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Gedanken zum Schabbat

Wählen ist oft nicht leicht. Oft wählen wir auch nicht das Richtige, was wir immer erst im Nachhinein erfahren. Aber das ist das Leben, das Gott uns geschenkt hat. Wir dürfen wählen und in dieser Wochenlesung geht es darum.  

Wochenlesung –  נִצָּבִים – Nizawim – Ihr steht ; 5.Mose 29,10 – 30,20 ; Jesaja 61,10 – 63,9

 


Ein paar „Gedanken zum Schabbat“. In den fünf Büchern Mose wird die Geschichte des Volkes Israel geschildert, von der Erschaffung der Welt bis zur Erlösung im Gelobten Land, das Gott Abraham verheißen hat. Diese fünf Bücher sind in Wochenlesungen eingeteilt. Vor 25 Jahren hat mein Vater Ludwig Schneider zu den 54 Wochenlesungen das Buch „Schlüssel zur Thora“ geschrieben. Ein messianischer Leidfaden quer durch die Thora. Die Thora hat 70 Gesichter, heißt es im Hebräischen. Einige dieser Facetten möchte ich aufzeigen, um die Sicht noch zu erweitern. Die Wochenlesungen der Thora öffnen uns die Augen und das Herz für das gesamte Wort Gottes, die Bibel. Die Thora wirft ein Licht auf den gesamten biblischen Text, und so entdecken wir jedes Mal etwas Neues, was uns zum Nachdenken anregt und die Bibel relevant und lebendig macht.  


 

Die Parascha Nizawim ist die kürzeste in der Tora, aber auch eine der beeindruckendsten. „Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gott, eure Häupter, eure Stämme, eure Ältesten und eure Vorsteher, alle Männer Israels.“ So beginnt Mose diese letzte Parascha, die den Segnungen und Flüchen folgt. Er spricht zu allen Israeliten, ohne Unterschied von Geschlecht, Alter, Status oder Stamm. „Ihr steht heute alle vor dem Ewigen, eurem Gott.“ Alle – wir alle. Mose betont das gemeinsame Stehen, wir stehen alle zusammen, aufrecht und vereint wie ein Bündel Ähren, dessen Stärke in seiner Einheit liegt.

Das Ziel dieses gemeinsamen Auftretens ist es, einen erneuerten Bund mit Gott zu schließen. Einen Bund, in dem Gott das Volk Israel als sein Volk erwählt und das Volk Israel Gott als seinen Gott. Kurz bevor sie das Land Israel betreten, erinnert Mose das Volk an die Bedeutung der Zusammenarbeit und der gegenseitigen Verantwortung. Um ein freies Volk im eigenen Land zu sein, kann man nicht als Einzelner leben, es gibt keinen Platz für „jeder handelt nach eigenem Gutdünken.“ Im Land zu leben bedeutet, gegenseitige Rücksichtnahme zu üben und ein gemeinsames Gedächtnis zu pflegen.

„Denn ich schließe diesen Bund und diesen Eid nicht mit euch allein, sondern sowohl mit euch, die ihr heute hier seid und mit uns stehet vor dem HERRN, unserm Gott, als auch mit denen, die heute nicht bei uns sind.“ Dieser erneuerte Bund schließt auch jene ein, die heute nicht mehr unter uns sind, aber durch deren Bemühungen wir unser Land, unsere Unabhängigkeit und unsere Erfolge erreicht haben. Diejenigen, die nach Ägypten zogen, die Sklaven waren, die 40 Jahre in der Wüste umherzogen und uns den Weg geebnet haben – sie alle haben einen Platz der Ehre und der Teilhabe an unserem Bund mit Gott. Wie damals, so auch heute.

Am Vorabend von Rosch Haschana, dem Beginn des neuen jüdischen Jahres, stehen wir alle gemeinsam vor dem neuen Jahr. Auch wir, wie das Volk, das am Jordan steht und das verheißene Land erblickt, stehen am Ende einer schwierigen Zeit voller Herausforderungen und umgeben von zahlreichen Feinden an unseren Grenzen. Doch wir glauben an den Beginn einer neuen Ära.

Auch wir stehen heute vor einem erneuerten Bund mit Gott. An Rosch Haschana und Jom Kippur bitten wir, wieder Sein Volk zu sein und wir suchen nach unserer Beziehung zu Gott. Welchen Bund schließen wir mit Gott? Ist es ein Bund, der auf Liebe beruht? Auf Vertrauen? Auf Angst? Auf Ehrfurcht oder Besorgnis? Ist es ein Bund, der auf Glauben basiert oder auf Gleichgültigkeit? Auf Nähe oder auf Ablehnung? Wie sieht unser Bund mit Gott aus? Und wie würden wir uns wünschen, dass er aussieht?

Und das neue Jahr, das vor uns liegt – wie werde ich ihm gegenübertreten? Werde ich gebeugt und traurig stehen? Mit einem schweren Herzen voller Schmerz? Werde ich es mit Angst, Misstrauen oder Ablehnung empfangen? Oder vielleicht werde ich aufrecht stehen, mit erhobenem Kopf, offenem Herzen, voller Neugier, Glauben und Hoffnung? Wofür werde ich mich entscheiden?

Unsere Wochenlesung ist eine Parascha der Wahl, in der wir wählen. In den vorigen Wochenlesungen hat Mose dargelegt, was dem Volk widerfahren wird, wenn es gesegnet wird, und was, wenn es verflucht wird. Doch in dieser Parascha gibt Mose dem Volk die Wahlfreiheit. Wie werden wir wählen? „Sondern das Wort ist sehr nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tun kannst.“

Mose bietet uns an, den Weg zu wählen, der uns nahe ist. Den Weg, den unser Herz uns weist, den Weg, den wir wirklich bereit sind zu gehen. Wenn ich die Antwort in fernen Ländern oder bei anderen Menschen suche, werde ich sie nicht finden. Die richtige Wahl ist der Weg meines eigenen Herzens. Was werden wir wählen? „Ich nehme heute Himmel und Erde wider euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt; so erwähle nun das Leben, auf dass du lebest, du und dein Same.“ Wir wählen das Leben.

Das ist die einzige Wahl, die in unseren Händen liegt. Wir können nicht wählen, ob Gott uns mit Segen oder Fluch bedenkt – das Verborgene gehört dem Ewigen, unserem Gott – aber wir können wählen, wie wir unser Leben leben. Wir haben die Wahl zwischen einem Leben, das Lebendigkeit schafft, Entwicklung, Segen, Erlösung und Kontinuität (du und deine Nachkommen), und einem Leben des Todes, einem Leben, das Freude, Kreativität und Leidenschaft unterdrückt. Alles ist vorherbestimmt, aber der Mensch hat die Freiheit der Wahl. Wofür wirst du dich entscheiden? Wähle das Leben.

Übrigens ist das auch der Titel meines Buches „Wähle das Leben“, aus tiefem Glauben, dass gute Entscheidungen uns ein Leben voller Glauben und Segnungen schenken. Heute spreche ich ein Dankgebet für all die Male, in denen ich es geschafft habe, das Leben für mich zu wählen. Für all die Male, in denen ich es geschafft habe, näher zu kommen und die Antwort meines Herzens zu finden, eine Antwort, die Ruhe und Freude brachte. Ich danke für die Segnungen in meinem Leben und für die Kraft, die mir Gott gegeben hat, mit den Herausforderungen umzugehen.

Dieses Jahr lesen wir neben der Nitzawim auch die folgende Wochenlesung Wajelech – Er ging. In dieser Parascha ermutigt Mose uns mit zwei wunderbaren Worten: „Sei stark und mutig!“ Mit diesen Worten stärkt er auch den neuen Anführer, Josua ben Nun, der ihn ablösen wird.

Und wer, wenn nicht Mose, der Volksführer, der unzählige Stürme in seinem Leben durchgestanden hat und dennoch immer mit starkem Glauben und Mut das Volk führte, das sich oft in der Wüste verloren fühlte, wer, wenn nicht Mose, hat das Recht, uns mit diesen Worten zu ermutigen, wenn unser Mut schwindet. Diese beiden Worte haben die Kraft, uns wieder auf den rechten Weg zu bringen.

„Sei stark und mutig“ – das ist auch mein Gebet und meine Hoffnung für dieses Jahr, dass wir einen starken und mutigen Führer haben, der die Zügel in die Hand nimmt und das Volk Israel zur Einheit führt. Dafür braucht es Stärke und Mut. Wie ich schon erwähnt habe: Unsere Stärke liegt in unserer Einheit. Wenn wir vereint sind, kann uns kein Feind überwältigen. Denn wenn wir vereint sind, erfüllen wir automatisch Gottes Gebote und als Folge sind wir stark und mutig. Heute, an diesem Tag, am Vorabend des Schabbats, kurz vor Beginn des neuen Jahres, erhebe ich meine Stimme zum Gebet: Unser Vater im Himmel, unser König, erneuere für uns ein gutes Jahr. Bring uns Frieden, Gutes und Segen und gebe uns einen würdigen und verantwortungsbewussten Anführer. Erlöse uns! Amen.

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Patrick Callahan

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