Im Januar 2016 stieß der Mossad auf verdächtige Aktivitäten des iranischen Verteidigungsministeriums.
Geheimdienstinformationen zeigten, dass Mitarbeiter des Ministeriums systematisch Dokumente aus verschiedenen Orten im ganzen Land sammelten und heimlich in ein ziviles Lagerhaus in einem Industriegebiet im Süden Teherans brachten.
Bei dem Versuch, den Zusammenhang zwischen diesen Dokumenten zu erkennen, kam der Mossad zu dem Schluss, dass alle Unterlagen mit dem iranischen Atomprogramm zu tun hatten. „Bereitet euch darauf vor, dieses Material nach Hause zu holen“, befahl der damalige Mossad-Chef Yossi Cohen seinen Agenten.
Es dauerte zwei Jahre, bis dieser zunächst als unmöglich erscheinende Auftrag mit großem Erfolg ausgeführt wurde. Im Januar 2018 brachen Mossad-Agenten in das Lagerhaus im Herzen Irans ein und brachten das mit, was später als das „iranische Nukleararchiv“ bekannt wurde – „eine halbe Tonne belastender Dokumente über Irans Atomprogramm“, wie es eine Quelle beschrieb, die vollständigen Einblick in das Material hatte.
Unter den umfangreichen Dokumenten fanden sich auch Informationen, die dem israelischen Geheimdienst bis dahin unbekannt waren. Dazu gehörten Namen und Standorte mehrerer Anlagen, an denen Iran geheime militärische Nuklearaktivitäten durchgeführt hatte. „Von diesen Standorten erfuhren wir erst durch den Diebstahl des Archivs“, sagt die Quelle.
Doch das Archiv enthielt noch weitaus mehr: Es lieferte eindeutige Beweise für Irans Täuschungsmanöver gegenüber der Aufsicht über sein Atomprogramm.
Die in Teheran erbeuteten Papiere zeigten Schwarz auf Weiß, wie Iran alles daransetzte, seine Aktivitäten vor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), dem zuständigen UN-Gremium zur Überwachung ziviler Nuklearprogramme, zu verbergen.
Die Archivdokumente bestätigten, was Israel seit Jahren behauptet hatte: Iran führt die IAEO-Inspektoren und die gesamte Weltgemeinschaft an der Nase herum, reicht gefälschte Berichte ein, manipuliert Dokumente, inszeniert Täuschungsmanöver, zerstört und säubert Nuklearanlagen, um belastende Spuren zu beseitigen, und bringt Ausrüstung sowie Material von verdächtigen Standorten in Sicherheit, um deren Verbindung zum militärischen Atomprogramm zu verschleiern.
Mehr als sieben Jahre nach dieser spektakulären Mossad-Operation und angesichts der aktuellen Verhandlungen zwischen Washington und Teheran über ein neues Atomabkommen lohnt sich ein erneuter Blick auf das iranische Nukleararchiv. Die dort gewonnenen Informationen lassen keinen Zweifel: Iran hat über Jahre hinweg alles getan, um die Kontrollmechanismen zu unterlaufen und gleichzeitig sein Atomwaffenprogramm voranzutreiben. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass es diesmal anders sein wird.
Über und unter der Erde
Einer der im Archiv enttarnten Atomstandorte liegt südlich von Teheran nahe der Stadt Varamin. Die gestohlenen Dokumente belegen, dass dort Anfang der 2000er Jahre ein Forschungs- und Entwicklungszentrum zur Herstellung von Yellowcake (Uranoxid) und dessen Umwandlung in für Nuklearwaffen notwendige Uranverbindungen betrieben wurde.
Ein Teil der Ausrüstung und des Materials wurde demnach später in ein nicht näher bezeichnetes Gebäude im Teheraner Stadtteil Turquzabad verlagert – nicht weit entfernt von dem Lagerhaus, aus dem das Nukleararchiv gestohlen wurde. Die Dokumente enthüllten, dass das als Teppichfabrik getarnte Lagerhaus seit 2009 als geheimes Depot für nicht deklariertes Nuklearmaterial und zugehörige Ausrüstung diente. Der israelische Geheimdienst hatte diese Anlage zuvor nicht auf dem Radar.
Weitere Informationen aus dem Archiv betreffen den Standort Lavizan, den der Mossad bereits als Atomstandort identifiziert hatte und der auch von der IAEO untersucht worden war. Israel schätzt, dass Lavizan Ende der 1990er Jahre als Zentrale für das iranische Atomwaffenprogramm diente, mit Labors zur Produktion von Yellowcake, zur Uranumwandlung und zur Anreicherung.
2002 wurde das Gelände von iranischer Seite vollständig zerstört, der Boden abgetragen und eingeebnet, und an seiner Stelle ein Stadtpark errichtet. Das Archiv enthält Fotos des Lavizan-Geländes vor und nach dessen Zerstörung.
2004 – zwei Jahre nach der Zerstörung – forderten IAEO-Inspektoren Zugang zu Lavizan, um dort nach Spuren angereicherten Urans zu suchen. Dabei wollten sie unter anderem zwei sogenannte Whole Body Counter (WBC)-Geräte überprüfen, die zur Strahlungskontrolle von Mitarbeitern vor Ort eingesetzt worden waren. Iran erklärte damals, die Geräte seien in Containern abtransportiert worden. Die IAEO konnte einen der Container erreichen, doch als sie den zweiten Container untersuchen wollte, behauptete Iran, dieser sei verkauft worden und es gebe „keine Spur mehr davon“.
Ein im Archiv gefundenes Dokument des Verteidigungsministeriums analysierte die IAEO-Untersuchungen und äußerte Sorge über deren Beharren auf der Untersuchung des zweiten Geräts. Laut israelischer Einschätzung lag das daran, dass Iran wusste, dass bei einer Prüfung dieses Containers nicht gemeldete Nuklearaktivitäten aufgedeckt worden wären.
Ein weiteres Schreiben aus dem Jahr 2005 im Archiv zeigt, wie iranische Beamte hofften, die Angelegenheit – ähnlich wie beim Fall Lavizan – durch „zusätzliche Erklärungen“ abwiegeln zu können.
Im Zusammenhang mit einer Uranmine in Gachin und einer Yellowcake-Anlage in Bandar Abbas fand sich im Archiv außerdem der Beweis, dass Iran ein Dokument des Justizministeriums gefälscht hatte, um der IAEO eine falsche Darstellung der Vorgänge an diesen beiden Standorten vorzulegen.
In einem anderen Dokument schrieb der damalige stellvertretende Verteidigungsminister Hoseini Tash an den Chef des Atomprojekts, Mohsen Fakhrizadeh: „Das [die Standorte in Gachin und Bandar Abbas] ist eines der Themen, zu denen sie [die IAEO] uns früher oder später befragen werden. Daher brauchen wir dafür ein umfassendes Szenario.“ Mit anderen Worten: eine plausible Vertuschungsgeschichte.
Das Amad-Programm
Irans Täuschungsversuche gegenüber der IAEO beziehen sich vor allem auf Aktivitäten in den 1990er und frühen 2000er Jahren – insbesondere auf das militärische Nuklearprogramm mit dem Codenamen „Amad-Programm“.
Dieses Programm, unter der Leitung des Atomwissenschaftlers Fakhrizadeh (der 2020 in der Nähe Teherans ermordet wurde), lief zwischen 1999 und 2003 und hatte das Ziel, eine geringe Anzahl von Atombomben herzustellen, die auf ballistische Raketen montiert werden konnten.
Beispielsweise zeigen Archivdokumente, dass die Anreicherungsanlage in Natanz, die Iran erst meldete, nachdem sie 2002 enttarnt worden war, als Vorbild für Experten des Amad-Programms diente. Diese besuchten Natanz, konsultierten das dortige Management und planten parallel eine weitere geheime Anreicherungsanlage. Dabei inspizierten sie auch die dort eingesetzten Zentrifugen.
Diese zusätzliche Anlage war offenbar der Standort Fordow, der 2009 öffentlich wurde. Dort hatte Iran jahrelang unterirdische Tunnel gegraben und sie für die Urananreicherung ausgerüstet – ohne Meldung an die IAEO.
Der Plan: In Natanz unter IAEO-Aufsicht niedrig angereichertes Uran herstellen, während in Fordow heimlich Uran auf über 90 % angereichert werden sollte – genug für den Kern einer Atombombe.
Auch nachdem das Amad-Programm 2003 eingefroren worden war, setzte Iran die Vorbereitungen in Fordow fort – diesmal unter dem Deckmantel der zivilen Atomenergiebehörde. Im Archiv fanden sich Diagramme der Anreicherungstunnel und der geplanten Zentrifugen.
Spuren angereicherten Urans
Nach dem Diebstahl des Archivs entschied Israel, die gesammelten Informationen vollständig an die IAEO weiterzugeben.
„Das Archiv war entscheidend, um Irans Atomprogramm die Maske vom Gesicht zu reißen“, sagt ein beteiligter Sicherheitsexperte. „Es enthielt viel bislang unbekanntes Material, das wir daher an die IAEO übergeben haben.“
Israel half der IAEO auch dabei, gezielt die Stellen im Archiv zu identifizieren, die auf verborgene Nuklearaktivitäten hinwiesen – genau dort, wo die IAEO tätig werden durfte.
„Die IAEO untersucht nur die Aktivitäten mit spaltbarem Material, nicht etwa die Waffenentwicklung selbst“, erklärt der Sicherheitsexperte. „Deshalb mussten wir das Material so durchforsten, dass Verstöße im Bereich des spaltbaren Materials aufgedeckt werden konnten.“
Auf Grundlage dieser Dokumente forderte die IAEO Iran mehrfach auf, Proben an nicht deklarierten Standorten zu nehmen. Iran lehnte dies immer wieder mit unterschiedlichen Ausreden ab.
Um den Druck zu erhöhen, enthüllte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu im April 2018 in seiner Rede vor der UN-Generalversammlung den Turquzabad-Standort und kritisierte die IAEO dafür, dass sie dort trotz der Archivdokumente keine Untersuchungen vorgenommen hatte.
Diese diplomatische Offensive zeigte offenbar Wirkung. Anfang 2019 konnte die IAEO in Varamin tatsächlich Spuren von Nuklearmaterial finden: darunter verarbeitetes Natururan, niedrig angereichertes Uran mit dem Isotop Uran-236 (ein Hinweis auf Bestrahlung in einem Reaktor) und abgereichertes Uran, das beim Anreicherungsprozess entsteht. Damit war die Echtheit der Archivdokumente bewiesen.
Auch in Turquzabad fand die IAEO nach langer Verzögerung schließlich Uranrückstände, die nicht mit den iranischen Erklärungen („chemische Produktion für zivile Zwecke“) in Einklang standen. Gleiches galt für die iranischen Behauptungen bezüglich Varamin.
Zerstörte Beweise, aber nicht spurlos
Irans wiederholte Verzögerungstaktiken verfolgten das Ziel, vor den Inspektionen Zeit zu gewinnen, um die belastenden Standorte dem Erdboden gleichzumachen. So wurde das Gelände in Varamin eingeebnet und in eine landwirtschaftliche Fläche umgewandelt.
Doch die Versuche, Beweise zu vernichten, waren vergeblich: „Angereichertes Uran haftet auf molekularer Ebene und lässt sich kaum restlos entfernen“, erklärt ein ehemaliger Geheimdienstler. „Da hilft auch kein Wasser und kein Umgraben – genau das ist Iran zum Verhängnis geworden.“
Die Erkenntnisse aus dem Archiv und die IAEO-Funde galten als diplomatischer Erfolg für Israel: 2019 leitete die IAEO vier Untersuchungen gegen Iran wegen nicht gemeldeten Nuklearmaterials ein – basierend auf den Archivinformationen, bekannt als „die offenen Akten“.
Kaum Konsequenzen
Doch die Untersuchungen der IAEO verliefen weitgehend im Sande. Zwei der vier Verfahren wurden rasch eingestellt, die anderen beiden sind weiterhin offen, doch es ist nicht zu erwarten, dass sie zu klaren Ergebnissen oder gar zu ernsthaften Maßnahmen gegen Iran führen werden.
Unterdessen behindert Iran weiter die Arbeit der IAEO, verweigert den Zugang zu Inspektoren und lehnt Prüfungen mit immer neuen Vorwänden ab.
Der Chef der IAEO, Rafael Grossi, räumte vor etwa einem Jahr ein: „Iran ist nur noch wenige Wochen – nicht Monate – von einer Atombombe entfernt.“ Und: „Dass wir keinen ausreichenden Zugang zu den nuklearen Anlagen des Landes erhalten, verschärft die Lage nur weiter.“
Diese Worte sollten auch den amerikanischen Unterhändlern, die derzeit mit Teheran über ein Atomabkommen verhandeln, im Ohr bleiben. Die Ausgangslage muss sein: Iran wird erneut alles tun, um die Bedingungen des Abkommens zu verletzen und den Weg zur Bombe weiterzugehen.
Ursprünglich veröffentlicht von Israel Hayom.




