Wochenlesung – אַֽחֲרֵ֣י מ֔וֹת& קְדשִׁ֣ים – Achare Mot & Kedoschim – Nach dem Tod & Heilige ; 3.Mose 16,1 – 20,7 ; Hesekiel 22,1 -16 & Amos 9,7 – 15
Was bedeutet es wirklich, „Versöhnung“ zu erlangen? Reicht das rituelle Bedecken der Schuld – oder ruft uns Gott zu etwas Tieferem, Persönlicherem? Im Kontrast zwischen den priesterlichen Begriffen Versöhnung und Reinheit einerseits und dem prophetischen Ruf zur Rückkehr andererseits, eröffnet sich ein Weg zu echter Umkehr, der weit über äußere Rituale hinausgeht.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
In der ersten Wochenlesung Achare Mot finden wir eine ausführliche Beschreibung des Dienstes von Aharon, dem Hohenpriester, am Jom Kippur, dem Versöhnungstag. An diesem Tag sühnt er für seine eigenen Sünden, für die Sünden seines Hauses und für die Sünden des ganzen Volkes Israel. Am heiligsten Tag des Jahres tritt der heiligste Mensch Israels in das Allerheiligste ein und vollzieht dort Rituale, die das Verhältnis zwischen dem Volk Israel und unserem Vater im Himmel wiederherstellten.
In der Welt des Priesters ist eine Sünde wie ein Fleck. Die Wurzel „Kapara“ כ.פ.ר – „versöhnen oder bedecken“ wird erstmalig im Zusammenhang mit dem Bau der Arche Noach erwähnt: „Mache dir eine Arche von Tannenholz, in Räume sollst du die Arche teilen und sie innen und außen mit Pech (כפר) verpichen (כפר)“. Also Pech und verpichen kommt im hebräischen Bibeltext von Kofer (כפר) versöhnen und bedecken (1.Mose 6,14) – Kapara (כפרה). „Kapara“ bedeutet also wörtlich: überziehen, bedecken – um etwas zu verbergen. Aber das Bedecken selbst kann den Fleck nicht wirklich verschwinden lassen.
Ein weiteres Verb in diesem Zusammenhang ist „Tahara“ ט.ה.ר „reinigen. Reinheit ist das Entfernen des Flecks selbst. Aber beiden Handlungen – sowohl Kapara als auch Tahara – fehlt noch die innere Herzensabsicht, der echte Ausdruck des tiefen Wunsches des Sünders, sich zu ändern. Stellen wir uns nun also die Frage: Sind Versöhnung (Kapara) und Reinigung (Tahara) tatsächlich die Taten, die belegen, dass ein Mensch wirklich umkehrt?
Ich kenne nicht wenige Menschen, die im Laufe des Jahres tun, was sie wollen und wenn dann Jom Kippur kommt, erscheinen sie in ihren besten Kleidern, kaufen die teuersten Plätze in der Synagoge, spenden großzügig für gemeinnützige Zwecke – alles, um traditionell gereinigt zu sein. Doch gleich am Tag nach Jom Kippur kehren sie zurück an genau denselben Punkt, an dem sie für 24 Stunden innehielten. Ist das wirklich das, was Gott gemeint hat? Wird durch solche Handlungen wirklich Versöhnung und Reinheit erreicht?
Diese beiden Begriffe – Kapara und Tahara – tauchen zwar häufig in der Bibel auf und stellen wichtige rituelle Akte dar. Aber wenn es bei den Propheten um Umkehr und Rückkehr zu Gott geht, ist viel häufiger die Wurzel „Schuva“ ש.ו.ב „zurückkehren“ zu finden, sie erscheint unzählige Male. In den Augen der Propheten ist Sünde weniger ein Fleck als vielmehr ein Verirren, ein Abweichen vom Weg, ein Verlorensein. Dementsprechend besteht die Strafe für die Sünde in einer Strafe „Maß für Maß“, Verbannung und Verlust des Zuhauses.
Dies begegnet uns in vielen Geschichten der Bibel, wie bei Adam und Eva, die sündigten und aus dem Garten Eden vertrieben wurden. Kain, der seinen Bruder ermordete und zur Ruhelosigkeit verurteilt wurde, oder auch die Vertreibung des Volkes Israel ins Exil, wenn es den Bund mit Gott bricht.
Die Häufigkeit des Verbs la´schuv, „zurückkehren“ spricht für sich selbst und betont seine Bedeutung. Die Propheten riefen unablässig zur Umkehr auf:
„Kehrt zurück, abtrünnige Söhne, ich will eure Abkehr heilen“ (Jeremia 3,14) oder „Kehre um, Israel, zu dem Ewigen, deinem Gott, denn du bist gestrauchelt durch deine Schuld“ (Hosea 14,2)
Die grundlegende Prophetie, aus der alle weiteren Botschaften der Rückkehr hervorgehen, ist die Rede Moses an das junge Volk kurz vor seinem Tod: „Es wird aber geschehen, wenn das alles über dich kommt, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es zu Herzen nimmst (שוב) unter all den Völkern, dahin dich der HERR, dein Gott, verstoßen hat und wenn du umkehrst (שוב) zu dem HERRN, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchst, du und deine Kinder, von ganzem Herzen und von ganzer Seele, in allem, was ich dir heute gebiete, so wird der HERR, dein Gott sich wieder zu dir kehren (שוב), sich deiner Rückkehr (שוב) wenden und sich deiner erbarmen und wird dich wieder (שוב) sammeln aus allen Völkern, dahin dich der HERR, dein Gott, zerstreut hat“. (5. Mose 30,1–3)
Seht, wie oft die Wurzel la´schuv hier vorkommt! Das Wort „Schuv“ bedeutet also: heimkehren, zurückkehren. Oft spüren wir, dass wir nicht auf dem richtigen Weg sind, nicht wegen einer konkreten Sünde, sondern aus einem allgemeinen Gefühl des Verlorenseins. Ein symbolisches Bedecken dessen, wie es an Jom Kippur üblich ist, wird den Fehler nicht wirklich auslöschen. Das Einzige, was wirklich reinigt und läutert, ist eine aufrichtige Herzensabsicht, die uns zurückführt nach Hause, in den Schoß Gottes.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 18:44, Ausgang 20:04
- Tel Aviv – Beginn 19:07, Ausgang 20:06
- Haifa – Beginn 18:58, Ausgang 20:07
- Beersheva – Beginn 19:06, Ausgang 20:04
- Eilat – Beginn 18:52, Ausgang 20:02
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




