Die Schmita-Debatte: Ein Aufeinanderprallen von Utopien

Jüdische Landwirte, die sich an die Regeln des Sabbatjahres Schmita halten, stellen in diesem Ruhejahr ihre Arbeit ein. Die Regeln verlangen, dass sie ihre Felder mit all den darauf befindlichen Erzeugnissen jedermann zur Verfügung stellen.

| Themen: Bibel
Ultraorthodoxe Juden versuchen, israelische Landwirte zu ermutigen, das biblische Gebot der Schmita, ein Schabbatjahr für das Land, vollständig einzuhalten. Aber ist das in der heutigen Zeit überhaupt noch sinnvoll? Foto: Gershon Elinson/Flash90

(JNS / Jewish Journal) Die ordnungsgemäße Einhaltung der Schmita ist seit 130 Jahren ein ständiges Diskussionsthema in der orthodoxen Gemeinschaft Israels. Die Regeln des Sabbatjahres – Schmita – verlangen von den Bauern, dass sie die Arbeit einstellen und ihre Felder mit all ihren Erzeugnissen für jedermann zugänglich machen. Doch die jüdischen Landwirtschaftsgemeinden, die Ende des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, waren besorgt, dass die Schmita ihre Lebensfähigkeit untergraben könnte. Sie waren der Meinung, dass sie es sich einfach nicht leisten konnten, das ganze Jahr über ihre Felder stillzulegen.

Damals wurde die Idee einer Heter Mechira erstmals von mehreren religiösen zionistischen Rabbinern vorgeschlagen und von Rabbiner Yitzchak Elchanan Spector, der obersten halachischen Autorität jener Zeit, befürwortet. Die Heter Mechira bedeutet „Erlaubnis durch Verkauf“. Es handelt sich um einen Mechanismus, bei dem die Felder für das Schmita-Jahr an Nicht-Juden verkauft werden, während der jüdische Landwirt dasselbe Feld weiter bearbeitet. Nach Beendigung des Schmita-Jahres kauft der jüdische Bauer das Feld zurück. Selbst innerhalb der religiösen zionistischen Gemeinschaft gab es scharfe Gegner der Heter Mechira. Der religiöse zionistische Pionier Rabbi Yechiel Michel Pines schrieb 1889 über die Einhaltung der Schmita:

„Das Gebot der Schmita ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Religion gewesen, ohne den wir nicht leben können. Und nun ist es Zeit für die erste Schmita in unseren Siedlungen, und plötzlich tauchen die Barmherzigen, die Söhne der Barmherzigen auf, die Mitleid mit den Siedlern haben, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen, und einen großen Wirbel machen, indem sie in der Welt nach einer Möglichkeit suchen, eine halachische Erlaubnis (zur Feldarbeit an) Schmita zu geben, und dem jüdischen Volk einen wesentlichen Bestandteil zu rauben.“

Diese leidenschaftlichen Worte unterstreichen, wie wichtig Schmita für das Judentum ist. Aber warum ist Schmita so wichtig? In den Kommentaren gibt es vier Theorien über den Zweck des Schmita-Jahres: Gottes Souveränität anzuerkennen, die Armen zu unterstützen, dem Bauern ein Sabbatjahr der Besinnung zu ermöglichen und das Land zu ehren und zu schützen. Am faszinierendsten ist, dass es für alle vier Theorien eine starke biblische Grundlage gibt.

Tausende religiöser Juden nehmen an einer Parade in der Jerusalemer Innenstadt teil, um die wenigen Bauern zu ehren, die das biblische Gebot der Schmita vollständig einhalten. Foto: Gershon Elinson/FLASH90

Die Tora beschreibt das Schmita-Jahr als Schabbat; Schmita ist auch das siebte Jahr, eine „Sieben“, genau wie Schabbat. Dies deutet darauf hin, dass der Zweck von Schmita, ähnlich wie beim Schabbat, darin besteht, Gottes Souveränität über die von ihm geschaffene Welt anzuerkennen. Der Talmud unterstreicht diesen Punkt, wenn er sagt: „Der Heilige, gepriesen sei Er, sagte zum jüdischen Volk: Pflanzt sechs Jahre lang und haltet euch im siebten Jahr zurück, damit ihr wisst, dass das Land mein ist.“

Im Schmita-Jahr geht es auch um die Bedeutung der Fürsorge für die Armen. In 2.Mose 23,11 sagt die Tora, dass die Schmita eine Zeit ist, in der die Landwirte ihre Felder für alle öffnen und „die Bedürftigen unter deinem Volk davon essen lassen, und was sie übrig lassen, sollen die wilden Tiere fressen“. Eine weitere Regel des Schmita-Jahres betrifft ebenfalls die Armen: Der Erlass von unbezahlten Krediten, um dem Schuldner zu ermöglichen, von seinen Schulden loszukommen. Wohltätigkeit ist einer der Hauptzwecke der Schmita.

Die Tora verbindet das Schmita-Jahr auch mit dem Studium und der Besinnung. Auf das Schmita-Jahr folgt die Mitzwa des Hachel; beim Hachel versammelt sich das ganze Volk im Tempel, um den König die gesamte Tora lesen zu hören. Die Verbindung von Hachel und Schmita hat mit der Bedeutung des Lernens zu tun. Ibn Esra vertritt die Theorie, dass Hachel zu Beginn des Schmita-Jahres stattfindet und ein Jahr des gemeinsamen Lernens einleitet; und wie der Schabbat soll auch Schmita dem Lernen gewidmet sein. (Im Gegensatz zu Ibn Esra sagt der Talmud, dass das Hachel direkt nach dem Ende des Schmita-Jahres stattfindet. Dennoch ist die Verbindung zwischen Schmita und Lernen klar.)

Schließlich beschreibt die Tora das Land Israel in einer Haltung, die sich nach der Schmita „sehnt“ (3.Mose 26:34) und das Land, das die Schmita „einhält“. Abravanel sieht darin die Absicht, die einzigartige Heiligkeit des Landes Israel hervorzuheben. Als heiliges Land muss es sich auch durch ein heiliges Schmita-Jahr auszeichnen. Die Heiligkeit des Landes Israel erfordert, dass das Land selbst seinen eigenen Sabbat hat und in einem Sabbatjahr ruht. Eine ganz andere, auf das Land bezogene Erklärung bietet der Rambam. Er erklärt, dass die Ruhezeit einen sehr praktischen Zweck hat, weil das Land „besser wird, wenn es für einige Zeit brach liegt“. Für den Rambam ist Schmita einfach gute Agronomie.

Warum nennt die Tora so viele verschiedene Zweckbestimmungen für Schmita? Vielleicht, weil diese vier Ideen zusammengenommen eine Vision von einer Rückkehr zur Utopie darstellen. Das Leben in der Landwirtschaft ist zermürbend und konkurrenzbetont und entfremdet den Landwirt sozial und geistig. Im Schmita-Jahr können die Landwirte ihr wahres Selbst zurückgewinnen. In diesem Jahr sind sie enger mit Gott, ihren Mitmenschen und sogar mit dem Land verbunden, das sie jeden Tag bewirtschaften. Rabbi Avraham Yitzhak Kook beschrieb die utopische Schönheit von Schmita folgendermaßen:

„Was Schabbat für den Einzelnen ist, ist Schmita für die ganze Nation. … Unser weltliches Leben mit seiner Mühsal, Angst, Wut und Konkurrenz kann (unsere) schöpferische Kraft nicht ganz auslöschen. An der Schmita kann unser reiner, innerer Geist offenbart werden, wie er wirklich ist.“

Doch trotz dieser tiefen Wertschätzung für die Schönheit der Schmita unterstützten Rabbi Kook und viele andere die Heter Mechira aufgrund der praktischen Probleme. In den ersten Jahren der landwirtschaftlichen Siedlungen gab es echte Bedenken, dass die Schließung der Höfe für ein Jahr zum Scheitern dieser Siedlungen führen könnte. Es wird heute darüber diskutiert, ob diese Bedenken im Jahr 2022 in einem Land mit einem gut entwickelten Agrarsektor noch relevant sind. Aber es spricht viel dafür, dass sie nach wie vor ein ernstes Problem darstellen. Heute hält sich nur ein kleiner Teil der Bevölkerung und ein noch kleinerer Teil der Landwirte an die Schmita. Wäre die Schmita für das ganze Land eine Realität, würde dies verheerende Folgen für die Wirtschaft haben. Bedenken Sie die Auswirkungen auf die Versorgungskette, wenn alle israelischen Bauernhöfe ein ganzes Jahr lang stillstehen und neue Quellen für alle landwirtschaftlichen Produkte gefunden werden müssten. Diejenigen, die die Schmita strikt einhalten, müssen denen, die es nicht tun, eigentlich dankbar sein, denn sonst gäbe es an jeder Schmita eine unkontrollierbare Inflation und ständige Knappheit.

Siehe: Können israelische Landwirte heute noch Gottes Gebote befolgen?

Israelische Schulkinder nehmen an einer religiösen Zeremonie zum Ende des Schmita-Jahres teil. Foto: Gershon Elinson/Flash90

Obwohl die Rabbiner, die die Heter Mechira vorschlugen, von praktischen Erwägungen geleitet wurden, stand ihre Entscheidung auf solidem halachischem Boden. Der Status der Schmita in der heutigen Zeit ist nicht ganz klar. Die meisten mittelalterlichen Autoren sind der Ansicht, dass sie nach der Zerstörung des Tempels nur rabbinischer Natur ist, und einige sehen sie sogar als bloßen Brauch an. Darüber hinaus wurde nach den Jahren des Exils unklar, welches Jahr eigentlich das Schmita-Jahr ist, und es gibt mehr als eine Möglichkeit, die sieben Jahre zu zählen. Aus diesem Grund geht jedes Schmita-Jahr mit einer gewissen Portion Zweifel einher. Aufgrund dieser Faktoren hielten es die Befürworter der Heter Mechira für akzeptabel, die Schmita indirekt durch den Verkauf von Ackerland an einen Nicht-Juden zu umgehen. Diese Entscheidung war jedoch von Anfang an umstritten, und die Debatte dauert bis heute an.

Die Heter Mechira-Debatte ist mit zahlreichen anderen Debatten innerhalb der orthodoxen Gemeinschaft verwoben. Sollten praktische Belange die Beziehung zu wichtigen religiösen Zielen bestimmen? Welche Bedeutung haben der jüdische Nationalismus und ein säkularer jüdischer Staat in der Halacha? Wie verhalten wir uns zu Bauern, die säkular sind und die Halacha nicht befolgen wollen? All diese Debatten stehen auf dem Fundament früherer mittelalterlicher Debatten über Körper und Seele: „Wenn es kein Mehl gibt, gibt es auch keine Thora, und wenn es keine Thora gibt, gibt es auch kein Mehl“.

Ich persönlich würde behaupten, dass die Heter Mechira-Debatte auch etwas anderes ist. Sie ist ein Zusammenstoß zwischen zwei Utopien: der Utopie des Tanach und der Utopie des einfachen Juden. Die biblische Utopie ist die Schmita, in der die Menschheit in den Garten Eden zurückkehrt und die ursprünglichen Ideale der Schöpfung verwirklicht. Dies ist ein inspirierendes Ziel, aber in der Realität bleibt es außerhalb unserer Reichweite. Heute wird die Schmita nur von einer winzigen Gruppe von Landwirten praktiziert, die durch Spenden unterstützt werden. Die traurige Ironie besteht darin, dass es nicht mehr die reichen Bauern sind, die die Armen während der Schmita unterstützen, sondern es sind die Bauern, die während der Schmita die Unterstützung anderer brauchen.

Es gibt jedoch noch eine andere Utopie – die des einfachen Juden. 2000 Jahre lang träumte er davon, aus dem Exil zurückzukehren und ein eigenes Haus in seiner Heimat zu bewohnen. Diese praktische nationalistische Vision ist in Wirklichkeit eine zutiefst religiöse. Sie ist eine messianische Vision von „v’shavu banim l’gvulam“, „die Kinder werden heimkehren“. Durch die Straßen Israels zu gehen und einen blühenden, lebendigen jüdischen Staat zu sehen, war in den 1800er Jahren nur ein Traum; und für den einfachen Juden ist Israel eine wahre Utopie. Nach einer Reise von zwei Jahrtausenden empfindet der einfache Jude Israel als ein Stück vom Himmel, wo jede Frucht süßer schmeckt, jeder Tag schöner ist als der nächste und jedes Kind etwas Besonderes ist. Die Heter Mechira ist dazu da, den Staat Israel, die Utopie des einfachen Juden, zu unterstützen und zu stärken.

Für diejenigen unter uns, die sich auf die Heter Mechira verlassen, ist es entscheidend, dass wir nicht zulassen, dass der Pragmatismus unseren Idealismus trübt. Selbst wenn uns die Utopie der Shmita entgeht, müssen wir eine Utopie annehmen, die wir allzu oft als selbstverständlich ansehen: den Staat Israel.

 

Rabbiner Chaim Steinmetz ist der leitende Rabbiner der Gemeinde Kehilath Jeshurun in New York.

Dieser Artikel wurde ursprünglich vom Jewish Journal veröffentlicht.

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