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Tacheles mit Aviel – Der Sieg im Krieg verweht

Tacheles, offen und unverblümt sage ich meine Meinung. In diesen Tagen besteht eine große Kluft zwischen Worten und Gefühlen.

Israelische Soldaten besuchen den Schauplatz des Massakers beim Nova-Musikfestival in Re'im, nahe der Grenze zwischen Israel und Gaza, 14. Januar 2024. Foto: Chaim Goldberg/Flash90

Die Minister in der Regierung predigen vom Krieg bis zum Sieg, aber Tacheles, das Volk fühlt und sieht etwas ganz anderes. Das Volk, die Soldaten und Reservisten sehen weniger einen glorreichen Sieg, von dem die Regierung so schwärmt. Im Gegenteil, das Tempo der israelischen Kämpfe im Gazastreifen hat sich deutlich verlangsamt und die Reservisten werden bis Ende Januar abgezogen sein. Aber das Ziel ist noch lange nicht erreicht. Das Hamas-Regime wurde nicht zerschlagen, und 136 Geiseln sind immer noch irgendwo in den unterirdischen Tunneln versteckt. Alle verstehen, dass die israelische Regierung die Operationspläne der israelischen Armee im Gazastreifen stoppt, und das frustriert die Menschen. Ja, Amerika sitzt Israel im Nacken und fordert einen Kurswechsel im Krieg. Aus amerikanischer Sicht kann es so nicht weitergehen. Und aus israelischer Sicht ist der Sieg im Krieg dahin. Und das ist kein Witz.

Doch das hält den israelischen Regierungschef nicht davon ab, seinem Volk einen Sieg zu versprechen. „Wir werden nicht aufhören, bis wir die terroristischen Fähigkeiten der Hamas zerstört haben“, sagte Benjamin Netanjahu vor einer Woche zu den evakuierten Familien rund um den Gazastreifen. Zum ersten Mal formuliert Netanjahu das Ziel anders. Nicht mehr die Vernichtung der Hamas, sondern die Vernichtung ihrer terroristischen Fähigkeiten. Das ist ein Unterschied. Auch Bibi und seine Regierung beginnen zu verstehen, dass Israel wahrscheinlich nicht in der Lage sein wird, die Hamas als Kollektiv zu zerstören, sondern nur ihre Fähigkeiten. Das heißt, die Führung oder Teile der Führung bleiben am Leben, weil Israel nicht in der Lage ist, die fanatische Ideologie der Hamas aus den Köpfen der Palästinenser zu verdrängen.

„Bring them Home – Bringt Sie Nachhause“ – Fotos von Zivilisten, die von Hamas-Terroristen in Gaza als Geiseln gehalten werden, in Tel Aviv. 17. Januar 2024. Foto: Miriam Alster/FLASH90

Die Entscheidung liegt in den Händen der Regierung und des Kriegskabinetts. Beide müssen entscheiden, wie die israelischen Streitkräfte im Gazastreifen vorgehen sollen. Das ständige Gerede von „Wir siegen. Gemeinsam siegen wir. Wir kämpfen, bis wir die Hamas vernichtet haben“ sind in den letzten Wochen zu leeren Worten geworden. Das allgemeine Gefühl im Volk ist, dass wir den Krieg nicht gewinnen werden, wie wir es uns gewünscht haben und wie es uns von der Regierung hoch und heilig versprochen wurde. Der Minister des Kriegskabinetts, Gadi Eisenkot, erklärt gegenüber dem Fernsehkanal 12, dass die Hamas von Israel nicht vernichtet werden kann und wird. „Das ist ein unrealistisches Ziel“, betont Eisenkot, dessen Sohn Gal vor wenigen Wochen im Gazastreifen gefallen ist. Ähnlich äußerten sich hochrangige IDF-Offiziere gegenüber der amerikanischen New York Times: „Es ist nicht möglich, die Hamas zu vernichten und gleichzeitig die Freilassung der Geiseln zu erreichen.“ Dem Bericht zufolge herrscht in der Armee Frustration über die Verlangsamung des Kampftempos und der politischen Strategie für den Umgang mit dem Gazastreifen. Es wächst die Einsicht, dass die Geiseln nur durch politische Maßnahmen befreit werden können.

Was die vier Offiziere der amerikanischen Zeitung gesagt haben, weiß jeder Israeli im Land. Seit Monaten diskutieren wir darüber, dass es praktisch unmöglich ist, die Hamas zu vernichten und eine Operation zur Befreiung der Geiseln durchzuführen. Die Soldaten sind total frustriert, weil die Regierung sie bremst. Das sind ihre Gefühle, ob sie recht haben oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Das ist es, was wir von unseren Söhnen und Freunden in der Armee hören. Im Moment scheint alles festgefahren zu sein. Jeder redet und träumt vom Sieg, aber er verpufft. Auch wenn es nur Gefühle sind, haben sie in der israelischen Gesellschaft Gewicht.

Israelische Soldaten in der Nähe des Grenzzauns zum Gazastreifen, im Süden Israels, am 14. Januar 2024. Foto: Chaim Goldberg/Flash90

Aus diesem Grund haben Offiziere die Führung des Volkes aufgerufen, das Wort zu ergreifen. 130 Kommandeure und Offiziere der Reserve, vom Generalleutnant bis zum General, die am Krieg im Gazastreifen teilgenommen haben oder aktiv daran beteiligt sind, haben vorgestern einen ungewöhnlichen Brief unterzeichnet. Dieser Brief ist an die Mitglieder des Kriegskabinetts und an den Generalstabschef Herzi Halevi gerichtet. Die Unterzeichner fordern, die Rückkehr von rund einer Million aus dem südlichen Gazastreifen vertriebenen Palästinensern in ihre Häuser im nördlichen Gazastreifen weiterhin zu verhindern, solange die 136 von den Hamas-Terroristen entführten Israelis nicht freigelassen werden. „In den letzten Tagen hat die israelische Armee damit begonnen, die Reservebrigaden langsam abzuziehen, und in unseren Köpfen tauchen sofort Fragen auf: Haben wir unseren Auftrag gerecht erfüllt und wie können die Erfolge auf dem Schlachtfeld nun in Erfolge auf strategischer Ebene umgesetzt werden? Leider ist die offensichtliche Antwort, dass die IDF und die israelische Regierung nicht in der Lage sind, die errungenen Siege in einen klaren und überwältigenden Sieg auf systemischer und strategischer Ebene umzuwandeln“, so der Brief.

Laut einer aktuellen Umfrage der Bewegung „Reservisten bis zum Sieg“ unterstützen 92 Prozent der Juden in Israel uneingeschränkt „die Vernichtung der Terrororganisation Hamas und die Fortsetzung des Krieges bis zur vollständigen Kontrolle des Gazastreifens“. Die Reservisten haben vor der Knesset in Jerusalem ein Protestzelt aufgebaut und fordern, den Krieg bis zum Ende zu führen. Die Umfrage wurde vom Institut Mano Geva durchgeführt und in der religiösen Zeitung Makor Rischon veröffentlicht. Auf die Frage „Sollte der Staat Israel die Entscheidungen über die Zukunft des Gazastreifens unabhängig und ohne Einmischung von außen treffen“, antworteten 73 Prozent mit Ja. Die restlichen 23 Prozent bestehen auf einer Einmischung der USA.

Siehe: Der Sieg ist wichtiger als die Unterstützung der USA

Bei der Frage, was nach dem Krieg mit dem Gazastreifen geschehen soll, ist das Meinungsbild gespalten: 29,5 Prozent der Befragten sind für eine zivile und militärische Kontrolle des gesamten Gazastreifens durch Israel, einschließlich neuer jüdischer Siedlungen. 26 Prozent befürworten eine vollständige Sicherheitskontrolle durch die IDF unter einer palästinensischen Zivilverwaltung. 23 Prozent sagen, dass die Kontrolle über den Gazastreifen in internationale Hände gelegt werden sollte. Darüber hinaus unterstützen 71 Prozent den Vorschlag, die freiwillige Massenauswanderung von Palästinensern aus dem Gazastreifen zu fördern. Die Mehrheit der israelischen Bevölkerung hat das Vertrauen in die Palästinenser verloren.

Palästinenser am Ort eines israelischen Luftangriffs in Rafah im südlichen Gazastreifen, am 26. Dezember 2023. Foto von Abed Rahim Khatib/Flash90

In dem Brief fordern die Offiziere vom Kriegskabinett, dass „die Armee die Evakuierung der Palästinenser aus der Stadt Gaza beendet und keine humanitären Maßnahmen mehr zulässt. Die Versorgung und der Betrieb der Krankenhäuser in Gaza sollen ebenso wenig erlaubt werden wie die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge, „solange die israelischen Entführten nicht nach Hause gebracht werden“. Die Kommandeure prüften dazu das Völkerrecht, das die Belagerung bestimmter Gebiete unter der Bedingung erlaubt, dass den dortigen Bewohnern Fluchtkorridore gewährt werden.

„Es ist moralisch, militärisch und politisch korrekt und steht im Einklang mit dem Völkerrecht. Wir erklären mit klarer und starker Stimme: ‚Wir werden nicht zurückkehren, bis wir gewonnen haben. Wir haben die Chance, die Realität grundlegend zu verändern. Übernehmt die Führung des Volkes und vermeidet Streit und Uneinigkeit. Steht vereint gegen den Feind und lasst uns den Rest im Krieg erledigen“.

Das Volk will kämpfen und ich kenne niemanden, der das nicht will – vielleicht nur meine linksradikalen Freunde, die alles verdreht sehen und zur kleinen Randgruppe im Land gehören.

Eltern von israelischen Soldaten, die im Gazastreifen eingesetzt sind, und Aktivisten protestieren gegen Lastwagen mit humanitärer Hilfe, die in den Gazastreifen fahren, in der Nähe des Kerem Shalom Grenzübergangs im Süden Israels, 9. Januar 2024. Foto von Flash90

Die Menschen wollen alles oder nichts. Wenn die Hamas im Süden und die Hisbollah im Norden nicht besiegt werden, werden die evakuierten Familien nicht in die gefährlichen Grenzgebiete zurückkehren. Das Land befindet sich in einer riskanten Situation, denn ohne eine Abschreckungsstrategie hat Israel kaum eine Chance, in Frieden zu leben, und das versteht jeder im Land. Und ich sehe – im Moment – nicht, dass Israel in diesem Jahr seine Abschreckungsstrategie zurückgewinnt. Was ich und viele andere befürchten, ist, dass die israelischen Truppen wie damals, als sie bis zum Sommer 2000 für 18 Jahre im Südlibanon festsaßen, jetzt wieder im Gazastreifen festsitzen werden. Das ist schlecht bis sehr schlecht. Israel muss den Krieg mit einem Knockout gewinnen, alles andere bringt nichts. Es bleibt nur eine kurze Periode der Ruhe ohne Sicherheit.

Die Regierung muss mutige und egoistische Entscheidungen treffen, die in erster Linie nur Israel und nicht seinen Feinden dienen – und das ist nicht einfach. Alles andere macht auf Dauer einfach keinen Sinn, bringt keine Ruhe, keine Sicherheit, keine Stabilität. Von Frieden kann keine Rede sein. Und das spürt das Volk.

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Patrick Callahan

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4 Kommentare zu “Tacheles mit Aviel – Der Sieg im Krieg verweht”

  1. Kay Kublenz sagt:

    Jeder kann es sehen, der es sehen will, dass Israel den Palästinensern nicht mit gleicher Münze heimzahlt, sondern friedliche „Zivilisten“ schont.
    Davor habe ich große Achtung.
    Aber nach diesem 7.10.23 darf keine Mildtätigkeit mehr sein, denn die Palästinenser haben ja nicht nur die Hand, die sie füttert, abgehackt, sondern auch die Kinder dieser friedlichen Menschen brutal verletzt und getötet.
    Die Israelis nahe Gaza waren nicht nur friedlich, sondern auch gr0ßzügig, und haben Menschen aus Gaza Arbeit gegeben.
    Jetzt muß man die Hilfe für Gaza stoppen, damit sie die Möglichkeit haben, ihre Worte und Taten zu bereuen.
    Nach einer bedingungslosen Kapitulation könnte wieder Hilfe stattfinden.
    Das wäre ein gutes Signal für die ganze Welt.

  2. marie.luise.notar sagt:

    Das, was von den Militärs mit vielen, vielen persönlichen Erfahrungen gefordert wird, klingt total normal und gut und richtig….abgesehen von der Tatsache, dass
    der einzige GArant für einen Sieg nicht auf der ERde zu finden ist, sondern in der Bibel und im Himmel….Gott lässt mit sich reden, er hört Gebete, viele Christen beten sehr hingegeben für Israel und unser Wunsch an das Land wäre, dass auch
    in Israel das Gebet in der Wahrheit und im Geist zunehmen….wichtiger Bestandteil dabei ist das Herz des Menschen für Gott…und sein ganzes Wort.

  3. Martin Hundert sagt:

    Ich bin erstaunt, dass die IDF zeitweilig Weisheit braucht. Wenn schon bekannt ist, dass hinter jeder Ecke ein Terrorist lauert, geht man nicht mit zehn Soldaten in ein zu sprengendes Haus.

  4. Georg Lutter sagt:

    Aviel Schneider bringt die Situation auf den Punkt. Ich befürchte, dass die Israelische Regierung keine wirklichen Massnahmen für die dauerhafte Sicherheit
    ihrer Bürger durchführen wird. Traurig!

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