Wochenlesung – וַיִּשְׁלַ֨ח – Wa´Jischlach – Er schickte ; 1.Mose 32,4 – 36,43 ; Hosea 11,7 – 12,12
Jakobs Leben scheint wie ein fortwährender Kampf oder eine Art Duell mit Gott und Menschen. Dies führte den dritten Erzvater zu einem Erfolg, den weder sein Vater Isaak noch Großvater Abraham erreicht hatten. Wer ist dieser Jakob und warum wurde er nicht berufen, sondern berief sich selbst?
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Unser Kampf des Glaubens in der Wochenlesung Wa´Jischlach. Um die Figur Jakobs zu verstehen, des Mannes, der zu Israel wurde und zum wahren Vater unseres Glaubens, muss man akzeptieren, dass er sein ganzes Leben lang in einem ständigen Kampf mit seinem Glauben stand. Jakob ist nicht die naheliegende Wahl für die Rolle des religiösen Helden. Auf den ersten Blick scheint er nicht die Eigenschaften zu besitzen, die andere Erzväter auszeichnen. Der Mut und die Freundlichkeit Abrahams, die Treue und Beherrschung Isaaks sowie der Eifer und die Stärke Moses – all das fehlt bei Jakob.
Sein Leben war geprägt von Konflikten, mit seinem Bruder Esau, mit seinem Schwiegervater Laban, zwischen seinen Frauen Rahel und Lea und sogar zwischen seinen Söhnen, deren Rivalität die gesamte Familie letztlich ins Exil nach Ägypten führte. Jakobs Leben erscheint wie ein Feld voller Spannungen. Dazu seine komplexen Geschäfte und Täuschungen, wie der Kauf des Erstgeburtsrechts von Esau, das Erlangen des Segens Isaaks und die List gegenüber dem intriganten Laban. Jedes Mal schien Jakob zu gewinnen, doch dann verschlechterte sich die Situation erneut. Das Täuschungsmanöver, bei dem er sich unter Anweisung seiner Mutter Rebekka als sein Bruder Esau ausgab, zwang ihn, sein Zuhause zu verlassen.
Wie wir in dieser Parascha sehen, verblasste seine Angst vor Esaus Rache auch nach über zwanzig Jahren nicht, als er ins Land zurückkehrte. Die Täuschung, die er seinem Vater zufügte, kehrte in ähnlicher Form zu ihm zurück – durch die Hand Labans. Selbst seine durchdachte Flucht vor Laban hätte in einer Katastrophe enden können, hätte Gott Laban nicht im Traum gewarnt, Jakob nichts anzutun. Jakobs Leben wird in der Bibel als eine ununterbrochene Serie von Fluchten dargestellt – von einer Falle zur nächsten, oft in noch schlimmere Umstände.
Wer ist Jakob? Jakob erscheint in biblischen Text als ein Mann, dessen Leben von Hindernissen und Kämpfen geprägt war. Warum wählte die Tora, ihn so darzustellen? Die Bibel ist sehr selektiv mit den Informationen, die sie preisgibt. Warum wurden keine anderen Details erwähnt, die Jakob in einem positiveren Licht zeigen könnten? Die Heilige Schrift vermittelt hier, wie auch an anderen Stellen eine außergewöhnliche Botschaft. Wenn wir Gott als Gott in seiner ganzen Erhabenheit und Herrlichkeit betrachten können, dann können wir auch Menschen als Menschen akzeptieren, mit all ihren Schwächen. Selbst Noah, der gerechte Mann, der mit Gott wandelte, wird als ein Mensch gezeigt, der sich betrinkt und bloßgestellt wird. Selbst Hiob, der als der rechtschaffenste Mann auf Erden beschrieben wird, verflucht schließlich seinen Tag. „Da sprach der HERR zum Satan: Hast du meinen Knecht Hiob beachtet? Denn seinesgleichen ist nicht auf Erden, ein so ganzer und gerader Mann, der Gott fürchtet und vom Bösen weicht“.
Jakob, vielleicht mehr als sie, verkörpert die menschliche Eigenschaft, Fehler zu machen. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Jakobs Leben war eine Serie von Kämpfen. Nichts fiel ihm leicht. Er war der Einzige der Erzväter, der sich selbst für die Rolle des Erwählten entschied. Abraham wurde von Gott berufen. Isaak wurde noch vor seiner Geburt ausgewählt. Mose, Josua, Samuel, David, Jesaja, Jeremia, alle wurden von Gott auserwählt. Aber nicht Jakob. Er war es, der das Erstgeburtsrecht erwarb. Er war es, der den Segen nahm. Er war es, der sich entschied, Abrahams Mission in die Zukunft zu tragen.
Gott offenbarte sich Jakob erst, als er sein Zuhause verließ. Und viele Jahre später, als er allein in der Nacht war, verängstigt vor der Begegnung mit Esau, kämpfte er mit einem mysteriösen Mann, Gott oder einem Engel Gottes. Nur Jakob erhielt von Gott oder durch einen Engel einen völlig neuen Namen, nicht eine Abwandlung seines alten Namens, sondern eine völlig neue Identität – Israel.
Der ewige Kampf. Obwohl Jakob zweimal gesagt wurde, dass er nicht mehr Jakob genannt werden solle, sondern Israel, nennt ihn die Bibel weiterhin Jakob. Dies deutet darauf hin, dass sein Kampf nie endete, ebenso wie bei vielen von uns. „Und Gott sprach zu ihm: Dein Name ist Jakob, aber du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel soll dein Name sein! Und so nannte er sich Israel“. Jakobs fortwährender Kampf oder Duell mit Gott und Menschen führte ihn jedoch zu einem Erfolg, den weder Abraham noch Isaak erreichten. Alle seine Kinder blieben seine Nachfolger, die Söhne des Glaubens Israels. Israels Gelehrten sagten dazu: „Je größer die Mühe, desto größer der Lohn.“
Das ist Jakob. Es gibt Menschen, auf die der Geist leicht herabkommt. Doch Gott sucht nicht nur die „Heiligen“ – er sucht uns alle. Deshalb gab uns Gott drei Erzväter: Abraham für die Liebenden, Isaak für die Ehrfürchtigen und Jakob/Israel für die Kämpfenden.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 15:56, Ausgang 17:16
- Tel Aviv – Beginn 16:17, Ausgang 17:18
- Haifa – Beginn 16:05, Ausgang 17:15
- Beersheva – Beginn 16:19, Ausgang 17:19
- Eilat – Beginn 16:12, Ausgang 17:22





Herzlichen Dank, liebe Anat Schneider für das Schreiben der feinen Auslegungen.
Vergelt’s Gott sagen wir in Süddeutschland. Wir begleiten eurer Kämpfen im Gebet.
Schavua tov, Judith Bahmann- Hänke