Wochenlesung – מַּטּוֹת – Mattot – Stämme ; 4.Mose 30,2 – 32,42 ; Jeremia 1,1 – 2,3
Die letzten Kapitel im 4. Buch Mose beschreiben die letzten Etappen der vierzigjährigen Wanderung Israels durch die Wüste und bereiten den Übergang ins verheißene Land vor. Doch der Eintritt ins Land ist mehr als ein geografischer Wechsel, er markiert einen geistlichen Wendepunkt. Der folgende Kommentar beleuchtet diesen historischen Augenblick und fragt zugleich, was er uns heute zu sagen hat.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
An diesem Schabbat werden die letzten zwei Wochenlesungen zusammen gelesen, also Mattot und Massei (4.Mose 33,1 – 36,13/Jeremia 2,4 – 28). Massei bedeutet Wanderungen. In den Kapiteln werden die Wanderungen der Kinder Israels während der vierzig Jahre zusammengefasst. Es wird über die Grenzen des Landes gesprochen, über die Aufteilung in Erbteile, über die Städte der Leviten und die Zufluchtsstädte. Im Grunde genommen geht die Wüstenwanderung fast zu Ende. Das Volk Israel steht kurz davor, zur Ruhe und zum Erbteil zu gelangen. Die beiden Wochenlesungen bereiten das Volk auf den Übergang vom Nomadenleben zum sesshaften Leben vor.
Doch diejenigen, die nun ins Land einziehen werden, sind nicht dieselben, die vor vierzig Jahren aus Ägypten ausgezogen sind. Diejenigen, die jetzt in den Ebenen Moabs am Jordan lagern, haben nicht die Durchquerung des Schilfmeers erlebt, nicht das Ereignis am Sinai, sie haben die Worte der Kundschafter nicht gehört, waren keine Zeugen der Wunder und der Feste, der Zornesausbrüche und der Strafen. Das Volk, das ins Land Kanaan einziehen wird, ist ein Volk, das das Leben der Wanderschaft kennt, das in der Wüste geboren wurde und die Freiheit und die Unbeständigkeit kennt. Wie bringt man ein wanderndes Volk dazu, sesshaft zu werden? Wie lehrt man ein Volk, dessen Erbe „Lech Lecha“ – „Zieh hin“ ist, nun „ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum“ zu sitzen?
In der kommenden Woche werden wir im Buch 5.Mose die lange Rede Moses lesen, deren ganze Aufgabe es ist, das Volk auf den bevorstehenden Wandel vorzubereiten. Diese Woche jedoch lesen wir die Worte Gottes an das Volk zu diesem Thema. Gott wendet sich an Mose und bittet ihn, mit dem Volk über zwei Angelegenheiten zu sprechen. Die erste, die Vertreibung der Völker, die im Land wohnen, und die Vernichtung ihrer Götzen. Die zweite, Erbteil und Grenze. Das Thema der Grenzen ist vollkommen klar, ein Volk, das an Freiheit und Wanderschaft gewöhnt ist, muss nun klare Grenzen erhalten. Man muss ihm zeigen, wo sein Land beginnt und wo es endet. Ihm sagen, was ihm gehört und was ihm nicht gehört. Wo sein Erbteil ist und wo das Erbteil seines Nachbarn.
„Und ihr werdet das Land durch das Los nach euren Familien als Erbteil in Besitz nehmen: dem Großen sollt ihr sein Erbteil mehren und dem Kleinen sein Erbteil mindern, wohin ihm das Los fällt, das soll ihm gehören. Nach den Stämmen eurer Väter sollt ihr erben.“ Es gibt Gesetze und Regeln. Jeder bekommt, was ihm zusteht. Und jeder muss seinen Platz kennen.
Gott erinnert das Volk an die Wichtigkeit der Trennung, des Bleibens an seinem Platz und des Respekts gegenüber dem Platz des anderen. So kann man Wurzeln schlagen und eine Gemeinschaft mit Zugehörigkeitsgefühl und Sicherheit aufbauen.
Und was ist mit dem Thema der Vernichtung? „Und ihr sollt alle Bewohner des Landes vor euch vertreiben, und ihr sollt all ihre bildlichen Götzen vernichten; und all ihre gegossenen Götzenbilder sollt ihr zerstören, und alle ihre Opferhöhen sollt ihr vernichten. Und ihr sollt das Land in Besitz nehmen und darin wohnen, denn euch habe ich das Land gegeben, es in Besitz zu nehmen.“
Warum ist dies das erste Thema, das erste Gebot, das die Kinder Israels beim Eintritt ins Land erhalten? Der Gott Israels glaubt daran, „von Anfang an zu beginnen“. Er erschuf die Welt aus dem Chaos, und in der Geschichte von Noah vernichtete er beinahe die ganze Welt, die er geschaffen hatte. In der Wüste wollte er beinahe sein eigenes Volk vernichten, als er dessen Unglauben, Ängste und Schwächen sah.
Unser Gott zeichnet sich nicht durch Toleranz aus, er ist kein Gott, der auf Integration und Verbindung mit anderen Götzen und Glaubensrichtungen setzt. Das Verheißene Land, in dem die Kinder Israels dem Einen Gott dienen sollen, muss rein sein, rein von seinen Bewohnern, rein von ihren Götzen.
Wie wir uns erinnern, war es schon in der Zeit der Wanderung sehr schwer, das Volk zur Treue gegenüber dem „abstrakten“ Gott zu bewegen, zur blinden Hingabe an Idee und Weg. Bereits bei den Lagerungen in der Wüste versuchte das Volk, sich ein Standbild zu machen, den Götzen der Midianiter nachzufolgen, sich einen beliebigen Götzen in die Tasche zu stecken. Doch jetzt, beim Eintritt ins sesshafte Leben, wird es noch viel schwerer. Der Kampf gegen Götzendienst, gegen das Materielle, gegen das Bildhafte, wird alltäglich sein.
Damit das Volk in seinem Land wohnen und seinem Gott dienen kann, ist es besser, dass es im Land keine ablenkenden Reize des Glaubens gibt. Und es ist besser, dass es dort keine anderen Völker gibt, deren Bräuche das eben eingezogene Volk zu imitieren versucht. Wenn das Volk endlich im Verheißenen Land ankommt, wird es aufgefordert, authentisch zu sein, aufrichtig, wahrhaftig. Sein Vertrauen auf den zu setzen, der es bis hierher gebracht hat und ihn nicht durch lokale „Geräte und Vorrichtungen“ zu ersetzen. Sich nicht beeindrucken zu lassen von dem, was bei den Nachbarn beliebt ist, und nicht zu glauben, was andere sagen.
Aus den folgenden Kapiteln und Büchern der Bibel wissen wir, dass die Versuchungen das sesshafte Leben Israels im Erbteil nie leicht gemacht haben. Das Volk Israel hat immer wieder zur Seite geschielt, neue Götzen gesucht und nicht immer nach oben zu Gott geschaut.
Und wir? Fühlen wir, dass wir im Verheißenen Land angekommen sind oder sind wir noch unterwegs? Liegt noch ein Krieg vor uns oder haben wir schon Erbe und Ruhe erreicht? Wir haben keinen Mose, der Gott für uns sprechen lässt, wir müssen die Arbeit selbst tun. Solange wir hier sind, ist der Weg offenbar noch nicht zu Ende.
Unsere Aufgabe ist es, weiterzugehen, Haltezeiten zu erkennen und bereit zu sein, darin zu verweilen, den Ruf zur Wanderung zu erkennen und bereit zu sein, aufzubrechen. Auf dem Weg müssen wir uns befreien, von Statuen, Götzen und falschen Glaubensvorstellungen und so leer, so gereinigt, so neu wie möglich ankommen, im Land und im Erbteil, das uns verheißen ist. Schabbat Schalom.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 19:01, Ausgang 20:21
- Tel Aviv – Beginn 19:23, Ausgang 20:24
- Haifa – Beginn 19:14, Ausgang 20:25
- Beersheva – Beginn 19:21, Ausgang 20:22
- Eilat – Beginn 19:07, Ausgang 20:16
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




