Nach fast zwei Jahren Geiselhaft durch die Hamas steht Israel vor einem historischen Moment: Wenn alles nach Plan läuft, sollen bis Montagmorgen, den 13. Oktober, um 6 Uhr, alle noch in Gaza festgehaltenen israelischen Geiseln – lebend oder tot – in ihre Heimat zurückkehren.
Wie der israelische Sender Kan Reshet Bet, Al Jazeera und mehrere internationale Medien berichten, wurde dieser Zeitpunkt in einem Dokument festgelegt, das die Umsetzung des sogenannten „Trump-Plans“ zur Beendigung des Gaza-Krieges regelt. Der Plan sieht nicht nur die Rückführung der Entführten, sondern auch einen umfassenden Waffenstillstand und den Beginn des Wiederaufbaus im Gazastreifen vor.
Rückkehr ohne Inszenierung
Anders als bei früheren Geiselaustauschen soll es diesmal keine öffentlichen Übergabezeremonien geben. Die Rückkehr der 48 israelischen Geiseln – darunter 20 lebende und 26 Tote – soll diskret und würdevoll erfolgen. Zwei weitere Personen gelten weiterhin als vermisst. Unter den zu überführenden Leichnamen befindet sich auch IDF-Leutnant Hadar Goldin, der 2014 im Gazakrieg gefallen war.
Parallel dazu werden laut Al Jazeera und The Jerusalem Post bereits ab Sonntag erste Freilassungen möglich sein. Das Rote Kreuz koordiniert die Übergabe an israelische Behörden an Grenzübergängen. Gleichzeitig sollen täglich mindestens 600 Lastwagen mit Hilfsgütern in den Gazastreifen gelangen. Die Operation steht unter Aufsicht der Vereinten Nationen und weiterer internationaler Organisationen.

Gefangenenaustausch unter internationaler Aufsicht
Teil des Abkommens ist auch ein umfangreicher Gefangenenaustausch. Israel erklärte sich bereit, 250 palästinensische Langzeithäftlinge sowie weitere 1.700 Gazaner, die während der Kämpfe festgenommen wurden, freizulassen – allerdings erst, nachdem alle israelischen Geiseln zurückgeführt sind. Eine ägyptische Delegation und Vertreter des Roten Kreuzes werden den Ablauf in israelischen Haftanstalten überwachen.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP schließt die Vereinbarung ausdrücklich den populären Fatah-Führer Marwan Barghouti von der Freilassung aus. Israel lehnt es ab, den politisch einflussreichen Gefangenen freizugeben, da dies als innenpolitisch riskant gilt und den innerpalästinensischen Machtkampf neu entfachen könnte.

Trump: „Die Rückführung hat begonnen“
US-Präsident Donald Trump, der das Abkommen persönlich vermittelt hat, erklärte am Freitag im Weißen Haus, die Hamas „gräbe sie jetzt aus, lebend und tot, während wir sprechen“. Nach seinen Worten würden etwa 28 Leichname geborgen.
Trump lobte die Einigung als „ewigen Erfolg“ und sagte, die Israelis hätten nach der Bekanntgabe „auf den Straßen getanzt“ – ebenso wie Menschen in Katar, Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten. Er kündigte an, in den Nahen Osten zu reisen, um in der Knesset zu sprechen und anschließend möglicherweise Kairo zu besuchen. „Alle wollen, dass dieses Abkommen gelingt“, so Trump. „Gaza wird wieder aufgebaut, und die Region sehnt sich nach Frieden.“
Amerikanische Koordination vor Ort
Der US-Sondergesandte für den Nahen Osten, Steve Witkoff, wurde laut Fox News und Reuters auf einem Stützpunkt der israelischen Armee in Gaza gesichtet, wo er die Umsetzung des Waffenstillstands und den geplanten Rückzug israelischer Truppen begleitete. Auch Admiral Brad Cooper, Kommandeur des US-Zentralkommandos (CENTCOM), bestätigte seine Anwesenheit und kündigte die Einrichtung eines zivil-militärischen Koordinationszentrums (CMCC) an, das die Stabilisierung Gazas nach dem Krieg koordinieren soll.
Cooper betonte, dass keine US-Soldaten in Gaza stationiert werden, die Unterstützung erfolge ausschließlich beratend und logistisch. Ziel sei es, „den historischen Moment zu nutzen, um nachhaltige Sicherheit und Wiederaufbau zu ermöglichen“.

Warum Hamas jetzt einlenkt
Laut einer Reuters–Analyse entschied sich die Hamas trotz der massiven Verluste – rund 58.000 Kämpfer sollen seit Beginn des Krieges getötet worden sein – zur Einwilligung in das Abkommen, um internationale Unterstützung zu sichern und einen vollständigen Zusammenbruch ihrer Strukturen zu verhindern. Die Organisation stehe „unter extremem Druck, die Geiseln lebend oder tot zu übergeben“, zitierte die Agentur einen anonymen ägyptischen Vermittler.
Gleichzeitig kehren, wie Reuters und AP News berichten, immer mehr Palästinenser in die Ruinen ihrer Häuser im südlichen Gazastreifen zurück, während israelische Truppen ihre Stellungen entlang des sogenannten Netzarim-Korridors räumen. Viele Menschen suchten nach Habseligkeiten oder den Leichen von Angehörigen. Trotz vereinzelter Zwischenfälle hält der Waffenstillstand bislang.

Hoffnung und Skepsis
Ob das Abkommen hält, bleibt offen. Israel hat erlebt, wie frühere Vereinbarungen mit der Hamas scheiterten oder nur teilweise umgesetzt wurden. Auch die Frage, wer künftig den Gazastreifen verwalten wird, ist ungeklärt.
Dennoch markiert dieser Moment einen historischen Wendepunkt. Zwei Jahre und eine Woche nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023, bei dem Hamas-Terroristen rund 1.200 Menschen ermordeten und 251 verschleppten, scheint der längste Albtraum vieler israelischer Familien zu enden.




