Am Schabbat verbringe ich, wie es orthodoxe Juden tun, viel Zeit in der Synagoge. Ich habe meinen Stammplatz, an dem ich während des Morgengebets und am Nachmittag während meines Torahstudiums sitze.
Vor einigen Wochen saß beim Morgengebet plötzlich eine israelische Familie auf den Plätzen hinter mir, was mir überhaupt nicht gefiel. Meine Gemeinde besteht größtenteils aus „Chutznikim“, Leuten wie mir, die als Erwachsene nach Israel eingewandert sind. Wir sind also im Vergleich zu „Sabras“ – echten Israelis – zivilisiert. Während des Gebets wird nicht gesprochen, man bleibt am Platz und versucht, sich auf sein Gespräch mit Gott zu konzentrieren.
Eine chaotische Priesterfamilie
Die neue Familie besteht jedoch aus einigen Jungs, denen es offensichtlich schwerfällt, ruhig zu sitzen, was mich bei meiner heiligen Meditation stört. Abgesehen davon sind sie jedoch sehr nett, immer gut gelaunt und sie sind sogar Kohanim. Sie sind also Nachfahren des biblischen Aron, dem ersten Priester (Kohen) des Volkes Israel.
Als Kohanim spricht die Familie während des Morgengebets den priesterlichen Segen über die Gemeinde und einer von ihnen wird als erster aufgerufen, vor der Torahlesung den Segen über die Torah zu sprechen. Wir hatten in der Vergangenheit während der Schabbat-Gebete unserer Gemeinde nicht immer Kohanim und jetzt haben wir regelmäßig drei, was uns sehr freut.
Vor einigen Wochen fragte ich den Vater, warum sein ältester Sohn nicht zum Morgengebet gekommen war und er antwortete, er sei gerade in Rafah in Gaza im Einsatz. „Kol HaKavod!“ (Respekt!) antwortete ich, „möge er sicher und erfolgreich sein!“
Am vorigen Schabbat sah ich den jungen Mann während des Mittagsgebets, als er auch hier als erster aufgerufen wurde, den Segen über die Torah zu sprechen. Er trug Shorts, Flip-Flops, lächelte und sah überhaupt nicht wie ein furchterregender Soldat aus. Aber wie viele 19-jährige sehen mit ihren Milchgesichtern schon wie hartgesottene Soldaten aus?
Die Schreckensmeldung
An diesem Sonntagmorgen war das erste, das ich von meiner Frau hörte: „Kennst du den Jungen aus unserer Gemeinde, der in Rafah lebensgefährlich verletzt wurde?“
„Wie bitte?“ Ich dachte, ich höre nicht richtig und schaute sofort auf die Nachrichten in der WhatsApp-Gruppe unserer Gemeinde. Ja, hier stand es. Der nicht genannte, schwer verwundete Soldat, über den ich am Abend zuvor in den Nachrichten gelesen hatte, war unser Kohen! Gestern Nachmittag hatte ich ihn noch gesehen und heute Morgen befand er sich in kritischem Zustand im Krankenhaus. Er war wohl nach Ende des Schabbats zu seiner Einheit im Gazastreifen zurückgekehrt.
Anscheinend wurde das Gebäude in Rafah, in dem er sich befand, von einer Anti-Panzer-Rakete getroffen.
Unsere Gemeinde organisierte sofort Gebetsrunden und sogar einen Bus, der uns zur Klagemauer brachte, um dort für unseren Jungen zu beten. Seitdem sagen wir Psalmen auf, beten regelmäßig für seine Genesung und versuchen, der Familie beizustehen so gut wir können.
Es sind nun einige Tage vergangen, in denen ich nichts Neues über den Zustand unseres heiligen Soldaten erfahren habe und ich muss zugeben, ich habe Angst zu fragen. Solange ich nichts höre, lebt er noch und so soll es bleiben.
Wenn auch Sie sich unseren Gebeten für Yoni anschließen möchten, beten Sie für eine vollständige Genesung von Yehonatan Aharon ben (Sohn von) Yisraela.




