Vor einigen Wochen erhielt ich eine Einladung der norwegischen Botschaft zu einer Veranstaltung in der Nationalbibliothek Israels. Im Mittelpunkt stand der von der norwegischen Regierung ausgearbeitete „Action Plan against Antisemitism 2025–2030“ – ein Maßnahmenpaket, mit dem Norwegen Antisemitismus in Gesellschaft, Bildung und öffentlichem Diskurs begegnen will. Ein Thema, das auf dem Papier klar strukturiert ist – und sich im Alltag jüdischen Lebens bewähren muss.
Die Veranstaltung fand am 14. Dezember 2025 in der Nationalbibliothek Israels statt. Es war eine sachliche Diskussion, und doch war spürbar, dass es um mehr ging als um Konzepte und Programme. Unter dem Titel „Antisemitism in Norway: Facts and Policies“ kamen Vertreter der norwegischen Politik, der jüdischen Gemeinschaft und internationale Experten zusammen – vor dem Hintergrund des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023 und der seither veränderten öffentlichen Debatten.
Der norwegische Botschafter in Israel, Per Egil Selvaag, eröffnete die Veranstaltung mit der Feststellung, dass Antisemitismus auch in Norwegen kein abgeschlossenes Kapitel sei. Es gehe dabei nicht allein um den Schutz einer Minderheit, sondern um den Zustand einer demokratischen Gesellschaft insgesamt. Die Regierung setze auf Aktionspläne, Bildung und internationale Zusammenarbeit.
Deutlich wurde jedoch auch, dass zwischen politischen Strategien und gelebter Realität Spannungen bestehen. Besonders eindrücklich sprach Rabbi Joav Melchior, Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Oslo, über den Alltag jüdischer Familien seit dem 7. Oktober. Er schilderte zerbrochene Freundschaften, Verunsicherung in Schulen und einen wachsenden Rechtfertigungsdruck. Jüdische Identität, so seine Beobachtung, sei zunehmend politisch aufgeladen.
Der 7. Oktober sei für Juden kein politisches Ereignis gewesen, sondern ein Einschnitt. Während Trauer und Angst den jüdischen Alltag prägten, habe sich der öffentliche Diskurs rasch in politische Schuldzuweisungen verschoben. Die Erfahrungen aus Norwegen erinnerten dabei an Entwicklungen, die auch aus anderen europäischen Ländern bekannt sind.
Weitere Wortmeldungen machten deutlich, dass Antisemitismus heute seltener offen auftritt, dafür umso stärker im gesellschaftlichen Klima wirkt – in Sprache, Haltungen und Erwartungen. Die Diskussion in Jerusalem zeigte, wie eng politische Konzepte, öffentlicher Diskurs und das Sicherheits- und Zugehörigkeitsgefühl jüdischer Gemeinschaften miteinander verbunden sind.
Mit der Veranstaltung in Jerusalem, dem norwegischen Aktionsplan gegen Antisemitismus und den Fragen, die dabei sichtbar wurden, werde ich mich in der nächsten Ausgabe von Israel Heute ausführlicher befassen.




