Die jüngste Ablehnung eines israelischen Teilangebots für einen Waffenstillstand und die Freilassung von rund zehn israelischen Geiseln durch die Hamas ist laut früheren Verteidigungsoffizieren ein kalkulierter Versuch, das langfristige Überleben der Terrororganisation zu sichern – indem Israel gezwungen wird, den Krieg zu Bedingungen der Hamas zu beenden.
Im Zentrum dieser Strategie steht eine islamistisch-dschihadistische Ideologie, die die Zerstörung Israels zum Ziel hat, sowie das taktische Gebot, um jeden Preis an der Macht im Gazastreifen zu bleiben.
Shalom Arbel, ehemaliges ranghohes Mitglied des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet, der zwischen 1988 und 2013 unter anderem für die Anwerbung menschlicher Quellen zuständig war und zuvor als Major der IDF-Reserve im Libanon, im Gazastreifen sowie im sogenannten Westjordanland diente, erklärte: „Was sie antreibt, ist ihre Agenda. Es ist die Strategie der Hamas – im Kern die Strategie der Muslimbruderschaft.“
Arbel weiter: „Ihr höchstes Ziel ist die Zerstörung des Staates Israel. Sie wollen dieses Land, das sie als islamisches Waqf-Gebiet betrachten – also als unveräußerliches islamisches Gebiet – zurückerobern. Sie glauben, alles tun zu müssen, um Israel zu bekämpfen, es zu schwächen, es ausbluten zu lassen.“
Teillösungen, so Arbel, dienten nicht dem strategischen Interesse der Hamas: „Teilabkommen bedeuten, dass Israel Geiseln zurückbekommt – das ist Israels sogenannte weiche Stelle. Israel bekommt Geiseln, gibt dafür Gefangene frei, die aus israelischer Sicht keinen großen Wert haben, da man sie wieder festnehmen kann.“
Hamas befürchtet, dass ein solches Arrangement Israel erlaube, die Militäroperationen nach einer Pause fortzusetzen, bis Hamas vollständig zerschlagen sei – ein Szenario, das die Organisation um jeden Preis vermeiden wolle.
Stattdessen beharre die Hamas nun auf einem umfassenden Abkommen, so Arbel, da sie glaube, nur ein solches mit internationalen Garantien könne ihr Überleben sichern.
„Sie wollen ein vollständiges Abkommen, das Israel dazu bringt, sich ein Kriegsende vorzustellen. Und zwar eines mit internationaler Absicherung, das Israel nicht brechen kann“, sagte er.
Die Stimmen in Israel, die ein solches Abkommen fordern und meinen, man könne danach den Krieg schnell wieder aufnehmen, würden laut Arbel die Lage zu sehr vereinfachen.
„Die Hamas ist nicht dumm. Sie ist raffiniert und hinterlistig. Das ist Teil ihrer Agenda. Ihr Ziel ist es, ernsthafte Garantien zu bekommen, die ihr Überleben sichern“, warnte er.
Für Hamas seien die Geiseln lediglich ein Druckmittel, um ihr Überleben zu sichern, so Arbel weiter. Der Krieg würde in ein paar Jahren erneut aufflammen, sobald Hamas sich neu aufgestellt habe. In diesem Fall würde die Organisation auch in anderen Regionen wie dem sogenannten Westjordanland deutlich an Einfluss gewinnen.
Die katastrophalen Folgen des Krieges für Gaza seien für Hamas nebensächlich, da allein das dschihadistische Endziel zähle. „Die Getöteten gelten als Märtyrer. Die Zurückgebliebenen sollen laut Hamas das Land Israel befreien.“
„Hamas behandelt die Geiseln wie Ware“, sagte Arbel. Die Terrororganisation habe in der Vergangenheit nicht einmal grundlegende Informationen über deren Zustand preisgegeben. „Jetzt tun sie das ‚kostenlos‘ – um die israelische Öffentlichkeit zu manipulieren.“
Oberstleutnant a.D. Jonathan D. Halevi, Nahost- und Islamismus-Experte am Jerusalem Center for Security and Foreign Affairs sowie Mitbegründer der Orient Research Group, erklärte: „Die Formulierung ‚alle für alle‘ hat es nie gegeben. Das ist eine Verdrehung. Für Hamas gilt: alle im Austausch gegen alles.“
Halevi nannte die zentralen Forderungen der Hamas: vollständiger Abzug der IDF, einschließlich der Sicherheitszone, Aufhebung der Blockade, internationale Garantien gegen weitere israelische Militäreinsätze sowie umfassender Wiederaufbau des Gazastreifens – inklusive der Hamas-Infrastruktur.
Diese Strategie solle ein Narrativ des dschihadistischen Sieges erzeugen, das weit über Gaza hinaus Wirkung entfalten werde, warnte Halevi. „Ein Hamas-Sieg hätte Auswirkungen auf die gesamte Region.“
Er erklärte, Hamas spiele auf Zeit, um durch internationalen Druck die israelische Öffentlichkeit zu spalten.
„Ihr Ziel ist es, Druck auf Netanjahu auszuüben, damit er ihre Bedingungen akzeptiert. Das tun sie über Geiselfamilien, über Demonstrationen. Die Botschaften auf beiden Seiten ähneln sich zunehmend“, sagte er. Hamas übernehme gezielt Anti-Netanjahu-Parolen aus israelischen Protesten für ihre Kampagne.
„Die israelische Sicht ist zu eng. Sie sieht nur das Problem Gaza. Das ist ein Trugschluss. Hamas könnte jederzeit die Freilassung von Geiseln stoppen – etwa wegen israelischer Aktivitäten auf dem Tempelberg oder in Hebron“, so Halevi.
Laut kürzlich übersetzten Hamas-Dokumenten habe der getötete Hamas-Anführer Yahya Sinwar die israelischen Proteste gegen Netanjahu als „grünes Licht der US-Regierung“ interpretiert, um diesen zu stürzen.
Unterdessen flog die IDF in der Nacht umfangreiche Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen, insbesondere in Gaza-Stadt, Chan Junis und Rafah. Dabei wurden gezielt Baumaschinen ausgeschaltet, die von Hamas für den Tunnelbau genutzt wurden.
In einer Analyse vom 21. April am Jerusalem Institute for Strategy and Security erklärten Oberst a.D. Prof. Gabi Siboni und Brigadegeneral a.D. Erez Winner, dass Hamas den 7. Oktober 2023 als Modell für künftige Angriffe betrachte.
„Hamas arbeitet bereits am nächsten 7. Oktober“, schrieben sie. „Sie sehen den Angriff als großen Sieg und sind unbeeindruckt vom Preis, den sie oder die Bevölkerung Gazas zahlen mussten.“
Die Autoren erklärten, Hamas habe sowohl Israels Vorschlag als auch den sogenannten Witkoff-Plan der USA abgelehnt. Dieser hätte die Rückgabe etwa der Hälfte der verbleibenden 59 Geiseln – lebend oder tot – im Austausch gegen eine Feuerpause vorgesehen.
Sie forderten die vollständige militärische Kontrolle Israels über den Gazastreifen. Nur so ließen sich die Kriegsziele erreichen, nämlich die vollständige Zerschlagung der militärischen und politischen Strukturen der Hamas.
Das sei entscheidend, um nicht nur die Sicherheit im Süden zu gewährleisten, sondern auch zu verhindern, dass Hamas den Krieg als Sieg darstellen könne – was andernfalls zu weiterer Radikalisierung in Judäa und Samaria führen würde.




