Wochenlesung – פִּינְחָס – Pinchas – Pinehas ; 4.Mose 25,10 – 30,1 ; 1.Könige 18,46 – 19,1 – 21
Mose wird von Gott aufgefordert, das Land zu sehen, aber nicht zu betreten. Wer spricht diesmal wen an, was bisher nicht üblich war? Und was er sagt, ist groß, er bittet um einen Nachfolger. Einen, der mit dem Volk geht, es führt und schützt, wie ein Hirte seine Herde. In diesem Moment zeigt sich Moses wahre Größe: Nicht Macht ist sein Anliegen, sondern Fürsorge. Ein Anführer, der das Volk nicht braucht, um sich selbst zu erhöhen, sondern der sich selbst zurücknimmt, damit andere weitergehen können.
Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.
Diese Parascha befasst sich mit der Zählung der Stämme und der Aufteilung des Landes in Erbteile. Und genau am Ende dieser Aufteilung wird Mose aufgefordert, auf den Berg zu steigen, das Land zu sehen und erneut Gottes Worte zu hören: „Dein Tag ist nah. Auch du wirst – wie dein Bruder Aaron– nicht ins Land hineinkommen, weil ihr meinem Wort widersprochen habt in der Wüste Zin, beim Streit der Gemeinde, als ihr mich vor ihren Augen am Wasser nicht geheiligt habt. Das sind die Haderwasser von Kadesch in der Wüste Zin.“ Dieses bittere Wasser, sein Geschmack ist noch nicht vergangen. Es sickert immer noch durch die Geschichte des Volkes, und nun nimmt es auch den großen Anführer mit sich, ans Ende seines Weges.
In Reaktion auf Gottes Anweisung spricht Mose zu Ihm, verewigt in einem einzigartigen Vers, wie es ihn im Wort Gottes kein zweites Mal gibt: „Und Mose redete zu dem Ewigen und sprach.“ Man beachte, es gibt hier eine Umkehrung der Rollen. Anstelle der üblichen Formulierung „Und Gott sprach zu Mose“ haben sich hier Sprecher und Hörer vertauscht. Dieser Vers verleiht Mose einen gewaltigen Raum und Gewicht, er steht hier beinahe auf Augenhöhe mit Gottes Worten. Und welche Worte wählt Mose, nachdem er Gottes Urteil vernommen hat? Sie bilden einen weiteren einzigartigen Vers: „Der HERR, der Gott der Geister alles Fleisches, wolle einen Mann über die Gemeinde setzen, der vor ihnen aus und eingehe und sie aus und einführe, dass die Gemeinde des HERRN nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben!“ Mose bittet nicht darum, seine Position zu behalten, er fleht nicht um einen Aufschub, er bittet um einen Nachfolger.
Und was macht einen Anführer nach Moses Vorstellung aus? Ein Mensch, der vor dem Volk her auszieht, auf den Weg, in den Kampf, in den Krieg, der aber auch dafür sorgt, dass sie heil wieder zurückkehren. Wie aktuell und relevant ist dieses Führungsbild, in unseren Tagen eines endlosen Krieges, in Zeiten schmerzhafter gesellschaftlicher Spaltung über eben diesen Krieg, in Tagen einer Führung, deren Legitimität von vielen in Zweifel gezogen wird.
Mose fügt hinzu: „Damit die Gemeinde des Ewigen nicht sei wie eine Herde, die keinen Hirten hat.“ Spürt ihr, wie ergreifend dieser Vers ist? Ein Volk ohne Anführer ist wie Schafe ohne Hirten. Genauso sieht Mose seine Rolle. Ein Hirte. Nicht ein wichtiger Mann. Nicht der Augapfel Gottes. Nicht einer, der mit Gott von Angesicht zu Angesicht spricht. Nicht jemand, der glaubt, über allen zu stehen. Mose sieht sich als jemand, der diese gewaltige Herde, das Volk Israel, sicher zu seinem Erbteil führt.
Wenn wir von einer der höchsten menschlichen Eigenschaften sprechen, der Demut, dann ist genau das damit gemeint. Das ist Moses Demut. Und das ist zugleich seine Größe. Ein wahrer Anführer. Er ist kein Fanatiker, kein Kriegstreiber, er sucht nicht die Provokation, und er ist sicher keiner, der seinen Namen groß machen will. Mose ist ein Führer, der sich um seine Menschen sorgt. Er kennt ihr Herz, er weiß ihre Seelen zu stärken, und sein ganzes Streben ist, dass am Ende der Reise jeder in seinem Land und in seinem Erbteil sein kann – in Zugehörigkeit und Sicherheit. Und da er selbst es nicht mehr sein wird, ist es ihm ein tiefes Anliegen, den Besten auszuwählen, der den Weg mit dem Volk fortsetzen kann.
Der Erwählte ist Josua, „ein Mann, in dem Geist ist.“ Mose legt ihm seine Hände auf und überträgt ihm von seiner Ausstrahlung, damit, wenn das Volk Israel ins Land einzieht, Gottes Tora und seine Würde im neuen Anführer widerstrahlen, in Josua. Es wird gut sein, aber es wird nicht dasselbe sein.
Man könnte an dieser Stelle eine Debatte über heutige Führung beginnen, in Israel und in der Welt, doch dieses Thema ist mir zu groß. Stattdessen bleibe ich lieber auf der persönlichen Ebene, wo jeder Mensch ein kleiner Anführer ist. Jeder ist Führer seines eigenen Lebens. Eine ehrliche, aufrichtige Betrachtung dieses Ortes kann Fragen aufwerfen, beispielsweise: Wie führe ich mein Leben? Wie führe ich meine Familie? Spiegeln sich in mir Würde und Segen? Bin ich im Einklang mit meiner inneren Stimme? Kenne ich mein Mitgefühl, meine Sensibilität? Habe ich die Kraft, in meinem Leben mutige Entscheidungen zu treffen?
Diese Fragen helfen uns, uns selbst und unsere Nächsten näher kennenzulernen. Sie lassen uns nachdenken, unterscheiden, zwischen Nebensächlichem und Wesentlichem. Und je mehr wir uns darin üben, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen, desto mehr wird Gottes Licht und Würde in uns erscheinen und gegenwärtig sein.
Schabbat Schalom!
Schabbatzeiten in Israel (Ortszeit) :
- Jerusalem – Beginn 19:04, Ausgang 20:26
- Tel Aviv – Beginn 19:27, Ausgang 20:28
- Haifa – Beginn 19:18, Ausgang 20:29
- Beersheva – Beginn 19:25, Ausgang 20:26
- Eilat – Beginn 19:10, Ausgang 20:20
Wenn ihr mehr über die Wochenabschnitte lesen möchtet, könnt ihr mein Buch „Und wählt das Leben“ erwerben.




