaft wird den Geist siegen lassen, das Volk vereinen und Kriege bestehen. Denn, ob wir wollen oder nicht: Der Kampf hört nie auf.
„Wie – Eicha – kann ich allein eure Mühsal, eure Last und eure Streitigkeiten tragen?“ Diese Frage wurde einst gestellt – doch ihre Prüfung gilt bis heute. Dies ist kein politischer Aufruf, sondern ein moralischer, menschlicher. Nicht an Politiker, nicht an Rabbiner, nicht an irgendwelche Führer – dies ist ein Aufruf an die einfachen Bürger! Wenn euch noch ein Gewissen geblieben sein sollte, wenn ihr zusehen könnt, wie eure Geschwister unter der Last zusammenbrechen, dann tretet heraus, reicht eine Schulter. Wenn nicht – dann haben wir es völlig verloren.
„Eicha?! אֵיכָה?! Eicha?!“ rufe ich als Mutter, deren drei Söhne, Schwiegersohn und Schwiegertochter seit zwei Jahren „on and off“ eingezogen sind – ohne ein Ende in Sicht. „Wie kann ich allein eure Last tragen?“ Diese Frage wurde einst gestellt. Aber sie stellt sich auch heute. Sie ist kein politischer Appell, sondern ein moralischer. Und die einzig richtige Antwort darauf lautet:
„Hineni, hier bin ich. Ich stehe bereit. Ich trage mit.“
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:56, Ausgang 20:16
- Tel Aviv – Beginn 19:18, Ausgang 20:18
- Haifa – Beginn 19:08, Ausgang 20:19
- Beersheva – Beginn 19:16, Ausgang 20:16
- Eilat – Beginn 19:02, Ausgang 20:11
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




