In unserem Thora-Wochenabschnitt „Wajechi“ lesen wir von einer merkwürdigen Situation. Die Familie Jakobs befindet sich seit 17 Jahren in Ägypten und der alte Patriarch ist kurz davor, aus dem Leben zu schreiten. Joseph, der Premierminister Ägyptens, erfährt davon und kommt mit seinen zwei Söhnen Menasche und Ephraim zum Großvater in die Provinz Goschen:
„Als aber Israel die Söhne Josephs sah, fragte er: Wer sind diese? Joseph antwortete: Es sind meine Söhne, die mir Gott hier geschenkt hat! Er sprach: Bringe sie doch her zu mir, dass ich sie segne! Denn Israels Augen waren vom Alter kurzsichtig geworden, dass er nicht mehr gut sehen konnte. Als er sie nun zu ihm brachte, küsste und umarmte er sie.
Und Israel sprach zu Joseph: Dass ich dein Angesicht noch sehen darf, darum hätte ich nicht zu bitten gewagt; und nun, siehe, hat mich Gott sogar deine Nachkommen sehen lassen!
Und Joseph nahm sie von seinen Knien und warf sich auf sein Angesicht zur Erde nieder. Danach nahm Joseph sie beide, Ephraim in seine Rechte, zur Linken Israels, und Menasche in seine Linke, zur Rechten Israels, und brachte sie zu ihm. Da streckte Israel seine Rechte aus und legte sie auf Ephraims Haupt, obwohl er der Jüngere war, seine Linke aber auf Menasches Haupt, indem er so seine Hände kreuzte, obwohl Menasche der Erstgeborene war…
Als aber Joseph sah, dass sein Vater die rechte Hand auf Ephraims Haupt legte, missfiel es ihm; darum ergriff er die Hand seines Vaters, um sie von Ephraims Haupt auf Menasches Haupt zu wenden. Dabei sprach Joseph zu seinem Vater: Nicht so, mein Vater; denn dieser ist der Erstgeborene; lege deine Rechte auf sein Haupt!
Aber sein Vater weigerte sich und sprach: Ich weiß es, mein Sohn, ich weiß es wohl! Auch er soll zu einem Volk werden, und auch er soll groß sein; aber doch soll sein jüngerer Bruder größer werden, und sein Same wird eine Menge von Völkern sein! So segnete er sie an jenem Tag und sprach: Mit dir wird man sich in Israel segnen und sagen: Gott mache dich wie Ephraim und Menasche! So setzte er Ephraim dem Menasche voran.“ (1. Mose 48: 17-20)
Der Segen heute
Die oben beschrieben Szene spielte sich vor etwa 3500 Jahren ab und heute segnen wir unsere Kinder immer noch mit den Worten unseres Vorvaters. Im Gebetsbuch ist der Segen ausformuliert, er wird zu Beginn des Schabbats gesprochen, wenn der Vater am Freitagabend von der Synagoge nach Hause kommt. Der Vater legt seinem Sohn die Hand auf den Kopf, wie es Jakob getan hat und sagt:
Yesimcha Elohim ke-Ephraim ve-chiMenashé – Möge Gott dich machen wie Ephraim und wie Manasche
Zu einem Mädchen sagt der Vater jedoch:
Möge Gott dich machen wie Sara, Rebekka, Rachel und Lea.
Nach dieser Formel sagt der Vater zu beiden den priesterlichen Segen, mit dem Aron das Volk in der Wüste segnete:
Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.
Der HERR erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden.
Die Verbindung
Ob dieser Segen bereits von Ephraim und Menasche selbst gesprochen wurde, wissen wir nicht. Sicher ist jedoch, dass Segnungen für Kinder bereits im Talmud thematisiert werden.
Ist es nicht unglaublich, dass wir diesen Segen nach so langer Zeit noch sprechen? Nach den Jahrtausenden im Exil, mit all seinen Pogromen und Vertreibungen halten Juden weiterhin am Gebot des Vorvaters fest.
Wie so viele jüdische Traditionen hat dieser Segen jedoch auch eine spürbare positive Wirkung. Wenn ich am Freitagabend von der Synagoge nach Hause komme und sehe, wie der Tisch schön gedeckt ist, die Kinder hübsch angezogen sind und es nach leckerer Challah und Hühnersuppe riecht, ist dieser Segen eines der ersten Dinge, die ich tue.
Zuerst lege ich unserem Teenager-Sohn die Hand auf den Kopf (ich muss mich dafür mittlerweile weit nach oben strecken) und segne ihn. Als er noch klein war, drehte er sich im Kreis wie ein Dreidel und ich gab ich ihm danach eine Umarmung.
Danach segne ich meine drei Töchter. Ich lege jeder die Hand auf den Kopf, spreche den Segen und weil sie süße Mädchen sind, nehme ich sie fest in den Arm und drücke sie.
Ich habe von Leuten gehört, für die diese Interaktionen eine ihrer Lieblings-Kindheitserinnerungen sind und ich kann das sehr gut verstehen. Es ist ein Moment, in dem der Vater seine Kinder mit Liebe überflutet, denn die Kinder spüren es, wenn der Vater es ernst meint. Und wie kann man diesen Segen an seine Kinder nicht ernst meinen?
Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.
Der HERR erhebe sein Angesicht zu dir und gebe dir Frieden.
Zwischen allen täglichen Interaktionen mit den Kindern, Essen, Aufräumen, Zähne putzen, Hausaufgaben machen und so weiter, ist es dieser Moment, in dem ich ihnen sagen kann, was ich ihnen wirklich die ganze Zeit sagen will.
Der Vater spürt das und die Kinder spüren das, es ist der perfekte Auftakt in den Schabbat, bei dem die Familie zusammensitzt und zusammenwächst.




